29. Mai 2019

Faible für Fieslinge

Vor fünf Jahren hat Philip Andrew Trümpi seinen sicheren Job bei einer Schweizer Grossbank gekündigt, um in New York Schauspieler zu werden. Diese Woche ist er auf Amazon Prime als adliger Schurke in «The Spanish Princess» zu sehen. Der Weg zum Erfolg war nicht immer leicht.

Philip Andrew Trümpi
Swiss Man in London: Jungschauspieler Philip Andrew will im internationalen Filmbusiness durchstarten
Lesezeit 5 Minuten

Nur seine Freundin wusste, weshalb er Anfang 2014 tatsächlich nach New York ging. «Allen anderen, sogar meinen Eltern, hatte ich gesagt, dass ich dort ein Bankpraktikum machen würde», erzählt Philip Andrew Trümpi (27). In Wahrheit besuchte er das Lee Strasberg Theatre and Film Institute – mit dem völlig verrückten Ziel, Schauspieler zu werden. «Sollte es schiefgehen, würde ich vor meinem Umfeld daheim weniger dumm dastehen, dachte ich damals.»

Der Traum von der Schauspielerei hatte ihn seit Jahren begleitet. «Schon als ich mit zwölf meine ersten Blockbusterfilme sah, wusste ich: Das ist es, das will ich auch!» Doch irgendwie fand er sich nach Schule und kaufmännischer Ausbildung plötzlich in einem Bankjob und in einem Wirtschaftsstudium wieder. Und ab und zu, wenn er beim Ausgehen zu viel getrunken hatte, dachte er: Was mache ich hier eigentlich? Soll das schon alles sein? Ich wollte doch Schauspieler werden.

Es dann tatsächlich zu wagen, war ein Impulsentscheid – der erste seines bis dahin ziemlich wohlgeordneten Lebens. «Ich sass in der Bank, sah mir online Schauspielschulen in den USA an – und begriff: Wenn ich es jetzt nicht tue, werde ich es nie tun.» Am nächsten Tag kündigte er den Job, zwei Monate später sass er im Flugzeug nach New York. «Dazwischen herrschte helle Panik», erzählt er und lacht.

Kaum Geld und laufend Absagen

Die Ängste erwiesen sich als durchaus berechtigt. In der Schauspielschule in New York lief es zwar gut, aber als er nach dem Abschluss aus Visumgründen nach London umzog, musste er dort quasi von vorne anfangen. «Mein Erspartes war aufgebraucht, ich hauste in einem winzigen Zimmer, jobbte in Restaurants und bei Callcentern für einen unterirdischen Lohn und bekam auf meine vielen Bewerbungen um Schauspieljobs immer nur Absagen.»

Nach eineinhalb Jahren war er kurz davor aufzugeben. «Ich lag oft stundenlang deprimiert auf meinem Bett und fragte mich, ob das wohl noch zehn Jahre so weitergehen würde.» Dennoch sei da immer dieser Funke Hoffnung gewesen: Wenn andere das schaffen, muss es auch bei mir gehen.

Die Wende kam, als er von einer Schauspielagentur unter Vertrag genommen wurde. «Ich durfte vorsprechen und wurde genommen – dass es doch noch klappte, war wohl eine Mischung aus Hartnäckigkeit, verbessertem Handwerk und Glück.» Tatsache ist: Ein Schauspieler kann noch so gut und ­talentiert sein, wenn er keine Agentur hat, wird es schwierig. «Und je besser das Netzwerk der Agenten, desto interessanter die Castingangebote.» Inzwischen hatte der junge Schweizer sich auch von seinem Nachnamen getrennt; er nennt sich nur noch Philip Andrew. «‹Trümpi› kann im englischen Raum keiner aussprechen – am Ende kommt dabei noch Trump heraus ...»

Überraschendes Rollenangebot für Filmhit

Er bekam erste kleine Jobs, in England und Deutschland. Dank seiner britischen Mutter ist er perfekt zweisprachig. Und eines Tages wurde er zu einem Casting eingeladen, an dem er eine Rolle improvisieren sollte, über die er nur wusste, dass es sich um einen deutschen Musikmanager in den 80er-­Jahren handelte. «Ich sollte eine kurze ­Szene präsentieren, einmal auf Deutsch und einmal auf Englisch mit deutschem Akzent.» Eine schnelle Sache, die er schon fast wieder vergessen hatte, als Wochen später die Zusage kam. Erst da erfuhr er, um welchen Film es sich handelte: «Bohemian Rhapsody», die Filmbiografie über Freddie Mercury und Queen, die später zum globalen Grosserfolg wurde und reihenweise Preise abräumte.

Schon zwei Tage nach dem Anruf stand er auf dem Filmset, gemeinsam mit Star Rami Malek. Und erst da realisierte er so richtig, dass das eine ziemlich grosse Sache werden könnte. Sein Auftritt als Musikproduzent Reinhold Mack ist kurz, und der Dialog ist am Ende dem Schnitt zum Opfer gefallen. «Aber die drei Tage auf dem Set waren ein echtes Erlebnis und haben mich darin bestärkt, dass dies genau das ist, was ich wirklich tun möchte.»

Philip Andrew in einer Szene aus «Bohemian Rhapsody» mit Star Rami Malek als Freddie Mercury.
Philip Andrew in einer Szene aus «Bohemian Rhapsody» mit Star Rami Malek als Freddie Mercury. (Bild: zVg)

Den grossen Titel in seiner Filmografie zu haben, dürfte weitere Türen öffnen. Ebenso die Agentur Conway Van Gelder Grant, bei der er dank einer Empfehlung inzwischen unter Vertrag steht. «Sie gehört zu den Top 5 in London und vertritt Stars wie Sherlock-Holmes-Darsteller Benedict Cumberbatch.»

Durch die Agentur ist er auch zu seiner bisher prominentesten Rolle gekommen – in der britisch-amerikanischen TV-Produktion «The Spanish Princess», in der es um die Anfänge der Liebesbeziehung zwischen Katharina von Aragon und dem legendären englischen König Henry VIII. geht. In Europa läuft sie auf Amazon Prime. Zwar wird er nur in der ­Folge auftreten, die am 9. Juni ausgestrahlt wird, dort spielt er aber eine tragende Rolle: als Prinz Philipp von Kastilien, Katharina von Aragons Schwager. «Der Prinz ist in der Serie ein verwöhnter, arroganter Schnösel und Fiesling», verrät Philip Andrew, «und es hat mir enormen Spass gemacht, ihn zu spielen.»

Philip Andrew als verwöhnter Prinz Philipp von Kastilien in «The Spanish Princess».
Philip Andrew als verwöhnter Prinz Philipp von Kastilien in «The Spanish Princess». (Bild: zVg)

Schon während der Schauspielausbildung stellte er fest, dass arrogante Bösewichte ihm liegen. «Und Leute, die sich durch irgendwelche Schwierigkeiten hindurchkämpfen müssen – da kann ich reichlich aus eigener Erfahrung schöpfen.» Sein grösster Wunsch wäre allerdings, in einem Film seines Lieblingsregisseurs Christopher Nolan zu spielen – egal, was. «Auch ein Bond-Film wäre toll. Und ich würde wahnsinnig gerne mal in einem Schweizer Film mitwirken.»

Nebenjobs sichern die Existenz

Mittlerweile scheint die Durststrecke überstanden. Weitere Rollen sind zwar nicht ­definitiv zugesagt, aber er hat jetzt Zugang zu interessanten Castings in den USA, Grossbritannien und Deutschland. «Nur erfährt man nie, wenn man die Rolle nicht kriegt. Sie melden sich nur bei einer Zusage, manchmal ­Wochen oder Monate später. Dafür muss es dann oft sehr schnell gehen, was die ­Lebensplanung nicht gerade erleichtert.»

Inzwischen lebt auch seine Freundin bei ihm in London. Seit zehn Jahren sind sie nun schon zusammen. Sie hat seinen Traum immer unterstützt und sorgt mit ihrem fixen Einkommen auch für eine gewisse finanzielle Stabilität. Philip Andrew arbeitet nebenbei noch drei, vier Stunden pro Tag online für eine Schweizer Firma, wo er sich um die Website und um Social Media kümmert. «So können wir uns einigermassen über Wasser halten.»

Nach Goldach SG, wo er aufgewachsen ist, schafft er es nur selten. Familie und Freunde besuchen ihn jedoch gerne und regelmässig in London. «Sie müssen mir aber immer Käsefondue und St. Galler Bratwürste mitbringen, sonst lassen wir sie nicht in die Wohnung», sagt er grinsend. Überhaupt fühlt er sich noch immer ziemlich schweizerisch solid: «Was ich in meiner Jugend mitbekommen habe, hilft mir, in dieser flatterhaften Schauspielerwelt die Bodenhaftung zu bewahren.»

«The Spanish Princess» auf Amazon Prime

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