22. Februar 2018

Fechter trotz Rollstuhl

Fred de Oliveira (19) ist der erste Schweizer Rollstuhlfechter. Der Japan-Fan aus Bern nimmt erfolgreich an internationalen Turnieren teil und will einmal als Profi von seinem Sport leben können. Am 9. März tritt er am World Cup in Pisa an.

Rollstuhlfechter Fred de Oliveira
Rollstuhlfechter Fred de Oliveira will an die Paralympics 2020 in Tokio.

Als Allererstes ist da der riesige Lockenkopf. Unübersehbar und wild. So wild und energiegeladen wie Fred de Oliveira selbst. Vor 19 Jahren kam er mit einer Zerebralparese und Klumpfüssen zur Welt. Beides schränkt seine Motorik ein. Heute ist der Berner der einzige Rollstuhlfechter der Schweiz – und erfolgreich. An seinem ersten internationalen Turnier (2015) gewann er gleich Silber und an den Deutschen Meisterschaften 2016 Bronze.

Gerade noch hat er in seinem Zimmer auf der elektrischen Gitarre laut und intensiv Songs seiner Lieblingsband Muse gespielt, nun sitzt er in der Küche neben seiner Mutter Kathrin Siegrist, einer Frau mit langem blonden Haar und fröhlichen Augen. Die 42-Jährige sieht so jung aus, dass man sie für seine ältere Schwester halten könnte.

«Ich bin gemacht für den Sport», sagt Fred de Oliveira . «Ich habe ein kämpferisches Gemüt und liebe alles, was mit Kampfkunst zu tun hat: Samurais, Ninja, Kungfu.» Das Fechtfieber hat ihn im Juni 2011 gepackt. Während eines Wochenendes konnten Kinder im Paraplegiker-Zentrum in Nottwil LU verschiedene Sportarten ausprobieren. Eine davon war Fechten. Schnell war klar: Der Junge wollte regelmässig ins Training.

Seine Mutter wusste zuerst nicht, wie sie dies finanzieren sollte. Der Sport geht ins Geld. «Man braucht einen speziellen Rollstuhl und eine Platte, auf die man ihn beim Fechten befestigt, damit er nicht verrutscht oder kippt», sagt sie. «Dazu kommt die ganze Bekleidung: Maske, Degen und Säbel.»

Doch ihr Sohn liess nicht locker. Bald nahm er seine erste Lektion im Berner Fechtclub bei Maître Gabriel Nielaba (60), den er in Nottwil kennengelernt hat. Sportler mit und ohne Rollstuhl trainieren in diesem Verein gemeinsam. Im Stuhl duelliert man sich über eine feste Distanz. Dafür muss man technisch sehr präzise sein.

Dank Unterstützung von verschiedenen Seiten lässt sich die teure Leidenschaft finanzieren. «Ohne all diese Menschen wäre das nicht möglich gewesen», sagt Kathrin Siegrist. Sie ist seit 15 Jahren geschieden und seither alleinerziehend. Den Lebensunterhalt verdient sie als Bewusstseins- und Körpertherapeutin und Projektmitarbeiterin von Integrationsprogrammen.

Selbständig dank kräftiger Arme

Das nächste Ziel des jungen Fechters ist der World Cup am 9. März im ita­lienischen Pisa. Sein grosser Traum ist ein Kampf in Japan: die Para­lym­pics 2020 in Tokio. «Japan ist das Land der Samurai, Ninjas und Mangas», schwärmt der Teenager. «Und es gibt das beste Essen: Ramen-Suppe.» Die japanische Nudelsuppe bereitet er auch gern zu Hause zu, das macht er allein.

Trotz seiner körperlichen Beeinträchtigung kann Fred de Oliveira ziemlich vieles selbständig tun: Er hat kräftige Arme und bewegt sich ohne Hilfe durch die Wohnung. Oft kriecht er, auf Stühle hievt er sich hoch. Er duscht ohne Hilfe, spielt Gitarre und Schlagzeug und kann sich sogar eine Krawatte binden. Was nicht geht: Schuhe binden, Haare kämmen, Brote streichen oder Fleisch auf dem Teller schneiden.

Rollstuhlfechter Fred de Oliveira in Aktion
Entschlossen und energiegeladen: Rollstuhlfechter Fred de Oliveira in Aktion

Die grösste Herausforderung ist, Trainingspartner zu finden. Als bisher einziger Rollstuhlfechter der Schweiz muss Fred de Oliveira für Turniere immer ins Ausland reisen. Im vergangenen Frühling hat seine Mutter ein Trainingslager organisiert. Sie lud zwei Engländer mit Begleitung nach Bern ein. Eine Woche pferchten sie sich in ihre Wohnung. Es war eng, aber «eine super Woche», schwärmt er.

Zusammen bauten sie Websites für Fred de Oliveira und den Schweizer Rollstuhlsport und stellen Jahresberichte zusammen, um Sponsoren zu finden und den Sport bekannter zu machen. Erst kürzlich hat ein Bekannter von Fred de Oliveira mit Roll­stuhl­fechten an­gefangen – sie hoffen nun beide, dass er die abenteuer­lichen Reisen zu den Turnieren im Ausland mitmachen kann. Oder auch einfach zum Trainieren da ist.

De Oliveiras grosser Traum ist, Fechtprofi zu werden. Doch vorerst geht er noch zur Schule. Ab Sommer beginnt er die kaufmännische Berufsfachschule, ein leistungssportfreundliches Angebot, unterstützt von Swissolympics. Es wird dann einfacher sein, für Turniere schulfrei zu kriegen.

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