19. Dezember 2019

Fehler sind spannender als Erfolge

Stefan Schöbi hilft Pionieren dabei, ihre Ideen umzusetzen. Und das kann auch mal schiefgehen. Der Leiter von Engagement Migros sagt, weshalb Erfolg und Scheitern oft nahe beieinander liegen.

Stefan Schöbi
Stefan Schöbi (42) im Zürcher Co-Working-Space Kraftwerk, der von Engagement Migros unterstützt wird.
Lesezeit 6 Minuten

Engagement Migros unterstützt Pioniere mit Geld und Rat. Aber gerade Pionierprojekte können scheitern. Wie reduzieren Sie das Risiko?

Wir fördern immer nur Projekte, von deren Erfolg wir überzeugt sind. Alle anderen scheiden wir vorher aus. Von den 150 Projektideen, die wir pro Jahr prüfen, fördern wir 10 bis 15.

Und von all denen ist noch nie eins gescheitert?

Doch, vier Projekte haben wir vorzeitig abgebrochen, als wir merkten, dass die Idee nicht funktionierte. Wir sind da sehr konsequent: Wenn ein Projekt keine realistische Chance auf Erfolg hat, und der Initiant oder wir nicht mehr daran glauben, ziehen wir den Stecker.

Wieso scheitern Projekte?

Ein Beispiel: Wir unterstützten die Film-Streaming-Suchmaschine Cinefile , ein Projekt, das viel Technologie benötigt, die sich schnell verändert und viel kostet. Als die Nachfrage ausblieb und die Entwicklungskosten gleichzeitig aus dem Ruder liefen, kamen wir gemeinsam mit den Pionieren zum Schluss, das Projekt zu beenden. Cinefile ist später als Streaming-Plattform mit einem neuen Ansatz wiederauferstanden und heute erfolgreich.

Ein Misserfolg, der dennoch zum Erfolg wurde?

Erfolg und Misserfolg liegen oft nahe beieinander. Wir hatten beides schon: Projekte, die wir für Perlen hielten und dann doch abbrechen mussten, und Projekte, die wir abgebrochen haben und die später dennoch zum Erfolg wurden.

Manchmal klingt etwas vielversprechend, taugt aber in der Praxis nicht oder findet eben keinen Markt – das ist immer sehr schmerzlich.

Geht es meist ums Geld, wenn Projekte scheitern?

Finanzen spielen eine grosse Rolle, wenn ein Projekt langfristig gelingen soll. Ein weiterer Grund des Scheiterns ist die Idee an sich: Manchmal klingt etwas vielversprechend, taugt aber in der Praxis nicht oder findet eben keinen Markt – das ist immer sehr schmerzlich. Der wichtigste Faktor aber ist der Mensch.

Wenn das Team nicht funktioniert, scheitert auch das Projekt?

Mit Sicherheit. Pioniere sind zudem Menschen, die unglaublich viel Herzblut in ihre Idee investieren. Sie sind bisweilen kantig und stur, haben hohe Erwartungen an ihr Team und sich selbst, und sie sind sehr leistungsbereit. Das kann zu Konflikten führen.

Wie gehen Sie mit den schwierigen Charakteren um?

Pioniere müssen ein Stück weit stur sein, sonst würden sie ihre anspruchsvollen Projekte nicht ins Ziel bringen. Entscheidend aber ist ein offener Umgang im Team und mit uns, damit wir alles auf den Tisch bringen können und ein Vertrauensverhältnis herrscht. Nur so können wir sie betriebswirtschaftlich und menschlich unterstützen.

Gibts eine Zauberformel für Erfolg?

Wenn wir die nur kennen würden! Wir prüfen jede Idee auf Herz und Nieren und arbeiten schon vor einer Unterstützung eng mit den Pionieren zusammen. Hier sehen wir genau, wie die Menschen zusammenspielen, wie belastbar sie sind und wie sie auf Veränderungen reagieren.

Ist es im Nachhinein immer klar, wieso Projekte scheitern?

In dem Moment, in dem wir entscheiden, ein Projekt abzubrechen, ist es immer glasklar. Wir fragen uns dann, wieso wir die Probleme nicht vorher gesehen haben. Aber das liegt in der Natur der Sache: Hätten wir nicht die Offenheit, auch in unsichere Projekte einzusteigen, würden wir nichts wagen. Und wir wollen schliesslich mit unseren Projekten die Gesellschaft verändern.

Scheitern ist quasi Teil Ihres Jobprofils?

Es gehört zu unserem Auftrag. Man kann keine ambitionierten, visionären Projekte umsetzen, ohne dass hin und wieder etwas schiefläuft. Anders gesagt: Wir wären gescheitert, wenn wir zu 100 Prozent Erfolg hätten.

Erfolg ist also nicht immer erstrebenswert?

Den durchschlagenden Erfolg, von dem immer alle träumen, gibt es ohnehin nur selten. Machen wir uns nichts vor: Scheitern gehört zum Leben dazu. In den USA gibt es sogar Konferenzen, die auf Misserfolge fokussieren. In sogenannten «Fuck-up-Nights» werden Fehler präsentiert und diskutiert. Denn aus Fehlern kann man lernen. Sie sind spannender als Erfolg.

Aber gerade in der Schweiz herrscht doch Nulltoleranz für Fehler.

Leider. Punkto Risikobereitschaft und Fehlerkultur ist die Schweiz enorm unterentwickelt. Man möchte immer und überall gute Leistungen erbringen und alles richtig machen. Da sind Fehler natürlich Störfaktoren, die Energie, Zeit und Geld kosten. Ökonomisch scheint ein Fehler ein No-Go zu sein. Und es gibt ja tatsächlich Branchen und Berufsgruppen, denen keine Fehler passieren sollten, zum Beispiel Ärzten oder Piloten.

Gerade Ärzte machen allerdings immer wieder Fehler.

Und wissen Sie weshalb? Zu viel Hierarchie, und zu wenig Kommunikation. Die Kultur, über Fehler zu reden, ist entscheidend, um Fehler zu vermeiden. Klar, das ist für keinen Menschen einfach. Dabei könnten wir uns die Natur als Vorbild nehmen: Die Evolution basiert auf dem produktiven Umgang mit Fehlern. Nur deshalb entwickelt sich alles fortlaufend weiter.

Wir müssen lernen, Fehlern etwas Positives abzugewinnen.

Wieso ist es so schwer, Fehler einzugestehen? Schliesslich ist niemand perfekt.

Es hat mit dem Selbstwertgefühl zu tun. Wir sind gekränkt, wenn wir uns eingestehen müssen, dass unsere Lösung nicht funktioniert. Das ist immer eine kleine Kapitulation. Unser Wertesystem hierzulande hält nichts von Fehlern. In Kulturen, die sozialer ausgerichtet sind als unsere, sieht es anders aus. Die spanische und die angelsächsische Kultur etwa haben weniger Mühe, offensiv mit Fehlern umzugehen.

Wie könnte man eine bessere Fehlerkultur etablieren?

Wir müssen lernen, Fehlern etwas Positives abzugewinnen. Denn Fehler sind zwar schmerzhaft aber ökonomisch oft sinnvoller als eine übersteigerte Fehlervermeidungskultur. Es sollte deshalb zum Natürlichsten der Welt gehören, über Fehler zu sprechen.Wenn man versteht, dass nach dem Fehler etwas kommt, das einen weiterbringt, verändert sich die Perspektive. Wer nicht mehr fehlerfrei sein muss und dies von sich aus in ein Gespräch einbringt, gewinnt unglaublich an Stärke.

Damit sich sowas in einer Firma etabliert, müssten die Chefs es vorleben, oder?

Es ist immer einfach, auf die Chefs zu zeigen. Wer schon mal gespürt hat, welche magische Kraft die Aussage «Ich habe einen Fehler gemacht und daraus gelernt» verleiht, der weiss, dass man immer und überall damit anfangen kann. Aber ja, man muss diese ­positive Fehlerkultur im Alltag leben.

Wie gehen Sie bei Engagement Migros mit Fehlern um?

Wir könnten unsere Arbeit nicht glaubwürdig machen, wenn wir nicht selbst offensiv mit dem Thema umgingen. Bei jeder Teamsitzung und jedem Treffen mit Partnern haben wir das Traktandum «Learnings». Es ist wie ein Sport: Man muss fit und gut darin sein, dann wird es einfach. Übt man hingegen nur einmal im Jahr, Fehler zu analysieren und Lehren daraus zu ziehen, ist das natürlich anstrengend. Wer uns ein gutes Learning präsentieren kann, erhält Wertschätzung. Wir haben sogar Verträge eingeführt, die sich anpassen lassen, sodass Erkenntnisse aus Fehlern zu jedem Zeitpunkt einfliessen können. Einzig die Grundidee, die Vision, kann nicht angepasst werden.

Stefan Schöbi, Leiter von Engagement Migros
«Wenn ich lange bei Misserfolgen verharren würde, wäre mein Alltag schwierig», sagt Stefan Schöbi. «Dann könnte ich den Job mit Pionieren nicht machen.»

Wie sieht es bei persönlichen Misserfolgen aus – gehen Sie damit auch so offensiv um?

Eine Mitarbeiterin hat mir mir mal gesagt, ich sei kritikfähig, sie schätze das an mir. Als ich das meiner Partnerin erzählte, lachte sie schallend (lacht). Im Privaten fällt es mir deutlich schwerer, mit Fehlern umzugehen.

Haben Sie aus der heiteren Reaktion Ihrer Partnerin etwas gelernt?

Es hat mich zuerst geärgert und dann zum Nachdenken gebracht. Zu Hause bin ich viel impulsiver als im Beruf, wo wir zusammen als Team Ziele erreichen. Ich habe mir vorgenommen, zu Hause mehr Team zu sein und im Job dafür etwas persönlicher.

Wann sind Sie kürzlich bei etwas gescheitert, das Sie nicht so schnell in ein Learning umwandeln konnten?

Kränkungen erlebe ich immer wieder einmal. Aber ich kann so was recht gut wegstecken. Wenn ich lange bei Misserfolgen verharren würde, wäre mein Alltag schwierig. Dann könnte ich den Job mit Pionieren nicht machen.

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