05. Dezember 2019

Fliessend russisch in zwei Wochen

Unberührte Natur, idyllische Dörfer und geschichtsträchtige Orte: Die Flusskreuzfahrt von Moskau nach St. Petersburg hinterlässt viele Eindrücke. In der Ruhe und Gemütlichkeit an Bord kann man sie bestens verarbeiten.

Viel Himmel und viel Wasser bekommt man auf dieser Flussreise zu sehen.
Viel Himmel und viel Wasser bekommt man auf dieser Flussreise zu sehen.
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Rumms. Ein dumpfes Geräusch, mehr spürbar als hörbar, fährt durch den Speisesaal. Der Raum wankt ein wenig. Im Glas schwappt das Mineralwasser bis an den Rand. Die Gäste greifen nach ihren Gläsern und gucken zu den Bullaugen. Aber schon liegt das Schiff wieder ruhig auf dem Wasser. Alles gut, die MS «Thurgau Karelia» hat auf der Fahrt in eine besonders enge Schleuse nur die Wand touchiert. Die Gespräche werden wieder aufgenommen, und als das Schiff den Mauern entlang in die Tiefe gleitet, erfüllen wieder Geplauder und Geschirrgeklapper den Raum.

Die MS Thurgau Karelia wurde vor 60 Jahren gebaut und letztes Jahr renoviert.
Die MS Thurgau Karelia wurde vor 60 Jahren gebaut und letztes Jahr renoviert.

Seit 20 Stunden ist die «Thurgau Karelia» auf dem Moskau-Kanal unterwegs, und noch hat man sich nicht an die Schleusenpassagen gewöhnt. Moskau haben die gut 130 Passagiere hinter sich, dort haben sie den Roten Platz, die Basilius-Kathedrale und die Christi-Erlöser-Kirche besucht. Und der Taufe ihres Passagierschiffs beigewohnt. Als Taufpatin fungierte die amtierende Thurgauer Apfelkönigin. Sie war eigens für die feierliche Zeremonie angereist. «Als ich zusagte, dachte ich, die Taufe finde am Bodensee statt und das Schiff heisse ‹Moskau›.» Gelächter, Sekt, Fotos. Dann hiess es «Leinen los!»

Nostalgischer Charme an Bord: Plüsch und Holz in warmen Farben
Nostalgischer Charme an Bord: Plüsch und Holz in warmen Farben.

Es ist die Jungfernfahrt der «Karelia», des Motorschiffs, das der Schweizer Kreuzfahrtanbieter Thurgau Travel seit dem Frühling 2019 chartert. Das Schiff wurde vor 60 Jahren in Wismar gebaut und im vergangenen Jahr von einer russischen Reederei renoviert. Dabei hat man aus je zwei kleinen Kabinen eine grosszügige gemacht. Jede hat ein Bad, Klimaanlage, TV und Minibar, die meisten einen Balkon. Sanitäre Anlagen, Möbel, Bodenbelag und Wandverkleidung sind neu, das Holz aus Nussbaum und Karelischer Birke sowie alte Messingelemente blieben erhalten und wurden aufpoliert. Zusammen mit den dicken Teppichen und weinroten Samtbezügen verströmen sie nun einen nostalgischen Charme: einen Hauch Orientexpress, ein wenig «Tod auf dem Nil». 

Elf Flüsse und sieben Seen

Ziel der Flussfahrt ist St. Petersburg. Die Reise führt nordwärts, über elf Flüsse, einige Kanäle, durch Dutzende von Schleusen und über sieben Seen durch die russische Republik Karelien und über das ­Weisse Meer. Auf der letzten Etappe kommt die ­Exklusivität des Schiffs zum Tragen: Während die meisten Passagierschiffe 16 Meter breit sind, ist die «Thurgau Karelia» just schlank genug, um die ­etwas über 14 Meter schmalen Schleusen des Weissmeer-Ostsee-Kanals befahren zu können. Diese Strecke, auch Stalin-Kanal genannt, bietet Thurgau Travel als einziges westliches Reiseunternehmen an. Stalin liess diesen Wasserweg in den 1930er-Jahren von Gulag-Insassen in Handarbeit bauen. Unzählige Arbeiter sollen dabei ihr Leben verloren haben. Es wird nicht der einzige geschichtsträchtige Abschnitt der Reise bleiben.

Entspannung an Bord
Entspannung an Bord: Bei schönem Wetter auf dem Deck, ansonsten im Panoramasaal, in der Bibliothek, in der Kabine.

Am zweiten Tag steht der erste Landgang an, in Uglitsch an der Wolga. Im 30 000-Einwohner-Städtchen werden die Passagiere durch gepflegte Strässchen zur bunten Blutkirche geführt, wo der Zarenbube Dmitri einst mit acht Jahren unter ungeklärten Umständen ums Leben kam. Darauf geht es in die opulente Christi-Verklärungs-Kathedrale, wo ein Hühnerhaut-Moment ansteht: Der Männerchor «Kovcheg Ensemble» gibt eine Kostprobe seines Könnens und versetzt die Zuhörer in andächtiges Schweigen. Dann pilgern alle zurück aufs Schiff, das am frühen Abend wieder ablegt. Im White-Sea-Salon erzählt Reiseleiter Alexander etwas über Russlands Geschichte und Geografie und über den folgenden Tag. Dann wird in beiden Restaurants das Abendessen serviert.

Frühsport und Russisschkurs

Es ist ein Programm, das sich nun in Variationen täglich wiederholt: Frühstück, Infos im Salon, Schleuse, Mittagessen, Landgang, Leinen los, Schleuse, Vorschau auf den folgenden Tag, Abendessen. Und weitere Schleusen, nachts, nachdem sich die Passagiere vom leise tuckernden ­Motor haben in den Schlaf begleiten lassen. Wer mag, geht vor dem Frühstück zum Frühsport mit Anja und am Vormittag in den Russischkurs mit Anna. Zur Abendunterhaltung gibts mal ein Klavierkonzert, mal einen Kochevent oder eine folkloristische Darbietung.

Wie aus einer anderen Welt sind einige Szenarien, die sich den Passagieren bieten
Wie aus einer anderen Welt sind einige Szenarien, die sich den Passagieren bieten.

Zwischendurch treffen sich die Passagiere im White-Sea-Salon: für einen Kaffee, zum Apéro, zum Plaudern, Lesen oder für Kartenspiele. Im hellen, fast rundum verglasten Saal lässt es sich aber auch ganz gepflegt nichts tun und schauen, wie die Landschaft vorbeizieht. Nachdem der Speckgürtel Moskaus mit seinen luxuriösen Datschen einem lieblichen, belebten Flussufer gewichen ist, folgt tagelang menschenleere Natur. Manchmal sind die Ufer abends schilfbestanden, am nächsten Morgen erwacht man auf einem See, so weit, dass er am Horizont mit dem Himmel verschmilzt. Und das Abendrot geniesst man vor der Kulisse dichter Taiga oder aus Birkenwäldern.

Aus Bären werden Elche

Auch soll man hier von einem Schiff aus schon Bären gesehen haben. Sie stellten sich dann aber als Elche heraus. Irgendwann tauchen wieder kleine Weiler auf, mit bunten Häuschen, klobigen Scheunen und Banjas: Das sind die russischen Saunahäuschen, vor denen man Wodka trinkt und geräucherten Fisch isst, während sich die Saunagänger drinnen mit Weideruten auspeitschen lassen. «Tut höllisch weh, ist aber gesund» sagt man über die Banja-Wellness.

Der Landgang in Wytegra
Der Landgang in Wytegra bietet Einblick in russische Dörfer und Begegnungen mit deren Bewohnern.

Die täglichen Landausflüge führen in idyllische Dörfer, zu einem U-Boot, einem Wodkamuseum, zu Steinbrüchen, Wasserfällen, Festungen und zahllosen Kirchen. Eindrücklich ist der Besuch von Sandormoch an Tag sechs. Im Wald ausserhalb von Medweschjegorsk sind gut 10 000 Männer begraben, die vor weit über 70 Jahren vom stalinistischen Regime in einer Säuberungsaktion ermordet wurden. 1997 entdeckte man das Massengrab und machte eine Gedenkstätte daraus. Nun hängen an den Bäumen Fotos der Opfer, die ältesten etwas über 40, die jüngsten gerade mal 20 Jahre alt. Gut erhaltene Kunstblumen und Totenlichter zeugen von Menschen, die bis heute ihrer Vorfahren gedenken.

Schleuse des Weissmeer-Ostsee-Kanals
Die Schleusen des Weissmeer-Ostsee-Kanals sind sehr schmal. Anders als die meisten anderen Passagierschiffe passt die schlanke Thurgau Karelia (im Vordergrund) gerade so durch.

Von der heiteren Art sind oft die Begegnungen mit Einheimischen: In dem einen oder anderen Dorf, wo selten Touristen hinkommen, kann man am Gartenzaun mit Russen plaudern, tatsächlich hie und da auch auf Deutsch. Einheimische warten auch an den Schiffsanlegestellen auf die Passagiere und bieten für wenig Geld Konfitüre feil, gestrickte Socken, handgeschnitzte Holzware – immer mit einem herzlichen Lächeln und eifrigen Gesten. Und dann sind da die täglichen Begegnungen mit der Crew: Die gut 80 Leute, durchs Band jung und hoch motiviert, wurden fast alle in Nischni Nowgorod nordöstlich von Moskau rekrutiert und monatelang gebrieft: für die Begegnung mit westlichen Passagieren, die ein Lächeln schätzen und nur halb so grosse Portionen Essen vertilgen wie Einheimische. Umgekehrt erklärt man den Passagieren an Bord, dass Russen eigentlich nicht aus Höflichkeit lächeln, dass Kasha eine Art Porridge und ein Blini ein Omelettchen ist.

92 Höhenmeter in einer Nacht

Am siebten Tag folgt das Highlight der Reise, der Ausflug zum Soloweszki-Kloster auf der gleichnamigen Inselgruppe im Weissen Meer. Es gehört zum Unesco-Weltkulturerbe und diente unter Stalin als Arbeits- und Straflager. Seit gut 30 Jahren ­leben hier wieder Mönche. Diesen Ausflug bietet auf einer Flussfahrt nur Thurgau Travel an, und auch nur, wenn es das Wetter zulässt. So oder so sollte man sich für diesen Ausflug warm anziehen. Denn hier, 160 Kilometer südlich des Polarkreises, kann es auch im Sommer kühl sein. 

Der Besuch des Klosters auf den Solowezki-Inseln gehört zu den Highlights der Flussreise
Der Besuch des Klosters auf den Solowezki-Inseln gehört zu den Highlights der Flussreise.

An Bord hilft Reiseleiter Alexander, alles einzuordnen. Bis St. Petersburg präsentiert er täglich in Vorträgen im Panoramasaal White-Sea ein Stück russischer Geschichte, von den finno-ugrischen Stämmen bis zur Jelzin-Zeit. Es geht um Brudermorde, Handel mit Gewürzen, Fellen und Holz, um Dschingis Khan, die ruhige Romanow-Ära und den Kampf um die Lebensader Wolga. Hier erfährt man, dass einst Menschen die Schiffe am Ufer den Fluss hinaufzogen, derweil heute die MS «Thurgau Karelia» in einer einzigen Nacht über Schleusen ganze 92 Höhenmeter zurücklegt. Die Passagiere nippen an ihrem Prosecco und hängen an Alexanders Lippen. Eine Schleusenbefahrung bemerkt in solchen Momenten niemand.

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