05. April 2018

Facebook in der Krise – oder doch nicht?

Das soziale Netzwerk steht politisch und an der Börse unter Druck. Die Nutzer hingegen scheinen Facebook die Treue zu halten – trotz undurchsichtiger Datennutzung und politischer Manipulation.

Facebook
Vielen ein Dorn im Auge: Facebooks Umgang mit persönlichen Daten.

Elon Musk hat es getan: Er hat die Facebook-Accounts für seine Vorzeigeunternehmen Tesla und SpaceX gelöscht. Comedian Will Ferrell hat das Gleiche angekündigt, mit deutlichen Worten: «In der heutigen Zeit, in der Fehlinformationen grassieren, ist es wichtig, dass wir die Wahrheit schützen. Ich kann nicht mehr mit gutem Gewissen die Dienste eines Unternehmens in Anspruch nehmen, das die Verbreitung von Propaganda erlaubt und sie direkt auf die Schwächsten ausgerichtet hat.»

Ein Massenexodus ist dennoch nicht in Sicht, trotz der schlechten Presse für Facebook wegen fragwürdiger Datennutzung und politischer Manipulation.

Hast du dir in den letzten Wochen auch schon überlegt, bei Facebook auszusteigen?

Allerdings sinkt der Aktienkurs seit Anfang 2018, und seit Jahren findet eine schleichende Abwanderung der Jugend statt. 2017 hat das soziale Netzwerk in den USA 2,8 Millionen Nutzer unter 25 Jahren verloren, die Hälfte davon sind Teenager, die Instagram oder Snapchat interessanter finden.

Die Jugendlichen, die Facebook den Rücken kehren, tun dies allerdings kaum je, weil sie sich um die Sicherheit ihrer Daten sorgen. Viele sprechen von einer «Befreiung», sind froh, dass sie plötzlich mehr Zeit für anderes haben und dem ständigen Druck der «Likes» nicht mehr ausgesetzt sind. Einige sagen, sie kämen sich vor wie Ex-Junkies.

Global hingegen steigt die Popularität von Facebook weiter: Ende 2017 verzeichnete das Netzwerk weltweit rund 2,1 Milliarden aktive Nutzer – 14 Prozent mehr als im Vorjahr. Davon sind 1,4 Milliarden täglich aktiv.

Fragen und Antwortung zum Datenschutz im Netz

Wie schütze ich als Facebook-User meine Daten am besten?

Man muss die Privatsphäre-Einstellungen regelmässig prüfen. Besser geschützt ist, wer ausserdem keine Apps von Drittanbietern verwendet und Facebook nicht mit Diensten Dritter verknüpft. Sicher ist man aber auch dann nicht – es gehört zum Kerngeschäft von Facebook, die Daten der Nutzer weiterzuverwenden, um ihnen möglichst passende Werbung anzuzeigen.

Bin ich auch als Nicht-Facebook-User betroffen?

Ja. Wenn jemand Ihre Handynummer oder E-Mail-Adressen in seinen Smartphone-Kontakten gespeichert und sein «Telefonbuch» bei Facebook hochgeladen hat, kennt das soziale Netzwerk auch Ihre Kontaktdaten. Durch Cookies auf Ihrem Computer kennt Facebook ausserdem Ihre Interessen.

Kann ich mich davor schützen, mit Fake-News in meiner Timeline manipuliert zu werden?

Ja. Folgen und interagieren Sie nur mit seriösen Seiten und Freunden. Melden Sie alles, was nach Fake-News riecht, und lassen Sie Facebook wissen, dass Sie nicht daran interessiert sind.

Facebook hat angekündigt, Gegenmassnahmen zu ergreifen. Bringen die etwas?

Facebook will den Zugriff von Drittanbietern auf Nutzerdaten einschränken. Hinsichtlich Privatsphäre bringt das nicht viel: Statt bei weiteren Unternehmen sind die Daten bei Facebook gespeichert.

Wie melde ich mich von Facebook so ab, dass auch all meine Daten sicher gelöscht sind?

Sie können Ihr Konto löschen unter facebook.com/help/delete_account. Das heisst aber nicht, dass Facebook danach Ihre Daten nicht mehr besitzt – Sie haben bloss keinen Zugriff mehr darauf.

Gibt es eine gute Alternative zu Facebook, die Ähnliches bietet, aber sicherer ist?

Nein, keine ernstzunehmende. Alternative Dienste wie Instagram oder Whatsapp gehören ausserdem demselben Konzern.

Wie kann ich sicherstellen, dass meine Onlinedaten nicht in falsche Hände geraten?

Veröffentlichen Sie online und in sozialen Medien nur, was Sie auch ohne Zögern in der Öffentlichkeit zeigen oder erzählen würden. Es gibt keine 100-prozentige Sicherheit, dass nichts in falsche Hände gerät. Wer sich dieser Sicherheit einigermassen annähern will, muss komplett offline gehen, also weder Internet noch Smartphone nutzen und mit niemandem vernetzt sein, der all diese Dienste nutzt.

Facebook steht zwar politisch und an der Börse unter Druck, aber bis dato gibt es keinen Massenexodus von Usern. Wie kommt das?

Facebook ist ein nicht unbedeutender Teil vieler Lebenswelten geworden, sodass die Hürden hoch sind, wenn es darum geht, sich auszuklinken. «Die Alternativen sind nicht vegleichbar, man würde einiges einbüssen», sagt der deutsche Internetsoziologe und Informatiker Stephan Humer. «Das wollen viele nicht.» Zudem würden die Datenschutzprobleme «allzu oft und gern» einfach ausgeblendet.

Facebook-Usern scheint also weitgehend egal zu sein, was mit ihren Daten passiert. Warum?

Nochmals Stephan Humer: «Digitalisierung ist ein extrem komplexes Thema. Wer kann schon wirklich gut und richtig entscheiden, was er wann braucht und was nicht? Bis wir gut funktionierende Daumenregeln für die digitale Welt haben, wird es noch eine Weile dauern. Bis dahin werden viele Menschen resignieren, ignorieren, wegschauen – bis es sie persönlich trifft und auch datentechnisch schmerzt.»

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