19. Mai 2014

Die Familie der Reiter

Die Brüder Thomas und Markus Fuchs ritten einst von Erfolg zu Erfolg. Jetzt ist Martin, der Sohn von Thomas, so weit – mit Unterstützung von Mutter Renata. Lesen Sie neben dem Porträt auch den Artikel über Rekorde aus der Pferdewelt.

Familie Fuchs: Martin, Markus, Renata und Thomas Fuchs.
Familie Fuchs: Martin, Markus, Renata und Thomas Fuchs.

Sitzt die Familie Fuchs am Küchentisch, dreht sich alles ums Thema Pferd. Da wird über Zaumzeug gefachsimpelt und von fantastischen Rössern geschwärmt. Der Vater: «Der ist ein Knaller. Ein Traum, wie der anzieht vor dem Sprung.» Die Mutter: «Man sieht richtig, wie der will und kämpft.» Der Sohn: «So einen hätte ich auch gern im Stall.» Der Onkel lacht: «Da bist du sicher nicht der Einzige.»

Die Familie Fuchs ist eine Springreiterdynastie. Mutter Renata Fuchs (55) war 1990 Schweizer Meisterin. Vater Thomas (57) wurde drei Mal Europameister in der Mannschaft, Onkel Markus (59) darf sich Weltcupsieger und Olympia-Zweiter nennen. Und dann ist da natürlich noch Sohn Martin (21), der auf dem Sprung zu einer grossen Karriere ist. Er holte sich an der Jugendolympiade die Goldmedaille, am CSI Zürich 2014 ging er als erfolgreichster Reiter vom Platz und gewann zudem einen der bestdotierten Preise – und schlug dabei sogar Olympiasieger Steve Guerdat.

Das Olympiateam: Markus Fuchs 2004 mit Tinka's Boy - dem «Pferd meines Lebens».
Das Olympiateam: Markus Fuchs 2004 mit Tinka's Boy - dem «Pferd meines Lebens».

Martin Fuchs wird nächste Woche auch am CSIO St. Gallen am Start stehen (siehe Infobox rechts). Mit welchen Pferden der jüngste Spross aus dem Hause Fuchs antreten wird, ist noch nicht klar. Einer seiner Favoriten, Picsou du Chêne, musste vor ein paar Wochen wegen einer Kolik notoperiert werden und fällt deshalb aus. Springreiten ist ein Sport mit vielen unberechenbaren Komponenten.

Ein noch grösserer Risikofaktor als die Gesundheit des Pferds sind die Launen des Besitzers. Denn in der Regel besitzt ein Reiter sein Pferd nicht, sondern es wird ihm von einem wohlhabenden Mäzen zur Verfügung gestellt. Dabei gilt: Wer bezahlt, befiehlt. So musste Martin Fuchs wegen Meinungsverschiedenheiten mit dem Besitzer auch schon Pferde ziehen lassen.

Martin Fuchs reitet auch zwei Pferde, die seinem Vater gehören. Aber das macht die Sache nicht besser. Im Gegenteil: Die Trennung ist garantiert. Denn bei diesen Pferden handelt es sich um Nachwuchshoffnungen, die aufgebaut werden, bis sie einen guten Preis erzielen: «Wir leben vom Handel. Pferde kaufen, trainieren und verkaufen», erklärt Thomas Fuchs. Nur so lasse sich das Springreiten finanzieren. Und sein Sohn sagt: «Als Reiter fühlt man sich einem Pferd immer speziell verbunden. Es macht weh, wenn es geht. Aber so funktioniert das Business halt.» Für welchen Preis ihre Pferde den Besitzer wechseln, verrät die Familie Fuchs aber nicht. Diskretion gehört zum Geschäft.

Nur so viel: Der Stall in Bietenholz ZH verschlingt jährlich eine halbe Million Franken. Der grösste Budgetposten sind die sieben Angestellten. Dazu kommen Ausgaben für Futter, Material, Tierarzt und Transport. Irgendwo muss das Geld wieder reinkommen. Die Preisgelder allein reichen auf jeden Fall nicht, zumal sie meist mit dem Besitzer geteilt werden.

Der Emir von Katar legte 13 Millionen Euro für ein Pferd hin

Derzeit läuft der Handel gut. Die Nachfrage an Toppferden steigt, weil sich seit Kurzem auch Investoren aus dem arabischen und asiatischen Raum für Springreiten interessieren. Sie sind bereit, sehr viel Geld für ein Pferd auszugeben. So ging Palloubet d’Halong, das Spitzenpferd der Schweizerin Janika Sprunger, im vergangenen Jahr via Zwischenhändler an den Emir von Katar. In der Szene munkelt man, seine Hoheit habe 18 Millionen Euro für das Pferd bezahlt. Auch wenn es bloss die offiziellen 13 Millionen waren, Pallou ist auf jeden Fall das teuerste Springpferd der Welt. Von der Shoppingtour des Emirs profitiert wiederum Onkel Markus Fuchs, der seit ein paar Jahren die Equipe von Katar trainiert.

Wie wertvoll das beste Pferd im Beritt von Neffe Martin Fuchs ist, lässt sich nicht sagen. Principal hat zwar einen beeindruckenden Leistungsausweis, aber mit 18 Jahren ist «Super-Prinzi» ein Veteran und steht bald am Ende seiner Karriere.

Die Gesundheit der Tiere ist das ­höchste Gut: «Verletzt sich ein Pferd, kann es sein, dass es von einem Tag auf den ande­ren nichts mehr wert ist.» Darum werden die Tiere im Stall der Familie Fuchs umsorgt wie Kurgäste in einem Wellnesshotel – mit Entspannungsmassagen, Erfrischungsduschen und Lehmpackungen. Und weil auch die Psyche ein entscheidender Faktor für den Erfolg ist, dürfen die Springpferde täglich ein paar Stunden auf die Koppel oder für einen Spaziergang in den Wald.

Derzeit gehören 17 Pferde ins Team von Martin Fuchs. Im vergangenen Jahr stand er mit ihnen insgesamt an 48 Wochenenden am Start. Die Entscheidung, mit welchen Tieren er an ein Turnier reist, trifft er jeweils mit dem Trainer, seinem Vater. Die Doppelrolle bereitet den beiden keine Probleme. Im Gegenteil: Kenner der Springsportszene sagen, das Umfeld, sprich die Familie, sei einer der wichtigsten Gründe für den Erfolg von Martin Fuchs. Mit sieben Jahren erhielt er sein erstes Pony, das die Eltern in einem Stall im Nachbardorf einstellten. Der Junior sollte sich möglichst nicht unter Druck fühlen und einen unbeschwerten Zugang zum Sport finden.

Heute ist er zwar fest in den Betrieb eingebunden, aber seine Eltern halten ihm den Rücken so weit wie möglich frei: Der Vater unterstützt ihn beim Training der Pferde und verhandelt mit den Besitzern. Und die Mutter bewältigt den Papierkrieg, der nötig ist, damit die Tiere ins Ausland reisen und an Wettkämpfen starten dürfen. Sie ist es auch, die jeweils mit dem Pferdetransporter, der einem riesigen Wohnmobil gleicht, an die Turniere fährt. Oft kommt ihr Sohn erst später nach. So kann er mehr Zeit für sein persönliches Training und dasjenige seiner Pferde aufwenden.

Und dann braucht Martin Fuchs natürlich auch Zeit für seine Freundin. Er ist seit rund zwei Jahren mit der Finnin Anna-Julia Kontio (22) liiert, der Tochter eines Trabrennfahrers. Sie reitet ebenfalls Turniere. Wie könnte es auch anders sein: Denn ohne etwas von Springpferden zu verstehen, würde sich die Schwiegertochter in spe am Küchentisch der Familie Fuchs ziemlich verloren fühlen.

Fotograf: Raffael Waldner

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