09. Februar 2015

Ferien auf dem Canal du Midi

Vor 333 Jahren wurde der Canal du Midi der Schifffahrt übergeben. Ein technisches Meisterwerk, das heute vor allem dem Tourismus dient und für entspannte Ferien sorgt. Sogar bei einer Anfängerin.

In der Schleuse müssen auch Hobbymatrosen mal anpacken.
In der Schleuse müssen auch Hobbymatrosen mal anpacken.

Das Wasser tost und spritzt, als der Schleusenwärter die Schieber öffnet. Ein Boot hat sich zu weit nach vorne gewagt, wodurch unser Mitfahrer am Bug gut geduscht wird. Schmunzeln in den Reihen am Schleusenrand: Wieder einmal hat ein Hobbykapitän dafür gesorgt, dass das Zuschauen an der Schleuse zum Amüsement wird.

Anlegen und geniessen: Der Canal du Midi verzaubert mit den idyllischen Flusslandschaften.
Anlegen und geniessen: Der Canal du Midi verzaubert mit den idyllischen Flusslandschaften.

Unsere Reise startet in Homps in der Nähe von Narbonne in Südfrankreich, wo wir die schöne «Magnifique» in der Basis des Bootsvermieters Le Boat übernehmen. Nach der Einweisung ist zuerst einmal Einrichten angesagt; deshalb übernachten wir im Hafen. Am nächsten Morgen gibt es für mich Fahrunterricht von Marina-Travel-Chef Jean Stalder (70). Er kennt sich auf dem Canal du Midi bestens aus und ist ein alter Hase, was Boote anbegeht. Ruder ganz einschlagen, kurz Vollgas vorwärts, dann rückwärts, wieder vor- und wieder rückwärts und so weiter. Ich schaffe meine erste 360-Grad-Drehung an Ort, mitten im Hafen von Homps. Das fühlt sich zwar seltsam an – rundherum schauen alle zu –, aber ich bin auch ein wenig stolz. Immerhin hat das Schiff gemacht, was ich wollte. Die gemächliche Fahrt auf dem Canal du Midi, Unesco-Weltkulturerbe, kann beginnen.

Ein unterschätztes technisches Wunderwerk

Sechs Personen und ein Hund auf der «Magnifique».
Sechs Personen und ein Hund auf der «Magnifique».

Das Flusskunstwerk wird von vielen gar nicht als solches wahrgenommen. Doch auf 240 Kilometer Länge eine Wasserstrasse so gekonnt ins Gelände zu legen, dass man nicht nur vom Scheitelpunkt hinunter ans Meer, sondern auch umgekehrt fahren kann, das ist eine Meisterleistung. Sie stammt von Pierre-Paul Riquet und wurde in lediglich 15 Jahren von 12'000 Arbeiterinnen und Arbeitern umgesetzt. Mit Muskelkraft, Spaten, Hacken und Ochsenkarren. Im Mai 1681 wurde der Kanal dem Verkehr übergeben. Pferde zogen Handelsschiffe an Seilen vom Treidelweg aus durch 63 Schleusen, unter 136 Brücken hindurch und über 55 Aquädukte. Wer genau hinschaut, entdeckt an den Brücken die alten Schleifspuren der Seile. Um die Mauerkanten zu schonen, wurden irgendwann Umlenkrollen aus Metall angebracht. In Le Somail ist ein solches Exemplar zu sehen. Ich versuche, die verrostete Rolle zu drehen, während ich mir vorstelle, man könnte die Zeit wie einen Film zurückspulen.

Von Homps bis Béziers ist der Kanal am schönsten

Dann jedoch könnte man die Lücken in den Platanenreihen entlang des Kanals nicht mehr sehen. Die Pflanzen leiden unter dem Befall der Pilzkrankheit Chancre coloré. Sie befällt seit einigen Jahren diejenigen Bäume, welche die Uferbereiche festigen und Schatten spenden. Der Pilz tötet die Platanen innerhalb zwei bis fünf Jahren, und es gibt nur ein Gegenmittel: die kranken Bäume zu fällen und vor Ort zu verbrennen. Einst gab es 42'000 Platanen – heute sind es bereits 5000 weniger.

Auf der Pont-Canal de Béziers überquert man den Fluss Orb.
Auf der Pont-Canal de Béziers überquert man den Fluss Orb.

Für die einwöchige Reise haben wir uns das Filetstück des Canal du Midi ausgesucht: von Homps bis Béziers und zurück. Würde man der Wasserstrasse ab Béziers weiter folgen, würde man Étang de Thau erreichen, wo der Canal endet. Dort wohnt ein Schweizer, den es bereits vor langer Zeit an den Kanal gezogen hat. Erhard Rein (73) entdeckte Bouzigues im Jahr 1989 und verliebte sich sogleich in die Gegend. Der ehemalige Carrossier kaufte ein Haus, baute es im Parterre zum Restaurant «Chez Francine» um und bekochte Gäste aus aller Welt. Die Austern, die auch heute noch im Étang gezüchtet werden, landeten nicht nur in seiner Küche. Er lieferte die begehrten Muscheln auch in die Schweiz.

Vor einigen Jahren hat sich der Berner zur Ruhe gesetzt und seine Penichette, mit der er oft auf dem Kanal unterwegs war, dem Sohn überlassen. Während der Hochsaison ist er nur noch selten in Bouzigues anzutreffen. «Zu viele Leute», findet er und unternimmt Reisen. Aber er kehrt immer wieder ans Ende des Canal du Midi zurück.

Zwei Tage Canal du Midi sind wie eine Woche Ferien

Lieber eine Nummer grösser: Ein Boot ist kein Hotel.
Lieber eine Nummer grösser: Ein Boot ist kein Hotel.

Wer wills ihm verübeln? Dieser Kanal hat eine wundersame Anziehungskraft. Die Spiegelbilder der Platanen sind grandios. Obs an der Symmetrie liegt, in die man während der Fahrt förmlich eintaucht? Jedenfalls wirken diese Bilder innert kürzester Zeit beruhigend. Nach zwei Tagen habe ich das Gefühl, schon eine Woche unterwegs zu sein. Langeweile ist nicht ausgebrochen, denn für Abwechslung sorgen Dörfer und Städte wie Le Somail, Ventenac-en-Minervois, Capestang und Narbonne. Nach den Ausflügen habe ich mich aber immer wieder auf das kuschlige Bordleben gefreut, auf ein feines Essen und ein tolles Glas Wein. Schliesslich fährt man hier durch die Weingärten der Region Languedoc-Roussillon.

Das Beste sind aber die Nächte in der freien Natur. Am Nachmittag irgendwo anzulegen und bis weit in die Nacht hinein unter dem Sternenhimmel zu philosophieren. Und dann erst noch die Morgenstimmung – Vogelgezwitscher, rosa Wolken, Kräuterduft und ein spiegelglatter Kanal. Eine dampfende Tasse Kaffee dazu, und die Welt ist in Ordnung. Auf dem Rückweg bin ich fast ohne zu touchieren durch drei Schleusen manövriert. Für allgemeines Schmunzeln habe ich zum Glück nicht gesorgt.

Bilder: Inge Jucker

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