26. Januar 2018

Grosser Flickenteppich bei Hundegesetzen

Seit einem Jahr müssen Hundehalter mit ihrem Tier nicht mehr zwingend einen Kurs besuchen, stattdessen gelten je nach Kanton andere Regeln, was zu viel Verwirrung führt. Und nun will auch Zürich das kantonale Kurs-Obligatorium abschaffen.

Hund und Mensch
Des Menschen bester Freund kann bei schlechter Erziehung zur Gefahr werden. (Bild: Stocksy)

Der Hund ist bekanntlich des Menschen bester Freund – aber eben nur, wenn sein Halter gelernt hat, richtig mit ihm umzugehen, und ihn artgerecht hält. Sonst passieren Unfälle wie 2005 in Oberglatt ZH, als drei Pitbulls einen Sechsjährigen töteten.

Die nachfolgende öffentliche Empörung führte zu einem national geltenden Hundekurs-Obligatorium, das jedoch Anfang 2017 von National- und Ständerat gegen den Willen des Bundesrats und diverser Tierschutzorganisationen wieder abgeschafft wurde. Die Parlamentarier beriefen sich auf eine Evaluation, die ergab, dass ein Fünftel der Halter die Kurse eh schwänze und sich generell kein Verhaltensunterschied feststellen lasse zwischen Teilnehmenden und Nichtteilnehmenden.
Befürworter des Obligatoriums hingegen verweisen auf Studien, nach denen sich die Kurse sehr wohl positiv auswirkten – aufs Tierwohl, aber auch auf das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung.

Wie weit soll die Gesetzgebung für Hunde(halter) gehen?

Seit Anfang 2017 sind jedenfalls wieder die 26 unterschiedlichen kantonalen Regeln massgebend, was bei Hundehaltern zu einiger Verwirrung führt (siehe Interview unten). Im Kanton Zürich zum Beispiel gilt weiterhin ein Kurs- Obligatorium für «grosse oder massige Hunde»; eine Website des Veterinäramts erläutert, was das genau bedeutet.

Nun jedoch hat das Kantonsparlament mit den Stimmen der Bürgerlichen beschlossen, auch dieses abzuschaffen. Die entscheidende Schlussabstimmung findet in einigen Wochen statt, danach läuft eine Referendumsfrist.

Wenn etwas passiert, beginnt erneut das grosse Wehklagen

Gieri Bolliger
Gieri Bolliger (49) ist Rechtsanwalt und Geschäftsleiter der Stiftung für das Tier im Recht (TIR)

Seit Anfang 2017 ist das nationale Hundekurs-Obligatorium abgeschafft. Wie hat sich das in der Praxis bemerkbar gemacht?

Es ist noch zu früh, um dies seriös zu beurteilen. Wir befürchten allerdings, dass nun viele Leute diese Kurse nicht mehr besuchen. Somit werden ihnen wichtige Grundlagen zur Haltung und zu den Tieren im Allgemeinen fehlen. Diese Defizite werden sich auswirken, besonders auf die Hunde, die dann vermehrt nicht ­artgerecht gehalten werden – nicht unbedingt böswillig, sondern eher aus Unkenntnis.

Gesetzlich gilt nun ein Flickenteppich mit 26 unterschiedlichen kantonalen Regeln. Was bewirkt das?

Den gab es schon vorher, er ist nun einfach ausgeprägter. Das abgeschaffte nationale Hundekurs-Obligatorium galt als Tierschutz. Dieser wird national geregelt. Hundegesetze hingegen sind laut Verfassung Sache der Kantone, eine nationale Gesetzgebung bräuchte eine Verfassungsänderung. Die Folge der heutigen Regelung ist eine grosse Verwirrung bei den Hundehalterinnen und -haltern.

Zum Beispiel?

Einige Kantone haben ein Hundegesetz, andere nicht. Überall gilt etwas anderes, was in der kleinräumigen Schweiz problematisch ist. Wer mit seinem Hund von Basel ins Wallis in die Ferien fährt, muss theoretisch in jedem Kanton andere Gesetze kennen und befolgen. Im Wallis etwa sind zwölf Rassen komplett verboten, im Nachbarkanton Bern nicht. Wer mit einem solchen Hund die Kantonsgrenze überquert, bewegt sich plötzlich in der Illegalität. Und Unwissen schützt nicht vor Strafe. Wir haben viele Anfragen dazu und auf unserer Website deshalb eine Übersicht über sämtliche kantonalen Hundegesetze aufgelistet.

Das Obligatorium und die Verbotslisten entstanden aus dem Entsetzen über den Tod eines Jungen in Oberglatt ZH, der 2005 nach einer Hundeattacke starb. Hat die Politik damals überreagiert?

Die Kurse sind etwas sehr Sinnvolles. Tiere zu halten, bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, umso mehr, wenn sie sich wie Hunde auch im öffentlichen Raum aufhalten. Es ist entscheidend, dass man gelernt hat, mit ihnen richtig umzugehen. Die Verbotslisten hingegen sind eine Überreaktion.

Weshalb?

Untersuchungen belegen, dass man die Gefährlichkeit eines Hundes nicht an der Rasse festmachen kann. Schäferhunde und Dackel etwa beissen häufiger zu als andere und stehen auf keiner dieser Listen. Anderseits werden auch Tiere von so genannten Kampfhunderassen bei richtiger Erziehung zu friedlichen, ungefährlichen Tieren.

Es wurde aber eben argumentiert, die Kurse bewirkten zu wenig.

Nicht alle Kurse waren gleich hochwertig, ganz klar. Aber sie nach so kurzer Zeit und ohne Not gleich wieder abzuschaffen, ist ein Fehler. Stattdessen hätte man sie qualitativ verbessern sollen. Umso mehr als die Kurse in der Bevölkerung gut akzeptiert sind. Letztlich ist das Ende des Obligatoriums ein Rückschritt für eine harmonische Mensch-Hund-Beziehung.

Im Kanton Zürich dürfte das Obligatorium ebenfalls fallen, die Verbotsliste jedoch bleibt, und die restlichen Regeln des Hundegesetzes seien streng genug, heisst es.

Man kann hoffen, dass das reicht, aber ich bezweifle es. Und wenn dann wieder etwas passiert, sind wir gleich weit wie 2005 – und das grosse Wehklagen beginnt erneut.

Inklusive Schuldzuweisung an die verantwortlichen Politiker?

Ganz bestimmt. Schlecht erzogene Hunde sind eine Gefährdung für ihr Umfeld. Aber wenn etwas passiert, wird das vor allem zulasten der Tiere gehen. Dann gibts Regeln wie im Kanton Schwyz, wo alle Hunde im öffentlichen Raum immer an die Leine müssen, was eben auch nicht artgerecht ist. 

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