18. Dezember 2018

Wichtel Finn ist verliebt

Für komplexe Beziehungsangelegenheiten gibt es derzeit nur einen Autor in der Schweiz: Thomas Meyer. In seiner Weihnachtsgeschichte für das Migros-Magazin macht er sich auf die Suche nach einer Wichtelin für Wichtel Finn.

Autor und Journalist Thomas Meyer
Autor und Journalist Thomas Meyer (Bild: Keystone/Christian Beutler)

Finn, der Migros-Wichtel, hatte einen anstrengenden Arbeitstag hinter sich. Unzählige Waren hatte er in seiner Kasse gescannt – miep!, miep!, miep! – und deren Preise zusammengerechnet. Es war der 24. Dezember, die Menschen hatten den ganzen Tag über letzte Einkäufe erledigt und Geschenke gekauft. Nun war die Migros-Filiale geschlossen, und Finn machte sich auf den Heimweg. Er lebte in einem alten Vogelhäuschen, das ein paar Fussminuten entfernt in einer Fichte hing. Das Spatzenpärchen, dem es gehört hatte, hatte Nachwuchs bekommen und musste in etwas Grösseres umziehen.

Finn hing seinen Helm an einen Haken, zog seine winzigen Wichtelschühchen aus und setzte sich auf seinen Wichtelsessel. Er hatte sich aus der Migros ein wahres Festessen mitgebracht – einen gigantischen, noch warmen Brotkrumen aus der Filialbäckerei. Eine Weintraube, die einem Kunden vor einigen Monaten unter die Kasse gerollt war, hatte Finn vergären lassen, aus der war jetzt schmackhafter Wichtelwein geworden. Etwas Bienenwachs (aus dem Stock im Nachbarbaum) und ein Stücklein Docht (stibitzt von einer Migroskerze) spendeten hübsches Licht.

Wo bist du, Wichtelmädchen?

Aber irgendwie wollte keine rechte Stimmung aufkommen. Kein Wunder: Finn war ein Singlewichtel. Oder Wichtelsingle. Jedenfalls sass er allein inmitten seiner Pracht. Er knabberte sein Brot, er trank seinen Wein, er putzte sich seine Wichtelzähnchen und legte sich in sein Wichtelbett – ein Champignonskistchen, das in einer Ecke des Vogelhäuschens stand. Finn schlief in der linken Hälfte, in der rechten lagen wie immer seine Kleider. Aber eigentlich müsste dort ein Wichtelmädchen liegen. Das war jeden Tag sein letzter Gedanke. An diesem Wichtelweihnachtsabend schmerzte er besonders.

Am übernächsten Morgen trat Finn wieder seinen Dienst an. Tom, sein Arbeitskollege, fragte ihn, was mit ihm los sei, als sie sich im Wichteltunnel auf dem Weg zu den Kassen trafen.

«Nichts, nichts», log Finn. Er hatte keine Lust, schon wieder über dieses Thema zu reden.
«Du findest dann schon noch jemanden», sagte Tom, der merkte, was in Finn vorging.
«Dieses Jahr wohl nicht mehr», seufzte Finn.
Tom sah ihm betrübt nach.

In der Pause sprach er mit Lino, einem anderen Migros­Wichtel.
«Ja, er sieht wirklich aus wie drei Tage Regenwetter», sagte Lino.
«Kennst du denn niemanden, mit dem wir ihn bekannt machen könnten?», fragte Tom.
«Ich?», fragte Lino. «Sehe ich aus wie ein Frauentyp?»
Tom musste zugeben, dass der rundliche Lino mit der grossen Nase nicht aussah wie ein Frauentyp. «Ganz und gar nicht», lachte er.
«Und selbst wenn … wir können das ja nicht einfach für Finn arrangieren. Das wäre doch seltsam», sagte Lino.
Tom dachte nach. «Nicht unbedingt», meinte er dann.

Ari war ein jüdischer Wichtel. Ein ziemlich frommer. Am Samstag arbeitete er nicht, dafür am Sonntag. Er lebte in der Migros-Filiale am Hauptbahnhof.
«Ari, wie geht das genau bei euch, wenn ihr heiraten wollt?», fragte Tom, als er Ari nach Ladenschluss besuchte.
«Wir organisieren einen Wichtel-Schiddech», sagte Ari und schenkte beiden Tee nach, «ein Treffen zwischen zwei heiratsfähigen und willigen Wichteln.»
«Und die machen einfach mit?»
«Sie können auch Nein sagen. Nein zum Treffen und nein zum anderen Wichtel. Warum fragst du?»
«Für einen Freund.»
«Also für dich.»
«Nein, wirklich für einen Freund!», sagte Tom.
Ari schaute Lino prüfend an: «Du willst einen nicht jüdischen Wichtel mit einer jüdischen Wichtelin verheiraten?»
«Geht das nicht?»
«Theoretisch schon. Es hängt von ihrer Mutter ab. Lass mich nachdenken.»

Der Wichtelflirtspaziergang

Ein paar Wochen später spazierten Finn und Schoschanna in Zürich Wiedikon in einem Park, stets auf der Hut vor Katzen.
Mit seinem Vorschlag, einen Wichtel-Schiddech mit einem nicht jüdischen Wichtel abzuhalten, hatte Ari bei den frommen Familien nicht so ganz Gehör gefunden, aber Schoschanna entstammte einem liberaleren Umfeld. «Nicht ideal, aber auch kein Unglück», hatte ihre Mutter über ihren potenziellen Schwiegerwichtel gesagt.

Finn hatte Mühe, das Gespräch voranzutreiben. Er war furchtbar nervös. Aber Schoschanna schien fest entschlossen, aus der Begegnung ein informatives Maximum zu gewinnen.
«Was hörst du für Musik?», wollte sie wissen.
Finn hörte am liebsten deutsche Singer/Songwriter. Durfte man das gegenüber einer jüdischen Wichtelin zugeben? Andererseits: Er mochte deutsche Singer/Songwriter nun einmal sehr. Er sagte es.
«Ich auch!», rief Schoschanna erfreut, «kennst du ‹Die Höchste Eisenbahn›?»
Jetzt war Finn erstaunt. Das war seine Lieblingsband!
«Das sage ich zu Hause natürlich nicht», sagte Schoschanna lachend. Dann wurde sie ernster:
«Und was hast du für Ziele im Leben?»

Eigentlich wollte Finn Chef der Migros sein, der gesamten. Oder zumindest der Food-Sparte. Aber daraus würde wohl nichts werden. Die Presse würde die Interviews mit ihm immer mit einem Makroobjektiv machen müssen. Und wenn er ganz ehrlich war … also wenn er ganz ehrlich war … dann wollte er noch viel lieber Wichtelpapa werden. Aber konnte man das jetzt einfach so sagen? An einem ersten Treffen?

Wichtelpapa statt Migros-Chef

«Mein lieber Finn», sagte Schoschanna, belustigt von Finns zögerlichem Mienenspiel, «du brauchst dich für nichts zu schämen. Falls wir heiraten, kommt sowieso alles auf den Tisch.»
Also sagte er es: «Wichtelpapa. Das ist mein Ziel.»

Ab da feierte Finn nie wieder Wichtelweihnachten. Sondern nur noch Wichtel-Chanukka bei Schoschannas Familie. Er erfuhr vom Wunder des Wichtellämpchens, das acht Tage lang brennt im jüdischen Wichteltempel, und lernte jüdische Wichtellieder. Später sang er mit Schoschanna in deren Zimmer leise Songs von «Die Höchste Eisenbahn», und sie mussten sehr kichern. Ein Jahr später hatte Finn sein eigentliches Ziel erreicht. Und vielleicht würde er ja eines Tages auch noch Chef der Migros werden. In den Zeitungen war er zumindest schon.


Wir baten Bestsellerautor Thomas Meyer um eine Weihnachtsgeschichte. Thema: Wählen Sie selbst! Schwups, wurde aus seinem Roman- und Kinohelden «Wolkenbruch» der Wichtel Finn.

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