28. Juni 2017

Fifty-fifty für Jack Reacher

Bis auf ein paar Übersetzungsfragen macht «Die Gejagten» von Lee Child Spass. Es wird sehr viel herumgefahren und gegenseitig ob- und abserviert.

«Die Gejagten» von Lee Child
«Die Gejagten» von Lee Child
Lesezeit 2 Minuten

Kennst Du einen Reacher, kennst du alle, könnte man unter Lee Childs mittlerweile 22. Teil der Jack-Reacher-Thrillerserie schreiben. Denn wie gewohnt fackelt Reacher nicht lang und bereits auf Seite 12 faltet er zwei Typen, die ihm ans Leder wollen, nach aller (Kampfes-)Kunst zusammen. Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht.

Jack Reacher, der einsame Wolf – in den Verfilmungen der Romane durch Tom Cruise verkörpert – begibt sich wieder auf die Jagd. Eigentlich ist der Ex-Soldat nur nach Virginia gereist, um Major Susan Turner, der neuen Leiterin seiner ehemaligen Einheit bei der Militärpolizei, einen Besuch abzustatten. Doch kaum hat Reacher den Stützpunkt betreten, erhält er den Einberufungsbefehl und wird zu allem Elend auch noch wegen eines 16 Jahre zurückliegenden Falles des Mordes angeklagt und verhaftet.
Und der geübte Reacher-Fan ahnt es: Auch Major Turner sitzt hinter Gittern. Dem neuen Ermittlerduo gelingt jedoch die Flucht und gemeinsam gehen sie auf die Jagd nach dem unsichtbaren Feind.

So weit, so gut. Der Plot ist stimmig. Die Figuren sind weder gross noch klein, weder freundlich noch unfreundlich, weder höflich noch unhöflich. Reachers Chancen immer fifty-fifty. Child liebt die unspezifische Neutralität. Manches ist für den passionierten Thriller-Liebhaber auch vorhersehbar.
Reachers Beziehungsnetz hingegen ist kompliziert gehäkelt. Man muss also schon bei der Sache sein, um den Faden in diesem komplex-konstruierten Thriller, der uns bis nach Afghanistan – Schauplatz für illegale Waffen- und Drogendeals – führt, nicht zu verlieren.

Alles in allem wird im Buch sehr viel herumgefahren und gegenseitig ob- und abserviert. Autor Child ist Jurist und entsprechend unaufgeregt-sachlich und etwas trocken-emotionslos kommt die Sprache daher. Das kann man mögen oder nicht. Ich mag es, denn es passt. Die Sätze sind kurz und knapp, aufs Wesentliche beschränkt. Das gibt dem Ganzen den gewissen Drive.

Bleibt die Frage, wieso das Buch in der deutschen Übersetzung Die Gejagten heisst. Unter diesem Titel existiert bereits ein brillanter Thriller vom japanischen Filmemacher Takashi Miike, ein nicht ganz so brillanter Thriller von Stephen Hunter und ein gleichnamiger Schweizer Kriminalfilm von 1961 nach dem Roman von Walter Blickensdorfer mit dem Titel - dreimal darfst du raten – Die Gejagten. Der Verlag hätte sich für den englischen Original-Titel Never go back (Filmtitel: Kein Weg zurück) etwas Passenderes einfallen lassen können.

Überhaupt hinkt Wulf Bergners Übersetzung aus dem Amerikanischen hie und da ein bisschen, wenn er Begriffe wie suburban und Bankett verwendet, mit denen wohl vorstädtisch und Randstreifen gemeint sein dürften.

Das tut der Story letztlich aber keinen Abbruch. Jack Reacher ist zwar in die Jahre gekommen und vielleicht ein bisschen müde geworden, und auch die Auflösung des Rätsels kommt recht unspektakulär daher – für Reacher-Fans ist das Buch aber trotzdem ein Must. Lies schnell, ab November schlägt Reacher unter dem Titel The Midnight Line bereits wieder zu.

Bei ExLibris: Die Gejagten
Ein Jack-Reacher-Roman
Lee Child
Blanvalet Verlag

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