28. Januar 2019

Fortnite bringt Eltern an ihre Grenzen

Das Spiel ist bei Schweizer Teenagern derzeit die Nummer eins. Viele investieren ungezählte Stunden in die virtuelle Welt – und manchmal auch viel Geld.

Manchmal nimmt Alejandro nichts und niemanden mehr wahr, wenn er am gamen ist. Seiner Mutter Maria Schneiter gefällt das gar nicht.
Manchmal nimmt Alejandro nichts und niemanden mehr wahr, wenn er am gamen ist. Seiner Mutter Maria Schneiter gefällt das gar nicht.

Wer noch nie etwas von «Fortnite» gehört hat, hat vermutlich keine Kinder zwischen 7 und 16 Jahren. Das Computerspiel ist in Sachen Popularität ein Phänomen: Es wurde weltweit über 140 Millionen Mal heruntergeladen. Dabei hebt es sich auf den ersten Blick nicht von anderen Games ab, die man auf der Playstation, dem Computer und auf dem Smartphone spielen kann. Anfangs loggt man sich ein, erhält eine Spielfigur und trifft sich bald mit anderen Spielern. Das Hauptziel besteht darin, möglichst lange zu überleben und die Gegner mit den unterschiedlichsten Waffen auszuschalten. Das klingt etwas brutal, doch «Fortnite» ist kein blutrünstiges Ballergame mit realistischer Grafik. Es ähnelt einem Comic.

Szenenbild Fortnite
Die bunte und fantasievolle Erscheinung von Fortnite trägt zum Erfolg des Spieles bei.

Mittlerweile weist das Game weltweit 125 Millionen registrierte Spieler auf. Beim Livestream einer Spielsequenz schauten einmal ganze 630 000 User zu – ein Rekord! In die virtuelle Welt taucht man mit Freunden und mit Fremden ein. Stets geht es darum, Punkte zu sammeln, um den eigenen Game-Charakter zu verbessern. Genau darin liegt oft das Problem: «Fortnite» hat grosses Suchtpotenzial. Denn je mehr Zeit man damit verbringt, desto erfolgreicher wird die Spielfigur, desto besser wird der Ruf bei den anderen Spielern – oder auch bei den Schulkollegen im echten Leben.

Die Schulnoten wurden schlechter

Welches Ausmass das Ganze annehmen kann, zeigte sich bei Familie Schneiter aus Illnau ZH. Seit ein paar Monaten gehört auch der elfjährige Sohn Alejandro zur Game-Fangemeinde. «Mir macht es Spass, mit Freunden in dieser Onlinewelt spielen zu können», sagt er. Mit seinem Fortnite-Charakter verbringt er viele Stunden mit Gamen. «Die Noten in der Schule wurden nach den letzten  Sommerferien plötzlich schlechter», sagt Mutter Maria Schneiter. «Er wollte ständig spielen, in jeder freien Minute. Manchmal vergass er nicht nur die Zeit, sondern auch Hunger und Durst.» Deshalb zog die 49-Jährige die Notbremse und stellte Regeln auf.

Seit einiger Zeit darf Alejandro während der Woche maximal eine Stunde pro Tag spielen. Dies auch nur, wenn er gute Noten nach Hause bringt. Am Wochenende stehen ihm täglich zwei Stunden Spielzeit zur Verfügung. «Seit der Abmachung haben sich seine Leistungen in der Schule deutlich verbessert», sagt Maria Schneiter. Doch nicht nur die Probleme in der Schule haben sie zum Handeln veranlasst, sondern auch Alejandros Verhalten beim Spielen selbst. «Manchmal wurde er richtig aggressiv und hat herumgeschrien. Da war für mich klar, dass es so nicht weitergehen kann.

Alejandro akzeptierte die Regeln. «Zuerst fand ich sie gemein», gesteht er, «und ich hatte Angst, dass die Eltern meinen Zugang sperren würden. Bald fand er es aber nicht mehr so schlimm, zumal er nach den Hausaufgaben immer noch gamen darf. Hingegen erhält er kein Geld, um sich Zusatzgadgets im Spiel zu kaufen. Solche «In-App-Käufe» können sich pro Spieler schnell auf einen Betrag von mehreren hundert Franken summieren.

«Man will sein Kind nicht isolieren»

Dass Alejandros Hobby Gamen ist, stört die Mutter grundsätzlich nicht sehr. Auch nicht, dass er als Elfjähriger nun mehrheitlich ein Ballergame spielt. «Wir schauen aber sehr genau, welche Spiele mit welcher Altersempfehlung er wählt», sagt sie, «bei ‹Fortnite› fliesst kein Blut, es ist alles harmlos dargestellt, also haben wir es ihm erlaubt.Allerdings haben sich Alejandro und seine Freunde sehr schnell in der Onlinewelt abgeschottet, sie seien im echten Leben kaum mehr zusammen draussen gewesen. «Soziale Kontakte sind für Kinder wichtig. Klar treffen sie sich online im Spiel, aber das ist doch nicht das Gleiche wie im echten Leben», erklärt Schneiter. Deshalb habe sie auch mit den Eltern der Kollegen von Alejandro geredet, damit das Durchsetzen der Regeln besser funktioniert. «Man will sein Kind ja auch nicht isolieren und es aussen vor lassen», sagt sie. Die anderen Eltern berichteten von ähnlichen Problemen mit «Fortnite» und begannen, vergleichbare Regeln aufzustellen wie die Schneiters.

Ein motivierendes Spielkonzept

Warum «Fortnite» bei Kindern und Jugendlichen ein grosses Thema ist, weiss Medienpädagoge und Lehrer Steve Bass, der auch an seiner Schule ein grosses Interesse am Spiel beobachtet. Er erklärt: «Die Grafik ist sehr gut, das Game hat einen gewissen Spielwitz und nimmt sich dadurch nicht allzu ernst. Zudem ist es kostenlos.» Auch motiviere das Game-Konzept dazu, immer weiterzuspielen, und erschwere dadurch das Aufhören.

Gamefiguren aus Fortnite
Kurze Sequenzen, harmlose Erscheinung: Fortnite motiviert stetig zum Weiterspielen und ist auf den ersten Blick nicht sehr gewalttätig.

Und: Die einzelnen Spiele seien kurz. «Man kann immer schnell ins nächste Spiel einsteigen.» Das erhöhe ebenfalls den Suchtfaktor. Dass über «Fortnite» in den Medien, auch den sozialen, intensiv berichtet wird, habe den Hype zusätzlich verstärkt. Grundsätzlich hält Bass das Spiel nicht für problematisch. «Da die Darstellung des Inhalts mehr mit einem Comic als mit der Realität zu tun hat, wird sie von den Jugendlichen als fiktiv empfunden. Ähnlich wie beim Betrachten eines Tom-und-Jerry-Zeichentrickfilms. Die sind ja grundsätzlich auch gewalttätig.» Dennoch, das Spielprinzip zeige eine heikle Form der Konfliktlösung: alle anderen abschiessen. Das Spiel wird ab 12 Jahren empfohlen. «Ob jüngere Kinder ‹Fortnite› spielen dürfen, müssen die Eltern entscheiden», meint Bass.

Regeln konsequent durchziehen

Problematisch wird es laut Bass , wenn – wie bei der Familie Schneiter – andere Bereiche wie die Schule oder Hobbys vernachlässigt werden. «Bei Spielen wie ‹Fortnite› verlieren manche die Selbstkontrolle und füllen ihre Zeit zu sehr mit dem Spiel aus», sagt Bass. Hier dürfen und müssen Eltern einschreiten. «Zuerst sollte man aber wissen, worum es überhaupt geht. Es empfiehlt sich, einige Videos auf Youtube anzuschauen.»

Generell sollte es laut Bass zwischen den Eltern und den Kindern stets Regeln zum Medienkonsum geben. «Meistens haben die Eltern die Geräte gekauft, auf denen die Kinder spielen. Also können sie auch Bedingungen für deren Benutzung aufstellen. Kinder müssen lernen, dass der Medienkonsum etwas Besonderes und nichts Selbstverständliches ist.» Wer Regeln formuliert, müsse sie jedoch auch konsequent durchziehen. «Sonst werden sie nicht ernst genommen.»

Bass plädiert aber auch dafür, für die Faszination von Games bei den Kindern Verständnis aufzubringen. «Meistens ist es nur eine Phase. Geht sie nicht zulasten der Schule, der Ernährung oder der Pflege des Freundeskreises, ist das auch mal tolerierbar.»

Wie lange «Fortnite» bei Alejandro noch ein Thema sein wird, wird sich zeigen. Seine Spielfigur hat in den vergangenen Monaten das Level 9 erreicht. Sein vorläufiges Ziel: Level 50 von insgesamt 100. «Dafür muss man schon viel suchten», sagt Alejandro. Damit meint er: viel gamen.

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Ausmisten

Viel körperliche Nähe macht nicht nur das Kind, sondern auch die Eltern ruhiger (Bild: GettyImages)

Das gläserne Baby

Illustration: Kinder mit Handpuppen

Der Nordamerikanische Baumstachler

Kleiner Lausbub