17. Januar 2020

Filme, Serien und Partys in Solothurn

Anita Hugi sorgt für frischen Wind an den Solothurner Filmtagen: Die neue Direktorin hilft Schweizer Filmschülern beim Netzwerken, setzt einen Schwerpunkt auf Serien und lobt die Filmförderung des Migros-Kulturprozents.

Anita Hugi
Anita Hugi leitet neu die Solothurner Filmtage, die dieses Jahr zum 55. Mal stattfinden. (Bild: Thomas Meier)

Nein, alles über den Haufen werfen will Anita Hugi nicht. Aber eine gewisse Aufbruchsstimmung herrscht mit der neuen Direktorin schon an der 55. Ausgabe der Solothurner Filmtage, die am Mittwoch beginnt. «Es ist ein Festival mit grosser Tradition», sagt die 44-jährige Bielerin, «und für die Schweiz sehr bedeutend.» Herzstück bleiben die Spiel- und Dokumentarfilme, ergänzt durch neue Erzähl- und Plattformen wie etwa Streaming. «Tradition bewahren, Zukunft gestalten» ist Hugis Maxime.

Exemplarisch dafür steht die Party der Filmschulen, zu der Hugi am Samstagabend erstmals einlädt. Die jungen Absolvierenden der Filmhochschulen aus Genf, Lausanne, Luzern und Zürich sollen sich kennenlernen, austauschen, Spass haben – und in Kontakt mit dem Publikum ihrer künftigen Filme kommen, denn die Party ist öffentlich. «Ich will Menschen zusammenbringen, daraus entsteht Neues», sagt Hugi, die Solothurn primär als Begegnungsort sieht.

Auch der Fokus «Im Bann der Serien» setzt sich mit neusten Trends auseinander. 2019 wurde weltweit so viel Geld in Serien investiert wie nie zuvor. Dieser Boom beschäftigt auch die Schweiz – Regisseur Nicolas Steiner dreht nach seinem preisgekrönten Dokumentarfilm «Above and Below» (2015) derzeit eine Serie für einen amerikanischen Streaminganbieter. An den Filmtagen werden Vorpremieren von Schweizer und internationalen Serien gezeigt, an Podien über das Phänomen und seine Folgen diskutiert. Als Gast dabei ist auch US-Serienspezialist Jim McKay («The Wire», «Mr. Robot»).

Anita Hugi scheint bestens geeignet für ihre neue Aufgabe. Zweisprachig in Biel aufgewachsen, verantwortete die ausgebildete Übersetzerin jahrelang die «Sternstunde Kunst» beim SRF, koproduzierte in dieser Funktion rund 130 Schweizer Filme und ist entsprechend breit in der Branche vernetzt. Zuletzt war sie drei Jahre lang in Kanada Programmdirektorin des «Festival International du Film sur l’Art» in Montréal. Heute lebt sie «in festen Händen» in Zürich und Biel, verbringt aber fast mehr Zeit in Solothurn und im Zug.

Filme sollen etwas auslösen

«Mir ist wichtig, dass ein Film etwas will und beim Publikum etwas auslöst», sagt Hugi. «Er soll stimulieren, infrage stellen, weitere Perspektiven eröffnen. Idealerweise taucht man in eine andere Welt ein und erhält so einen neuen Blick auf seine eigene.» Am Festival will sie eine Vielfalt filmischer Handschriften aus allen Sprachregionen präsentieren. Mit jungen und populären Formaten möchte sie Leute erreichen, die sonst wenig ins Kino gehen. «Vielleicht schauen sie deswegen vorbei und kommen nächstes Mal wieder.» 2019 lockte das Festival 65 000 Besucher an.

Zum reichhaltigen Programm gehören 2020 auch 17 Filme, die vom Migros-Kulturprozent gefördert wurden (siehe unten), fünf von ihnen sind im Rennen um Wettbewerbspreise. Hugi erachtet den Beitrag der Migros innerhalb der Schweizer Filmförderung als sehr wichtig. «Es ist ein Engagement mit Fokus auf Qualität, man fördert ambitionierte Projekte auf verschiedensten Ebenen.» Eher selten und umso hilfreicher sei die Unterstützung der Ideenentwicklung. «Diesen ersten Schritt zu finanzieren, ist nicht einfach.» Beim Entstehen eines Films geht es stark um Zeit und wie viel davon für die verschiedenen Phasen eingesetzt werden kann. Da ist es vorteilhaft, wenn man sich dank finanzieller Unterstützung länger mit der Entwicklung einer Idee beschäftigen kann.»

Gottlieb Duttweiler war klar, wie entscheidend Kultur für das Leben ist. Sie ist kein Nice-to-have, sie ist quasi ein Lebensmittel.

Letztlich gehe es bei Filmförderung darum, die künstlerischen Kräfte zu stärken, damit diese die bestmögliche Leistung erbringen können. «Dessen ist man sich beim Kulturprozent ganz klar bewusst.» Hugi betont auch den Geist, der hinter der Idee steckt, ein Prozent nicht vom Gewinn, sondern vom Umsatz eines Unternehmens in die Kultur zu stecken. «Es zeigt, dass Gottlieb Duttweiler klar war, wie entscheidend Kultur für das Leben ist. Sie ist kein Nice-to-have, sie gehört zur Grundausstattung, ist quasi ein Lebensmittel.»

Obwohl man von Filmemachern viele Klagen über das Fördersystem hört, findet Hugi, dass dieses recht breit und differenziert vorgeht – und mit Erfolg. «Entgegen des verbreiteten Klischees werden Schweizer Spielfilme international durchaus wahrgenommen und auch geschätzt.» Beispiele aus jüngster Zeit seien etwa «Chris the Swiss» (2019), «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» (2018) oder «Ma vie de courgette» (2016), die alle an Festivals Furore machten und vielerorts im Kino liefen. «Der Schweizer Film gilt international als sehr kreativ.»

Bei den Serien räumt sie Nachholbedarf ein, ist aber optimistisch. Überhaupt macht sie sich trotz tendenziell sinkender Einnahmen der Kinos keine Sorgen um das Medium Film. «Es ist so populär wie eh und je, auch wenn die Jungen eher über kleinere Bildschirme zu ihm finden.»Dennoch: Der beste Ort, einen Film zu sehen, bleibt für sie das Kino. «Nur dort stellt sich die Magie ein, wenn man gemeinsam mit anderen in der Dunkelheit auf die Leinwand schaut, ganz ohne Ablenkung. Das müssen wir uns erhalten.»

Wenn ich Filme sehe, dann ist das immer Job und Vergnügen

Anita Hugi hat ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. «Wenn ich Filme sehe, dann ist das immer Job und Vergnügen.» Zu Hause schaut sie alles über einen Beamer, direkt ab Laptop, hat auch ein Netflix-Abo. Daneben mag sie Musik, spielte früher Blues auf einer elektronischen Orgel und versucht sich seit Kurzem am Akkordeon.

Nirgends aber könne sie so gut ausspannen wie im Zug. «Ich liebe es, einfach nur da zu sitzen und in die Landschaft zu schauen.» Wenn man einige Zeit im Ausland gelebt habe, betrachte man seine Heimat mit anderen Augen. «Auch Kanada hat tolle Natur, und im Winter vermisse ich die vielen sonnigen Tage und den Schnee in Montréal. Aber ich habe dort auch realisiert, wie schön und vielseitig die Schweizer Landschaft ist – und wie gut hier fast alles funktioniert.»

Solothurner Filmtage: 22. bis 29. Januar 2020

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