24. Januar 2019

Fotograf Dominic Nahr sucht Stabilität

Der Fotograf Dominic Nahr reist in Krisengebiete. Seine Bilder gehen um die Welt – so wie er selber. Neun Jahre lang hat er in Kenia gelebt, seit einem Jahr wohnt er in der Schweiz.

Gangs haben das Haus in Osttimor angezündet
Gangs haben das Haus in Osttimor angezündet. Mit dieser Aufnahme wurde Dominic Nahr 2006 klar: Ich kann das.
Lesezeit 6 Minuten

Der Briefkasten von Dominic Nahr ist nie leer; Rechnungen, die Mahnung zur Einreichung der Steuererklärung, Briefe von der Versicherung. Er kann nicht gerade sagen, dass ihn das freut. Ist doch ganz normal, oder? Genau. Normalität ist das, was der Fotograf gesucht und in der Schweiz gefunden hat. «Ehrlich gesagt, habe ich zum ersten Mal überhaupt einen Briefkasten», sagt der 35-Jährige. Er trägt eine markante Brille, Dreitagebart, seine kleine Leica-Kamera um den Hals. Er lacht viel für jemanden, der Krieg, Terror, Tod gesehen hat. Spricht er darüber, ist er jedoch ernst. Seine Worte sind leise im lauten Café. Wenn es hinten in der Küche rumpelt, horcht er auf. «Die meisten können das ausblenden, ich aber höre jedes Geräusch.» Seine Sinne sind darauf trainiert, dem Körper alles zu melden. Flucht hat ihm schon das Leben gerettet.

Dominic Nahr
(Selbstporträt des Fotografen)

Der Oberstreber
Dominic Nahr wächst als Sohn von Schweizern, einer Reiseleiterin und einem Transportunternehmer, in Hongkong auf. Dort ist er in der Schule ein «Super-Geek», wie er sagt – ein Oberstreber. «Ich war zwar schlecht, was die Noten betrifft. Aber dafür sehr engagiert in Schulaktivitäten wie Theater, Kunst oder Musik.» Er ist im Besitz des Generalschlüssels, mit dem er jederzeit alle Türen öffnen kann. Der Junge hat jedoch ein schlechtes Erinnerungsvermögen, vergisst Erlebtes schnell wieder. Um dennoch Ereignisse irgendwie festzuhalten, schenkt seine Mutter ihm eine Kamera. Ab diesem Moment drückt er auf den Auslöser, so oft es geht.

Ich bin in unserer Expat-Welt aufgewachsen und wollte die Realität sehen.

Für ein Foto von einem Schulausflug gewinnt Dominic Nahr einen Preis. Der Vater eines Kollegen, ein renommierter Kriegsfotograf, wird auf ihn aufmerksam und nimmt ihn unter seine Fittiche. «Durch ihn bekam ich einen ersten Einblick in diese Art der Fotografie.» Sie fasziniert ihn. Der Bekannte verschafft ihm ein Praktikum bei der Zeitung «South China Morning Post». «Aber Hongkong ist eine Bubble, fast wie die Schweiz. Ich bin in unserer Expat-Welt aufgewachsen und wollte die Realität sehen.» Dominic Nahr studiert in Toronto Filmwissenschaft und Fotografie – und hat 2006 seinen ersten Einsatz in einem Krisengebiet.

Häuser in Flammen
Mithilfe seines Vaters bucht er einen Flug nach Osttimor, wo ein Bürgerkrieg tobt. Als er ankommt, sind überall Soldaten. «Der Kollege eines Kollegen eines Kollegen holte mich ab.» Dominic Nahr ist 23 Jahre alt, sieht aber nicht älter aus als 18. Die anderen Journalisten vor Ort trauen ihm nicht viel zu. In der ersten Nacht brennt das ganze Quartier. Er geht nach draussen und schiesst ein Foto von den Häusern, die in Flammen stehen. «Das war das erste Bild. Es war der Moment, in dem ich merkte: Ich kann das.»

Die Realität ist, dass es nicht allen Menschen gut geht. Ich möchte das Leid selber verstehen und kommunizieren.

Dominic Nahr kann, als er im Sudan sein Auto mit Schlamm bedeckt, damit man es aus der Luft nicht sieht. Er kann, als er in Ägypten auf dem Boden kniet und ein Gewehr an der Schläfe hat. Er kann, als im Kongo auf ihn geschossen wird und in Somalia Kinder vor seinen Augen sterben. Er kann, auch wenn er alle drei Monate erkrankt: «Malaria und so». Dabei verzieht er zwar das Gesicht, zuckt aber mit den Schultern, als würden wir über Husten reden.

An den Frontlinien der Welt
Seine Bilder erscheinen in den renommiertesten Publikationen der Welt, oft auf dem Titel: im «Time Magazine», «The New Yorker», «Stern», «Wall Street Journal» und in «National Geographic». Treibt ihn das an, der Erfolg? «Nein. Die Realität ist, dass es nicht allen Menschen gut geht. Ich möchte das Leid selber verstehen und kommunizieren.» Als Kriegsfotografen sieht er sich allerdings nicht, es geht ihm nicht um die Dokumentation von roher Gewalt. Er zeigt das Elend sehr subtil. Seine Arbeit versteht er so, dass er Menschen fotografiert, die sonst nicht fotografiert werden würden. Damit erzählt er Geschichten. «Ich liebe meinen Job», sagt er, «ich trage zwar ein grosses Gewicht, aber ich darf dafür an der Frontlinie der Weltgeschichte sitzen.» Mit 19 Jahren hatte er ein Praktikum in einem Büro begonnen, nach drei Tagen ging er und kam nie wieder. «Ein 08/15-Job ist nichts für mich.»

Ein Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen trägt ein hungerndes Kind
Ein Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen trägt ein hungerndes Kind zur Essensausgabe (Südsudan 2015).

Ohne Bodyguards, ohne Fahrer
«08/15» ist übrigens ein Begriff, den Dominic Nahr erst kennt, seitdem er in der Schweiz wohnt. Nach neun Jahren in Kenia ist er vor einem Jahr nach Zürich gezogen. Er besitzt zwar den Schweizer Pass, war aber immer nur ferienhalber in seinem Heimatland. Und bei seiner Geburt: Seine Mutter war schwanger, als die Eltern die Verwandtschaft in Heiden AR besuchten. Weil sie krank wurde, konnte sie nicht gleich wieder nach Hongkong zurückreisen. Und Dominic Nahr kam in Appenzell Ausserrhoden zur Welt. «Irgendwie fühlte ich mich immer mit der Schweiz verbunden», sagt er. Mit den vielen Unsicherheiten in seinem Leben wollte er nun endlich dorthin, wo zumindest der Wohnort sicher ist. «Hier kann ich frei denken und herumgehen.» Trotzdem findet er es schwieriger, hier zu leben, als anderswo. «Alles ist strukturiert. Aber genau darum bin ich ja gekommen.» Er wollte endlich registriert sein, Gebühren zahlen – dass es so viele sein würden, wusste er nicht.

Natürlich hätte ich gerne ein normales Leben mit Freunden, die ich jeden Mittwoch sehe.

Dominic Nahr wohnt mit seiner Freundin Anna, einer Österreicherin, zusammen. Mit seinem Umzug in die Schweiz, zog auch seine Mutter nach. Sie lebt jetzt in Bern. Wäre der Vater nicht vor acht Jahren gestorben, wäre jetzt die Familie vereint. So etwas wie ein soziales Leben kennt Dominic Nahr nicht. «Ich weiss nicht, wie das funktioniert. In Zürich habe ich nur Kontakt zu Zeitungsredaktionen.» Seit er hier wohnt, war er erst etwa fünfmal auswärts essen. «Natürlich hätte ich gerne ein normales Leben mit Freunden, die ich jeden Mittwoch sehe. Aber ich arbeite die ganze Zeit, ich weiss nicht, wie ich relaxen soll.» Wenn man ihn an einen Strand legen würde, erklärt er, würde er herausfinden wollen, was hinter dem Ferienparadies abgeht. Sich in Gefahr zu begeben, macht ihm nichts aus. Wie ist das für seine Mutter, seine Freundin? Letztere sei Journalistin und ticke wie er. Seine Mutter, na ja, es gebe zwei Typen von Leuten, die zurückblieben: diejenigen, die nichts wissen wollen, und die, die alles wissen wollen. «Meine Mutter will alles wissen», sagt er. «Jedes kleinste afrikanische Dorf, in dem ich mich befinde, will sie per Google Maps suchen können.»

Frauen in einem Flüchtlingslager in Kongo
Frauen in einem Flüchtlingslager in Kongo lauschen einer Lautsprecher-Durchsage (2012).

Irgendwann quillt das Glas über
Aber auch Dominic Nahr kann nicht immer mit dem Schrecken umgehen, den er erlebt. Bei ihm verhalte es sich wie bei einem Glas, das immer voller werde und irgendwann überquelle. «Wenn das passiert, habe ich Paranoia. Ich gehe dann wochenlang nicht hinaus.» Im vorletzten Jahr in Kenia verliess er sein Haus drei Wochen lang nicht, er war ein Wrack.

Früher hätte ich mich bei solchen Geräuschen sofort auf den Boden geworfen. Doch ich blieb ruhig.

Hier in der Schweiz versucht er das Glas Schluck für Schluck zu leeren. Erste Erfolge zeigen sich: Am 1. Mai vergangenen Jahres, dem Tag der Arbeit, hörte er es auf der Strasse knallen. «Früher hätte ich mich bei solchen Geräuschen sofort auf den Boden geworfen. Doch ich blieb ruhig.» Von der Angst spürt er nichts, wenn er mit der Kamera «im Feld» ist, wie er sagt. Oft realisiert er erst viel später, was er gesehen hat. Dann, wenn er die Fotos am Computer durchsieht und sortiert. Nach dem Erdbeben in Haiti habe er zum Beispiel ein sehr schlimmes Bild geschossen. «So schlimm, dass ich es mir nicht nochmals ansehen kann. Gehe ich mein Archiv durch, muss ich es bewusst auslassen.»

Trotzdem hört er nicht auf. In den nächsten Monaten stehen mehrere Reisen an. Nach Südsudan, Djibouti, Afghanistan, Bangladesch, Kambodscha – «um nur ein paar zu nennen». Was ihn erwartet, weiss er nicht. Sicher ist nur, dass der Briefkasten danach wieder voll ist. 

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Bergführerin Ariane Stäubli

Der lange Weg auf den Gipfel

Feedback unter Arbeitskollegen fiindet am besten unter vier Augen statt (Bild unsplash/Toa Heftiba)

Feedback geben mit Stil

Reto Michael

Vom Abseits in die Zukunft

Block

Und was kritzelst du?

Informationen zum Author