23. August 2018

Faible für Tiefgang

Luna Wedler war erst Berlinale-Shootingstar, nun schafft die Zürcher Jungschauspielerin mit der Teenagerkomödie «Das schönste Mädchen der Welt» den Durchbruch in Deutschland. Doch ihr Herz schlägt weiterhin für den Schweizer Film.

Luna Wedler
Das neue Gesicht auf der Kinoleinwand: die Zürcher Schauspielerin Luna Wedler.

Ein bisschen Glück war schon dabei, dass Luna Wedler (18) die Hauptrolle in «Das schönste Mädchen der Welt» ergatterte. Sie hatte nämlich genau zu der Agentur gewechselt, die auch den Regisseur Aron Lehmann vertritt. Deshalb fiel sie ihm auf und bekam eine Einladung zum Casting. «Am Ende waren noch ich und eine deutlich bekanntere Schauspielerin für die Hauptrolle im Rennen», erzählt Luna. Der Regisseur jedoch wollte sie und setzte sich durch.

Für die junge Zürcherin ist das ein weiterer grosser Karriereschritt, nachdem sie bereits Anfang Jahr an der Berlinale zu einem der zehn europäischen Shootingstars 2018 gekrönt wurde. In der Schweiz ist sie schon mit «Amateur Teens» (2015) und «Blue My Mind» (2017) aufgefallen, für den sie den Schweizer Filmpreis als beste Hauptdarstellerin erhalten hat. Nun jedoch kann sie ihr Talent einem weit grösseren Publikum zeigen.

Und auch ihre Schönheit? Luna lacht. «Das ist eben das Schöne an der Geschichte: Es geht um innere Schönheit. Das war es auch, was mich an der Figur gereizt hat.» Sie spielt Roxy, die just zum Start einer Klassenfahrt nach Berlin neu in eine Schule kommt und sofort die Aufmerksamkeit diverser Jungs auf sich zieht. Sie freundet sich rasch mit dem netten Aussenseiter Cyril an, schwärmt jedoch für den attraktiven Rick, derweil der fiese Benno alle Register zieht, um sie ins Bett zu kriegen. Die wilde, unterhaltsame Coming-of-Age-Komödie basiert lose auf dem Theaterstück «Cyrano de Bergerac», in dem ein Mann mit hässlicher grosser Nase einem viel hübscheren, aber nicht besonders hellen Rivalen dabei zu helfen versucht, eine Frau zu erobern, die er eigentlich selbst liebt.

«Roxy ist kein Mädchen, wie man es sonst in dieser Art Film findet», sagt Luna, «sie ist wild und frei und offen und tut, was ihr gefällt. Etwas, das sonst eher die Jungs dürfen.» Das zu spielen, hat ihr grossen Spass gemacht. «Sie ist mir im Grunde ziemlich ähnlich, nur viel selbstbewusster.» Wobei sie mit ihrer natürlichen, ungekünstelten Art überhaupt nicht so wirkt, als gäbe es da Defizite. Sie lerne eben aus jeder Rolle etwas für ihr eigenes Leben, erklärt sie. «Schauspielerei ist ein bisschen wie Psychotherapie: Man lernt sich selbst mit jeder Figur besser kennen.»

Abtauchen in eine andere Welt

Luna Wedler ist die mittlere von drei Töchtern eines deutschen Chirurgen und einer Schweizer KV-Lehrerin, sie hat einen Freund und einen grossen Freundeskreis. Und bis vor vier Jahren führte sie ein ganz normales Zürcher Mittelklasseleben. Dann entschied sie spontan, sich auf den Castingaufruf zu «Amateur Teens» zu melden. «Ehrlich, ich weiss nicht genau, was mich da geritten hat. Und eigentlich wollte ich auch gar nicht mehr hingehen, aber meine Mutter fand: Du machst das jetzt.» Und am Ende hatte sie die Rolle: ein fieses Teeniebiest, das zu spielen ihr grossen Spass gemacht hat.

«Es war echte Arbeit, mich in diese Figur reinzuversetzen, aber dabei habe ich erstmals dieses Gefühl erlebt, weshalb ich die Schauspielerei so liebe: die komplette Verwandlung in einen anderen Menschen, dieses Abtauchen in eine andere Welt.» Jedenfalls war für sie nach «Amateur Teens» klar, dass sie Schauspielerin werden wollte. Im Oktober schliesst sie nun die European Film Actor School in Zürich ab, bereits im September dreht sie erneut in Deutschland: «Dem Horizont so nah» ist die Verfilmung von Jessica Kochs autobiografischem Roman über eine tragische Liebe. Luna spielt abermals die Hauptrolle, diesmal an der Seite von Jannik Schümann («Die Mitte der Welt»).

Sie will der Schweiz treu bleiben

Auch wenn sie den Durchbruch in Deutschland geschafft hat, will sie nicht nach Berlin ziehen wie so viele andere Schweizer Künstlerinnen
und Künstler. «Ich bleibe der Schweiz treu und hoffe, dass ich hier weiterhin interessante Rollenangebote bekomme.» Die deutsche Filmbranche ist für ihren Geschmack zu kommerziell ausgerichtet. «In der Schweiz getraut man sich, auch kleine und schräge Geschichten ins Kino zu bringen, solche mit Tiefgang. Filme, die einen danach noch beschäftigen.» Das ist es, was sie auch selbst gerne sieht. Ihr absoluter Liebling ist «Manchester by the Sea» (2016) mit Casey Affleck und Michelle Williams, einer ihrer Lieblingsschauspielerinnen.

Roxy (Luna Wedler) macht in einem Rap-Battle einen Konkurrenten zur Schnecke.
Roxy (Luna Wedler) macht in einem Rap-Battle einen Konkurrenten zur Schnecke. Musik spielt in «Das schönste der Mädchen der Welt» eine zentrale Rolle. (Bild: Nadja Klier + Tobis Film GmbH)

Wegen ihres Faibles für Tiefgang träumt sie auch nicht von Hollywood. «Natürlich würde ich nicht Nein sagen, klar, aber es ist kein Ziel. Mir ist vieles zu flach, was von dort kommt.» Dann schon eher Frankreich oder Grossbritannien. Und auch da entwickelt sich bereits etwas. «Eigentlich darf ich dazu noch gar nichts sagen, aber ich habe eine Rolle bekommen, in der ich Englisch mit hochdeutschem Akzent sprechen muss.» Gar nicht so leicht, aber natürlich bekommt sie Unterstützung durch einen Sprachcoach.

Surfen auf der Erfolgswelle

Luna Wedler steht an einem aufregenden Punkt in ihrer Karriere. «Das schönste Mädchen der Welt» kommt mit vielen Vorschusslorbeeren in die Kinos, sämtliche Medien interessieren sich für sie , und die nächsten Monate werden ihr viel Aufmerksamkeit bescheren. «Andererseits ist mir auch ein bisschen mulmig zumute, was da nun alles kommt.»

Schon heute wird sie manchmal auf der Strasse erkannt und angesprochen – und freut sich immer sehr darüber. Aber bisher konnte sie sich daheim in Zürich ihre Normalität noch weitgehend bewahren, und das könnte mit zunehmender Bekanntheit schwieriger werden. Davon lässt sie sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen: «Ich surfe derzeit auf einer Welle und geniesse jeden Moment!»

«Das schönste Mädchen der Welt» läuft als Vorpremiere bereits am «Allianz Tag des Kinos» (2.9.) und offiziell ab 6. September in den Schweizer Kinos.

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