05. Juni 2019

Franz Hohler sucht immer Gründe für die Hoffnung

Franz Hohler hat als Kabarettist, Autor und Liedermacher immer wieder Grenzen ausgelotet. Ein Gespräch über Grenzsituationen und -überschreitungen, sprachlich, politisch, ganz persönlich.

Franz Hohler
Franz Hohler und der Humor: «Der Witz zielt dorthin, wo eine Grenze verläuft – die des guten Geschmacks oder der politischen Korrektheit etwa.»

Franz Hohler, an welche Grenzen müssen wir uns beim Gespräch mit Ihnen halten?
Fragen sind grenzenlos. Aber ich setze schon Grenzen, wenn es mir zu weit geht.

Sind schlechte Witze in Ordnung?
Probieren Sie es!

Zwei Blondinen bewerfen sich mit Stroh. Wie nennt man das?
(Lacht) Alles zielt auf strohblond. Aber das ist es wohl nicht ...

Man nennt es Gedankenaustausch.
(Lacht nicht) Gedankenaustausch …

War das jetzt in Ordnung?
Also, ich würde diesen Witz nie erzählen – weil er miserabel ist.

Haben wir eine Grenze überschritten?
Wenn Sie als Frau einen solchen Witz erzählen, überschreiten Sie keine Grenze. Dann sind Sie selbst schuld. Wenn ich es als Mann täte, würde ich mich nicht wohlfühlen.

Darf man Witze erzählen, die sich gegen eine bestimmte Personengruppe richten?
Es kommt auf den Rahmen an: Verlangen Sie Eintritt, wenn Sie solche Witze erzählen? Das wäre für mich heikel. Ich habe aber schon oft Menschen untereinander genussvoll Witze erzählen gehört, die man in der Öffentlichkeit niemals erzählen dürfte. Der Witz ist das Kleingeld des Geistes. Er zielt dorthin, wo eine Grenze verläuft – die des guten Geschmacks oder der politischen Korrektheit zum Beispiel.

Welche Grenze darf ein Witz nie überschreiten?
Dürfen, müssen: Diese Forderungen sind problematisch. Im Prinzip darf der Humor alles. Aber er muss mit Reaktionen rechnen. Ich persönlich finde, dass der Humor nicht auf Kosten der Schwächeren gehen soll.

Ist es Ihnen mal passiert, dass Sie mit Humor eine Grenze überschritten haben?
Es wurde mir gesagt, aber ich selbst habe es nie so empfunden.

Die Grenzen des Humors sind also individuell?
Sie sind dort, wo ich sie spüre. Bei jemand anderem verläuft die Grenze woanders. Wir haben aber auch kollektive Grenzen: Es gibt ein Anti-Rassismus-Gesetz; damit werden Grenzüberschreitungen einklagbar. Ich finde es gut zu wissen, dass es einen Schutz gibt, eine Grenzpolizei.

Mit Ihrer bekannten Geschichte vom «Totemügerli» haben Sie der ganzen Schweiz – ausser vielleicht den Bernern – erfundene Wörter als existierend vorgegaukelt. War das okay?
Ja sicher (lacht). Das macht doch Spass: eine Parodie auf eine Sprache.

Gewisse Ausdrücke aus dem «Totemügerli» sind sogar in die Sprache eingeflossen.
Ein sehr vergnüglicher Effekt. Es gibt ein berndeutsches Wörterbuch, das ständig aktualisiert wird. Ich erhalte ab und zu Meldung, dass ein Wort von mir aufgenommen worden sei. «Desumeschirggele» oder «aschnäggele» taucht heute als Alltagssprache auf. Eigentlich wollte ich mit dem «Totemügerli» eine Art Urberndeutsch kreieren. Also fing ich an, aus einem berndeutschen Wörterbuch ungewöhnliche Wörter herauszuschreiben. Beim Buchstaben B etwa dachte ich: Das ist ja endlos, da kann ich genauso gut selber Wörter erfinden.

Eigentlich wollte ich mit dem «Totemügerli» eine Art Urberndeutsch kreieren.

Welche Grenzen hat die deutsche Sprache?
Jede Sprache hat Grenzen, aber die deutsche ist sehr anpassungsfähig. Neben dem Standard-Duden steht auf meinem Schreibtisch einer, der heisst: «Wie sagt man in der Schweiz?». Er enthält etwa 4000 schweizerische Ausdrücke. «Innert» zum Beispiel. «Innert 14 Tagen» würde ein Deutscher niemals schreiben. Oder «Trottoir».

Muss Sprache sich laufend verändern?
Unbedingt. Eine Sprache, die sich nicht verändert, stirbt ab. Ich bin ein Freund der Helvetismen, ich mag regionale Farben in der Sprache. Aber auch die englischen Ausdrücke finde ich gut. «Chillen» ist ein sehr lustiges Wort: «I muess no chli chille.» Oder auch «googeln», das ist geradezu ein Mundartwort. Wir haben so viele Fremdwörter, die inzwischen zu einem absolut selbstverständlichen Stück Sprache geworden sind. «Ciao» stammt aus dem Italienischen, «Coiffeur» aus dem Französischen, «Auto» aus dem Griechischen und «Schoggi» aus dem Aztekischen.

Sie spielen gern mit der Sprache. In einem Ihrer berühmtesten Texte reist eine Made nach Hongkong. Wie lange haben Sie das englische «made» angeschaut, bis es zur tierischen Made wurde?
Nicht lange (lacht). Häufig sind das spontane und einfache Gedanken.

Müssen Sie sich bei der Arbeit selber Grenzen setzen?
Ich mag durchaus Begrenzungen oder Einschränkungen, kleine Vorgaben von aussen. Einmal habe ich eine Geschichte für den schwedischen Rundfunk geschrieben. Er übertrug einen Deutschkurs und wollte dafür Texte vorlesen, und zwar mit dem Vokabular, das die Hörer bereits kannten. Also habe ich versucht, in der Geschichte ausschliesslich diese bekannten Wörter zu benutzen. Entstanden ist eine Fabel über Ökologie und Ökonomie mit dem Titel «Der Verkäufer und der Elch». Ohne die Begrenzung wäre der Text anders herausgekommen. Er ist heute der meistgedruckte unter meinen Texten.

Sie schreiben schon seit über 50 Jahren. Ihre Kreativität scheint grenzenlos.
Sagen wir es so: Kreativität hat auch mit Erfahrung zu tun. Wie behandelt man ein Motiv? Welche Form eignet sich? Schreibe ich einen Roman, ein Gedicht oder eine Kindergeschichte? Aber ich versuche, nicht nur von der Erfahrung auszugehen. Zurzeit schreibe ich ein Wintermärchen für Kinder zum Thema Klimawandel. Eine knifflige Aufgabe. Aber die Abwechslung hält frisch.

Sie sind 76 Jahre alt. Gibt es eine Altersgrenze fürs Schreiben?
Für mich nicht – bis jetzt. Solange ich ein nächstes Projekt habe, das ich gerne machen würde, bleibe ich dran. Das ist auch ein Privileg. Bei Klassenzusammenkünften habe ich es mit lauter Pensionierten zu tun.

Worüber schreiben Sie am liebsten?
Es geht nicht um das Worüber, sondern ums Schreiben an sich. Dabei werde ich ja selbst immer wieder überrascht. Zum Beispiel bei meinem Roman «Gleis 4». Er beginnt mit einer Szene am Bahnhof Zürich Oerlikon. Da steht eine Frau mit Koffer vor der Treppe. Sie will zum Flughafen. Ein Mann fragt sie, ob er ihr den Koffer tragen dürfe. Sie ist froh, weil sie sich gar nicht überlegt hat, wie sie den Koffer hochtragen soll. Er trägt ihn hoch, sie bedankt sich. Er verbeugt sich, fällt um und ist tot. Dann folgt das ganze Notfallprogramm. Er hat keine Ausweise dabei. Niemand weiss, wer der Mann ist. Das hat massgeblich damit zu tun, dass ich selbst auch nicht wusste, wer er ist. Ich musste es im Verlauf der Geschichte selber herausfinden.

Sie schreiben oft über Menschen. Wann stossen Menschen an ihre Grenzen?
Das müssen Sie jeden Menschen einzeln fragen. Es gibt solche, die nicht über ihre Gefühle sprechen können. Oder über ihre Beziehung. Da gibt es tausend Grenzen. Davon leben sehr viele Psychotherapeuten.

Wo hat die Menschheit ihre Grenzen erreicht?
Die ist schon lange daran, ihre Grenzen zu überschreiten. Für mich ist die Atomkraft eine deutliche Grenzüberschreitung. Das liegt weit ausserhalb von dem, was wir noch kontrollieren können. Die Kernspaltung erzeugt radioaktive Abfälle, die über Tausende von Jahren von der Biosphäre ferngehalten werden müssen. Und wir haben noch kein einziges funktionierendes Endlager. Von der Rüstungsindustrie will ich gar nicht sprechen. Die vorhandenen Atomwaffen würden ausreichen, um die ganze Welt auszulöschen.

Für mich ist die Atomkraft eine deutliche Grenzüberschreitung. Das liegt weit ausserhalb von dem, was wir noch kontrollieren können.

In der Sendung «Arena» sagten Sie, der Weltuntergang habe längst begonnen.
Die Klimadebatte erhält gerade neuen Schwung, die Jungen gehen auf die Strasse; sie haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

Und Sie?
Die Zeichen stehen nicht so gut. Jetzt gibt es ja die Gletscherinitiative, die ich auch unterstütze. Wenn Sie aber mit Glaziologen sprechen, sagen die, dass die Gletscher nicht mehr zu retten seien. Sie werden bis 2100 auf ganz geringe Reste schmelzen. Das ist eine dramatische Entwicklung. Die Perspektive ist seit Beginn der 70er-Jahre bekannt, aber man wollte es nicht glauben. Mich lässt hoffen, dass so viele Junge demonstrieren und nicht lockerlassen. Sie fordern die Politik heraus in einer Art, wie ich es schon lange nicht mehr gesehen habe. Und zwar völlig unabhängig von links und rechts, einfach aus dem elementaren Interesse heraus, zu überleben. Ich suche immer Gründe für die Hoffnung. Luther soll einen sehr schönen Satz gesagt haben: «Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Bäumchen pflanzen.» Das würde ich auch tun. Es entspricht meinem Lebensgefühl.

Was müsste sich in Ihren Augen, konkret ändern, damit der Weltuntergang abwendbar wäre?
Wir müssten unseren gesamten Energieverbrauch massiv senken und unsere Lebensweise überdenken. Man kann schon lange Gebäude herstellen, die mehr Energie produzieren, als sie brauchen. Es ist aber ein wenig aufwendiger. Und die ganze Selbstverständlichkeit, mit der wir Auto fahren, fliegen, unsere Häuser heizen, das müsste Punkt für Punkt immer wieder überprüft werden.

Auf dieser Welt gibt es ja auch geografische Grenzen, die uns zu schaffen machen. Wie sollten Ländergrenzen sein? Zugemauert und bewacht oder immer offen?
Derzeit gibt es ja die Trump’sche Vision von der amerikanischen Südgrenze. Diese Mauer ist etwas absolut Groteskes. Eine Mauer ist immer etwas Menschenfeindliches und immer ein Ausdruck von Fantasielosigkeit. Das Gegenteil wäre eine Verständigung mit den Nachbarn, die man offenbar fernhalten möchte. Gleichzeitig denke ich auch, dass die ganz offenen Grenzen eine Illusion sind, weil sie Probleme schaffen, die wir noch nicht einfach so meistern können.

Wie sollte die Schweiz mit ihren Grenzen umgehen?
So offen wie möglich. Wir haben ja auch einen ganz harten Grenzzaun in Chiasso. Aber das ist das Problem in ganz Europa: der unheimliche Zustrom aus den ärmeren Ländern, von Menschen, die keinen Ausweg mehr wissen.

Sie haben ein Manifest für Flüchtlinge geschrieben und verlangen darin Grosszügigkeit. Wie sieht die aus?
So, dass man möglichst viele wirklich bedrohte Menschen aufnehmen sollte. Bei der Frage, wer bedroht ist und wer nicht, gehen dann die Meinungen auseinander, etwa im Fall von Eritrea, das in meinen Augen kein «safe country» ist.

Wie gehen Sie mit Ihren eigenen Grenzen um? Wo liegen die?
Ich habe in meinem Haus für Medienschaffende Grenzen gezogen: Journalisten, die für ein Gespräch kommen, empfange ich in meinem Büro, nicht in der Familienwohnung. Ich habe nie eine Homestory gemacht, obwohl ich mehrfach danach gefragt wurde.

Wo ziehen Sie sonst noch Grenzen?
Wenn man einen gewissen Bekanntheitsgrad hat und auch den Ruf, für gewisse Probleme in unserer Welt und unserer Schweiz ansprechbar zu sein, häufen sich die Anfragen. Beispielsweise die, ob man einem Komitee beitreten wolle oder eine Aussage für oder gegen eine bestimmte Sache mache. Da muss ich aufpassen, dass ich mich selbst nicht überfordere. Ich muss auch mal Nein sagen, mich abgrenzen, auch wenn ich die Sache durchaus gut finde.

Welche Grenze haben Sie zuletzt überschritten?
Die deutsche. Ich war in Freiburg im Breisgau an einer Veranstaltung des Südwestrundfunks im Rahmen eines Festivals. Lustigerweise trug es den Titel «Grenzenlos».

Welche Grenze würden Sie niemals überschreiten?
Ich würde nie jemanden umbringen. Hoffentlich ...

Welches war die grösste Grenzerfahrung Ihres Lebens?
Als ich als Kind schwer krank war. Der Kinderarzt brachte mich damals mit seinem eigenen Auto an einem Sonntag von Olten nach Zürich. Als Zwölfjähriger merkte ich: Jetzt ist es ernst. Ich war damals in einer ersten philosophischen Phase und sagte mir: Du musst alles interessant finden. Ich wollte meine Kraft darauf verwenden, diese Erfahrung interessant zu finden – und habe die Krankheit auch überstanden.

Woran litten Sie denn?
Ich hatte das hämolytisch-urämische Syndrom. Das ist ein Abbau der roten Blutkörperchen, die sich nicht mehr neu bilden. Das Ergebnis waren entsetzliche Hämoglobinwerte. Das Syndrom war damals noch sehr unbekannt, meistens verlief es tödlich. Rückblickend habe ich das Gefühl, dass ich meine Genesung meiner eigenen Energie zu verdanken habe. Weil ich mir vornahm, das toll und interessant zu finden.

Ich hatte das hämolytisch-urämische Syndrom. (...) Meistens verlief es tödlich.

Was halten Sie von Extremsportarten oder Rauschmitteln, mit denen man die persönlichen Grenzen spüren oder herausfordern will?
Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass man diese Erfahrungen machen will. Aber es ist eine gefährliche Geschichte: Man kann süchtig werden. Es gibt einfachere Formen der Sucht. Leuten, die gern in die Berge gehen, kann man auch sagen, sie seien bergsüchtig. Ich habe den Mont Blanc einmal in der Nacht bestiegen. Das war ein wunderschönes Erlebnis.

Wann waren Sie zuletzt grenzenlos glücklich?
Als ich im Februar mit einem meiner Söhne in Pontresina von Muottas Muragl in Schneeschuhen über den Grat wanderte – im Blick das Oberengadin mit den Seen, den Bergspitzen.

Zum Schluss testen wir Ihre Wissensgrenzen.
Da kommen Sie rasch hin.

Welcher Fluss bildet die natürliche Grenze zwischen Serbien und Kroatien?
Die Drina? Oder die Save?

Die Donau. In welchem Jahr wurde in der Schweiz die Acht-Millionen-Einwohner-Grenze geknackt?
Sicher im 21. Jahrhundert, ich würde sagen: so um 2010.

Nicht schlecht: Dezember 2012.
Das werde ich jetzt nicht mehr vergessen.

Auf welcher Höhe liegt die Waldgrenze?
Ungefähr auf 2000 Metern. Aber sie steigt langsam, wegen der Klimaerwärmung.

Ein Grenz…, äh, Glanzresultat!
Da bin ich aber froh.

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