07. Juni 2018

Fifa-Insider Jens Weinreich hält die Fussball-WM in Russland für eine Katastrophe

Die Fussball-Weltmeisterschaft hätte nie an Russland und Katar vergeben werden dürfen, sagt Jens Weinreich, Investigativjournalist aus Deutschland und bekannter Fifa-Insider. Ein Gespräch über die Folgen von Korruption, die Schwächen der Schweizer Justiz und Massnahmen gegen Missbräuche.

Journalist und Fifa-Kritiker Jens Weinreich mit Fussball
«Das Vertrauen in die Fifa, das IOC und andere Sportkonzerne tendiert in der Bevölkerung gegen null», sagt der Journalist und Fifa-Kritiker Jens Weinreich.
Lesezeit 8 Minuten

Jens Weinreich, freuen Sie sich auf die WM?

Ehrlich gesagt, werde ich nur bei meinem Heimatverein so richtig emotional – dem 1. FC Magdeburg, der nach fast drei Jahrzehnten des Leidens endlich in die zweite Bundesliga aufgestiegen ist. WM-Spiele sind mir nicht so wichtig. Ich werde arbeiten und die WM nebenher am Monitor verfolgen – und hoffe, es gibt einige spannende und hochklassige Spiele.

Sie findet ja diesmal in Russland statt, einem autokratisch geführten Staat, der pausenlos gegen Menschenrechte verstösst, in dem systematisch gedopt und gegen Schwule und Lesben gehetzt wird. Ist es eine gute Idee, das Turnier dort auszutragen?

Nein, das ist eine totale Katastrophe, ein haarsträubender Entscheid der Fifa. Bei der Vergabe von Megaevents an solche Länder wird zwar oft die These vertreten, dass der Sport zur Öffnung beitrage, aber bisher war das selten der Fall. Siehe Peking oder Sotchi, die Olympia 2008 bzw. 2014 ausrichteten. Solche Regimes sollten nicht damit belohnt werden, Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele austragen zu dürfen.

Fifa-Insider Jens Weinreich
Das Herz des Fifa-Kritikers Jens Weinreich schlägt für den 1. FC Magdeburg.

Ist es eine Premiere, dass eine Fussball-WM in einem Staat ausgetragen wird, der in diesem Mass kritisiert wird?

Abgesehen von der WM 1978, die in Argentinien unter einer Militärdiktatur stattfand, sind die Vergaben nach Russland und Katar im negativen Sinne einmalig.

Ging denn dabei alles mit rechten Dingen zu, oder war Korruption im Spiel?

Es gibt zahlreiche Indizien, die auf Korruption hinweisen – viel mehr noch für Katar als für Russland. Klar scheint, dass die russischen Geheimdienste die Bewerbung Russlands mitbetreut und anschliessend Spuren verwischt haben.

Aber eben: Das sind Indizien, handfeste Beweise fehlen.

Wo ist es noch Indiz, wo stichhaltiger Beweis? Das ist ein Graubereich. Kommt hinzu, dass in der Schweiz das Antikorruptionsgesetz sehr lasch ist. Es wurde erst nach den WM-Vergaben an Russland und Katar leicht verschärft und könnte jetzt auch hohe Sportfunktionäre treffen. Betrachten wir die Entwicklung von schwerster Korruption und Kriminalität im Sportbusiness historisch, so spielt die Schweizer Justiz keine gute Rolle. Es ist vielleicht kein Zufall, dass die Fifa bei mehreren WM-Turnieren und Finalspielen Schweizer Richter und Staatsanwälte einlud. Mitunter betraf das Justizangestellte, die an den skandalösen Einstellungen von Fifa-Verfahren beteiligt waren.

Wie viel kostet es eigentlich, sich eine Weltmeisterschaft zu sichern?

Worawi Makudi, langjähriges Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees aus Thailand, forderte laut meinen Quellen gern mindestens fünf Millionen Dollar, getarnt als Privatdarlehen. Jack Warner, sein Kollege aus Trinidad & Tobago, kassierte offenbar mehrfach mindestens zehn Millionen – von einem Bewerber. Das ist ungefähr das Preisschild. Katar und Russland dürften das aber in exorbitante Höhen getrieben haben. Man kann sich etwa den verdächtigen Grundstücksverkauf eines ehemaligen Exekutivmitglieds aus Zypern anschauen: Der katarische Staatsfond zahlte dafür mehr als 30 Millionen Euro.

Ist es ein neues Phänomen, dass für die Vergabe einer WM gezahlt wird?

(Zögert) Je grösser der Kuchen ist, der verteilt wird, desto grösser sind die Begehrlichkeiten. In den 60er-, 70er- und 80er-Jahren war es nicht nötig, eine Million zu zahlen. Da haben es auch kleinere Pakete getan.

Aber das Prinzip hat Tradition?

Ja, das geht weit zurück. Ein Angeklagter im ISMM-ISL-Prozess (Konkurs des Sportrechtevermarkters, Anm. d. Red.) sagte wörtlich: «Das ist, als wenn man Lohn bezahlen muss. Sonst wird nicht mehr gearbeitet.» Er sprach über höchste Funktionäre von Fifa, IOC, UEFA und anderen Sportverbänden. Der einstige ISL-Boss sagte vor dem Strafgericht in Zug: «Diese Praxis war unerlässlich, sie war branchenüblich, sie gehörte zum Stil des Geschäfts.» Es ist in weiten Teilen ein kriminelles Gewerbe.

Sehen Sie eine Tendenz, dass Grossanlässe nur noch in autokratischen Regimes stattfinden?

Ja, nach der WM in Russland kommen Leichtathletik- und Fussball-WM in Katar, Olympische Winterspiele in Peking: Da gibts ganz klar eine Tendenz. Ich habe das in meinem letzten Buch über das IOC auch statistisch herausgearbeitet.

Auch deshalb, weil nur noch Staaten wie diese übrigbleiben, da die Bevölkerung in westlichen Demokratien die Kandidaturen an der Urne vermehrt versenkt?

Vielleicht. Aber das tun sie vor allem, weil sie nicht so blöd sind, die Beteuerungen der Fifa oder des IOC zu glauben, sie hätten sich gebessert und seien nun sauber und transparent bei der Vergabe ihrer Grossanlässe.

Aber sind den meisten Fussballfans diese Dinge am Ende nicht einfach egal, Hauptsache sie können am Fernsehen mit ihren Favoriten mitfiebern? Ist das nicht Teil des Problems?

Es mag Menschen geben, die sich nur berieseln lassen und keine Zusammenhänge sehen wollen. Diese Leute erreicht man vielleicht nicht mehr. Als Journalist bin ich dennoch verpflichtet, über kriminelle Machenschaften im milliardenschweren Sportbusiness aufzuklären. Sonst hätte ich meinen Job verfehlt. Immer mehr Leute interessieren sich dafür und stimmen dann halt gegen Megaevents, wenn sie gefragt werden. Das Vertrauen in Fifa, IOC und andere Sportkonzerne tendiert in der Bevölkerung gegen Null.

Ist es eigentlich Zufall, dass nicht nur Fifa und IOC, sondern zahlreiche weitere Weltsportverbände in der Schweiz sitzen?

Viele werden das nicht gern hören, aber es ist nicht nur Teil der Schweizer DNA, zahlreichen internationalen Organisationen ein Zuhause zu bieten, sondern auch, dabei nicht so genau hinzusehen. Der Antikorruptionsexperte und Strafrechtsprofessor Mark Pieth nannte die Schweiz nicht zu Unrecht einen «sicheren Piratenhafen». Wirklich was passiert ist erst, als sich die US-Justiz eingeschaltet und 2015 hohe Fifa-Funktionäre direkt aus ihrem Zürcher Luxushotel abgeführt und in Zellen gesteckt hat.

Hat sich seit dem Abgang von Sepp Blatter denn etwas verbessert im Weltfussballverband?

Der Neue kommt aus dem gleichen Walliser Tal und macht nicht viel anders. Auch die neue CEO, eine Frau aus dem Senegal, hilft nicht, weil Gianni Infantino an ihr vorbei weiterhin all das tut, was die Fifa immer getan hat. Das zeigt eins ganz klar: Der Verband ist nicht reformfähig.

Vielleicht würde ein Boykott helfen, wenn Länder wie Russland einen solchen Zuschlag erhalten.

Russland musste ja als Veranstalter der Olympischen Spiele 1980 schon mal einen Boykott hinnehmen. Es wäre tatsächlich an der Zeit für einen zweiten. Auch für Katar.

Wer müsste denn konkret boykottieren, damit es etwas bringt?

Am längsten Hebel sitzen die Geldgeber, also die, die die Fernsehrechte bezahlen, sowie die Topsponsoren der jeweiligen Verbände. Hätten die den Hahn zugemacht, hätte sich bei der Fifa vielleicht schon viel früher was verändert.

Wie könnte man die Vergabe solcher Grossereignisse besser gestalten? Müssen sie wirklich jedes Mal in einem anderen Land stattfinden?

Es wäre sicher sinnvoll, wenn einige Länder von Anfang an rausfallen würden, weil bei ihnen der Aufbau einer entsprechenden Infrastruktur absurd ist – kostet zu viel und wird danach nie wieder sinnvoll genutzt. In Frage kämen dann die grossen Fussballnationen des Westens, die so eine WM jederzeit problemlos stemmen könnten, weil die Infrastruktur schon da ist: Grossbritannien, Frankreich, Spanien, Deutschland, die USA. Aber würde man das beschliessen, kämen sofort andere grosse Nationen wie Russland oder China, die sich dieses Recht nicht wegnehmen lassen wollen.

Was schlagen Sie vor?

Die Fifa und das IOC müssten gläsern agieren und unter totale öffentliche Kontrolle gestellt werden. Sie müssten die steuerlichen Vorteile aufgeben, die sie von der Schweiz erhalten. Das Grundproblem liegt am intransparenten Geschäftsgebaren der beiden Organisationen. Am besten wäre es wohl, diesen Verbänden das Monopol für diese Veranstaltungen ganz zu entreissen. Es braucht diese Organisationen nicht, sie haben lange genug bewiesen, wie korrupt und schlecht gemanagt sie sind.

Hat es was mit dem Fussball an sich zu tun, dass das alles so eskaliert ist?

Es ist halt ein Weltsport, der fast überall grosse Leidenschaften auslöst und bei dem Milliarden im Spiel sind. Allerdings haben viele der aktuell 40 olympischen Weltverbände Korruptionsprobleme, auch jene, die weniger Geld umsetzen. Biathlon, Volleyball, Leichtathletik, Boxen, Schwimmen – die Schlagzeilen reissen nicht ab.

Bälle
«Fussball macht Spass, ist beste Unterhaltung und liefert grosse Emotionen», sagt Jens Weinreich.

An der übernächsten WM sollen 48 Teams antreten: also noch mehr Mannschaften, noch mehr Spiele, noch mehr Geld. Dreht die Spirale einfach immer weiter in die falsche Richtung?

48 Teams sind absurd. Ich fürchte aber, ein Ende dieser Spirale ist nicht Sicht. Erstaunlich immerhin, dass Infantino seine irren Pläne für die Klub-WM und einen Nations League vorerst auf Eis legen musste.

Es heisst ja immer, Fussball sei völkerverbindend und friedensfördernd. Gleichzeitig machen Hardcore-Fans regelmässig mit Gewaltexzessen Schlagzeilen. Wie passt das zusammen?

Idioten gibts überall. Clubfunktionäre sagen dann immer: «Das sind nicht unsere Fans!» Aber das ist natürlich Unsinn, auch das sind Fans. Eigentlich gibt es da nur eins: Diese Leute aus den Stadien aussperren, fertig. Anders geht es nicht, auch wenn die Verbände bei der Präventionsarbeit sicher noch mehr machen könnten. Dennoch ist es keine reine Propaganda der Clubs und Verbände, dass Fussball völkerverbindend ist.

Aber wieso gibt es diese Aggressionen gerade im Fussball und nicht unter Tennis- oder Volleyball-Fans? Hat es was mit dem Sport zu tun? Oder wird der von aggressiven Jugendlichen einfach als Deckmantel benutzt, um sich mal richtig auszutoben?

Historisch betrachtet, hat das schon was mit der Sportart zu tun, so gehört es quasi dazu, dass man während des Spiels reinschreit, den Schiedsrichter beschimpft. Das führt zu einer ganz anderen, aufgeladeneren Atmosphäre als etwa beim Tennis. Hooligans sind ausserdem schon lange nicht mehr einfach nur schwererziehbare Halbstarke, sondern auch gutsituierte Familienväter, die sich in der «dritten Halbzeit» gerne prügeln.

Dennoch gibt es wohl keinen anderen Sport, der global und bei so vielen Menschen eine solche Begeisterung auslöst. Weshalb eigentlich?

Weil fast jeder damit aufgewachsen ist, weil man es jederzeit und überall spielen kann, ohne Aufwand, auch mit Fremden irgendwo in den Ferien am Strand. Man versteht sich vielleicht sprachlich nicht, aber man kickt miteinander. Es macht Spass, ist beste Unterhaltung, liefert grosse Emotionen – all das trägt zur Magie dieses Sports bei.

Dann wiederum gibt es Leute, die mit Fussball gar nichts anfangen können, fehlt denen ein Gen? Oder ist das reine Sozialisation?

Zum Glück begeistern sich nicht alle dafür. Mich nervt der künstliche Hype, der vor jeder WM in den Medien geschürt wird. Alle glauben mitmachen zu müssen, egal ob sie sonst was damit zu tun haben oder nicht. Die Muffel sind mir als Unikate äusserst sympathisch, die sollte man hegen und pflegen wie seltene Blumen.

Fiebern Sie mit, wenn es dann losgeht? Mit Deutschland vermutlich?

Bei vielen Weltmeisterschaften habe ich mich über die Spielqualität der Deutschen richtig geschämt – trotzdem kamen sie ins Finale. Inzwischen sind sie gut unterwegs, und ich mag es, dass die Diversität des Landes in der Mannschaft abgebildet ist. Letztlich will ich aber einfach guten Fussball sehen.

Wie schauen Sie die Spiele, zu Hause, mit Freunden, bei Public Viewings?

Bloss nicht, ich finde nichts schlimmer als diese Fanmeilen. Ich schaue zu Hause, aber diesmal läuft es nur im Hintergrund. Erst wenn wirklich mal was passiert, schaue ich richtig zu.

Können Sie eine Einschätzung zur Schweizer Mannschaft und ihren Chancen abgeben?

Ich weiss nicht mal, gegen wen die spielen…

Gegen Brasilien, Costa Rica und Serbien.

Hm, für Schweizer Verhältnisse ist es schon gut, wenn sie es ins Achtelfinal schaffen, würde ich sagen. Das schlimmste WM-Spiel, das ich je live im Stadion sah, war übrigens Schweiz gegen Ukraine 2006. Darüber musste ich schreiben und hätte mir sehnlichst einen anderen Job gewünscht.

Wagen Sie eine Prognose, wer gewinnen wird?

Keine Ahnung, ich kann nur sagen, was alle sagen: Spanien, Frankreich, Brasilien oder Deutschland.

Benutzer-Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

Verwandte Artikel

Schweizer Fussball-Nationalmannschaft WM 1938

Momente für die Ewigkeit

Männerrunde mit Handy

Fussball-WM to go

Emre Erçin, U16-Spieler beim FC Basel, auf der Sportanlage Schützenmatte

Die Basler Spielermacher

Squadra Azzurra

Gli Azzurri