14. März 2018

Fabelhaftes Nordnorwegen, zauberhafte Lofoten

Helle Sommer, dunkle Winter, Elche und Feen: Die zauberhafte Gebirgslandschaft im Norden Norwegens bietet allerhand Gegensätze. Ein toller Ort für Outdoorerlebnisse.

Aufregend und entspannend zugleich: Paddeln zwischen Tromsø und der Vogelinsel Grindøya.
Aufregend und entspannend zugleich: Paddeln zwischen Tromsø und der Vogelinsel Grindøya.

Braungrün ragen die Gebirgszüge rings um Tromsø aus dem Meer. Surreal wirken die Schneeflecken auf ihren Flanken: so, als hätte Ferdinand Hodler Resten weisser Farbe verteilt. Viel von dem kalten Weiss hats nicht mehr, obwohl das Gebiet so weit nördlich wie Sibirien und Nordalaska liegt. Aber hier in Nordnorwegen erwärmt der Golfstrom das Klima. Im Juli herrscht oft sogar T-Shirt-Wetter. Auch heute. Ideal für einen Paddelausflug.

Auf der Insel Hakøya im Fjord vor Tromsø gehts los. «Das Einerboot ist recht wackelig», sagt Laura, die blonde junge Frau, die die Kajaktour führt, «das Boot kann schnell mal kippen.» Das passiere aber selten, fügt sie an und verteilt Neoprenfüsslinge sowie Oberteile, die man anzieht und über das Kajak stülpt. «Wenn ihr abtaucht: nicht erschrecken, das Wasser ist kalt», sagt Laura und erklärt mit nordisch-herber Sachlichkeit, was dann zu tun ist.

Ich will mir gar nicht ausmalen, wie ich mitten in einer missglückten Eskimorolle im eiskalten Wasser unter dem Kajak hängenbleibe. Also konzentriere ich mich beim Lospaddeln auf die Umgebung: tiefblaues Wasser, stahlblauer Himmel, grüne Hügel, kreischende Möwen. Und in der Ferne Gebirge. Nach ein paar wackeligen Ruderschlägen legt sich nicht nur das Schaukeln, sondern auch die Angst.

Im Sommer zu warm zum Baden

Wir gleiten über das Wasser. Laura zeigt auf einen Badestrand und erklärt, dass die Norweger im Sommer hier baden, im maximal 16 Grad warmen Wasser. «Ein paar Hartgesottene finden sogar, im Sommer sei es zu warm», sagt sie, «aber ich glaube, das ist Angeberei.» Wir machen Rast auf der Vogelinsel Grindøya und treffen dort auf eine Familie mit zwei Buben, die noch zur Hälfte in ihren Schlafsäcken stecken und so vor ihrem Zelt picknicken. Offensichtlich haben sie hier übernachtet. Zelten darf man in Norwegen überall, wie unsere Tourenführerin erklärt. Dennoch trifft man hier selten auf Menschen, Vögel hat es umso mehr. Plötzlich ein Ruf von Laura: «Da!». Sie zeigt in die Luft, und wir erblicken einen Adler, gefolgt von aufgebrachten Möwen. Diese Vögel geraten nicht selten aneinander, Seeadler nehmen sich auch mal Möwen zur Beute oder jagen ihnen Fische ab.

Wir paddeln wieder los und kurz darauf über eine Stelle von historischer Bedeutung: Im Zweiten Weltkrieg hat hier vor der Küste Grindøyas die britische Air Force das deutsche Schlachtschiff «Tirpitz» versenkt. Heute sehen nur noch Taucher etwas davon: Einige Überreste des Wracks liegen noch immer auf dem Meeresgrund.

Schiffe der ehemaligen Postfähre Hurtigruten
Die Schiffe der ehemaligen Postfähre Hurtigruten legen auch in Tromsø an.

Tromsø ist trotz seiner Lage auf dem 68. Breitengrad oberhalb des Polarkreises keineswegs abgelegen. Hier befindet sich immerhin einer der Häfen der traditionellen Postfährlinie Hurtigruten. Der Schifffahrtsklassiker führt der Küste entlang vom tiefen Süden bis in den hohen Norden des Landes. Einst der schnellste, hurtigste Weg durchs Land, heute einer der geruhsamsten.

Einen Tag lang keinem Menschen begegnen

Die 70’000-Seelen-Stadt Tromsø beherbergt die nördlichste Universität der Welt, ein Klima- und Umweltforschungszentrum und eine norwegische Fischereihochschule. Es waren denn ursprünglich auch Wissenschaft und Forschung, die Arntraut Götsch (41) vor 16 Jahren hierhergelockt haben. Die Lebensmittelchemikerin kam für ein Austauschprojekt an die Uni. Nach dessen Abschluss packte sie zu Hause in Deutschland ihre Sachen und kam zurück nach Tromsø – um zu bleiben. «Hier hat man viel Weite, Wildnis, Natur», schwärmt Götsch, «man kann einen ganzen Tag lang wandern, ohne einem Menschen zu begegnen. So was wäre in Deutschland und in der Schweiz unvorstellbar.» Götsch hat einen Schweizer Vater und eine deutsche Mutter und ist an verschiedenen Orten aufgewachsen: Schweiz, Brasilien und Costa Rica, um nur einige Stationen zu nennen. Dass der Norden sie so sehr reizte, hat aber vor allem mit dem Norweger zu tun, den sie bei ihrem ersten Aufenthalt vor 16 Jahren kennenlernte. Heute sind die beiden verheiratet, haben zwei Kinder im Schulalter und wohnen unweit von Tromsø auf dem Land.

Arntraut Götsch
Arntraut Götsch hat unter anderem Schweizer Wurzeln und lebt seit 16 Jahren in der Nähe von Tromsø.

Um ihr Häuschen herum hat Arntraut Götsch Gemüse und Büsche angepflanzt – ausser Brombeeren gedeiht hier jede Beerensorte. Es wächst auch Wurzelgemüse, wie Karotten, Kartoffeln und Radieschen, ebenso Kohl, Salat und Kefen. «Äpfel hingegen reifen hier leider keine», sagt Götsch, «dafür ist die Vegetationsperiode im Sommer zu kurz.» Ansonsten liebt sie das Leben nördlich des Polarkreises, besonders die Gegensätze: Von Mitte Mai bis Mitte Juli geht die Sonne nie vollständig unter, von Ende November bis Mitte Januar nicht auf. Für Outdooraktivitäten müssen im Winter ein paar Stunden Dämmerung reichen. Die Wahlnorwegerin rät: «Man muss einfach in der kurzen Zeit raus, in der es ein wenig heller ist. Sonst versauert man auf dem Sofa.» Im Winter heisst das Ski fahren, Langlauf und Schneeschuh wandern – unter Sternenhimmel oder sogar mit Nordlicht. «Du gewöhnst dich aber auch daran, mit der Stirnlampe Ski zu fahren», sagt sie und lacht.

Mitternachtswanderung mit Kindern

Viel mehr Mühe hatte die Mitteleuropäerin zu Beginn mit dem nordischen Sommer. Ins Bett zu gehen, wenn es draussen noch hell ist, fiel ihr schwer. Heute weiss sie sich zu helfen: «Vorhänge zumachen, wie das alle Norweger tun.» Oder die Familie zieht abends los: «Die Mitternachtswanderungen im Sommer sind einfach toll», sagt Götsch. Dafür sind inzwischen auch die Kinder gross genug.

Arntraut Götsch ist berufstätig, seit sie in Norwegen lebt. Das hat sich auch mit der Geburt der Kinder nicht geändert. In Norwegen sind Schulen und Kindergärten auf berufstätige Eltern ausgerichtet. «Deshalb ist es hier wohl viel einfacher als in der Schweiz, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen», vermutet sie. Die Erzählungen ihrer Schweizer Schwester lassen sie das vermuten. Die Freizeit verbringt Götsch oft mit der Familie, im Sommer häufig auf Orientierungsläufen.

Outdoorfitness ist in Norwegen beliebt. Überall und zu jeder Tageszeit trifft man Sport treibende Norwegerinnen und Norweger an. So rennen und joggen die Einheimischen auch in Narvik den Stadthügel hinauf. Die Touristen hingegen steigen in der Hafenstadt, 250 Kilometer südlich von Tromsø gelegen, in die Gondel, um zu dem Punkt mit der spektakulären Aussicht zu gelangen. Die prächtige Weitsicht entschädigt für die eher dröge Stimmung in der Stadt: Narvik ist kein touristischer Hotspot, sondern Industrieort und die letzte Stadt auf dem Festland, bevor man auf das weitläufige Inselparadies der Vesterålen und Lofoten gelangt.

Typisch Lofoten: klares Meereswasser
Typisch Lofoten: klares Meereswasser, hübsche Häuschen, liebliche Landschaft.

Erst seit knapp zwanzig Jahren ist die Region Lofoten mit ihren etwa 80 Inseln überhaupt auf dem Landweg erreichbar. Damals wurde die Raftsundbrücke gebaut, die heute das Festland mit den Lofoten verbindet. Mit der Brücke kamen auch die Elche. Alle paar Dutzend Kilometer weist ein Warnschild am Strassenrand auf deren Anwesenheit hin. Und tatsächlich schreitet eines Nachts eines dieser stolzen Tiere vors Auto. Es ist dunkel, Regenwolken hängen schwarz am Himmel, der Elch steht im Scheinwerferkegel. Dann springt er eilig über die Strasse ins Gehölz. Irgendwie scheint er einer Zauberwelt entsprungen zu sein.

Wie so vieles hier. Die Lofoten haben etwas Märchen- und Traumhaftes. Die Berge – spitzer, wilder, gezackter als auf dem Festland – sind fast unwirklich schön. Lila Blumen säumen den Wegesrand. Gut vorstellbar, dass sich um diese Inselwelt Fabeln von Trollen, Faunen und Feen ranken.

«Trolle ertragen kein Sonnenlicht»

Tatsächlich erklärt Tourenführerin Elisabeth Farøy Lund (37) ernst: «Dieser Gipfel dort drüben ist ein versteinerter Troll.» Wir stehen auf dem Glomtind, einem Gipfel bei Svolvaer, mit 4500 Einwohnern die grösste Stadt der Lofoten. Eine stündige Wanderung führt von Svolvaer aus hier herauf. Der Troll, das ist die felsige Spitze des Vågakallen, 942 Meter hoch und im Moment von Nebelschwaden umwabert. «Trolle ertragen kein Sonnenlicht», erklärt die Norwegerin, «wenn es hell wird, verwandeln sie sich in Gestein.»

Blick vom Glomtind-Gipfel
Der Blick vom Glomtind-Gipfel bezaubert Wanderer bei jedem Wetter.

Farøy Lund stammt aus dem Süden Norwegens und wohnt seit ein paar Jahren auf den Lofoten. Im Sommer führt sie Touristen auf Berge und Hügel, gibt Outdoor-Hula-Hoop-Kurse und verdient sich so das Geld, das das ganze Jahr reichen muss. Im Winter hat sie weniger Kundschaft. Die Norwegerin kennt die besten Aussichtspunkte der Gegend. Wie diesen auf dem Glomtind: Die Sicht ist spektakulär, auch bei wechselhaftem Wetter wie heute. Auf der einen Seite geht der Blick auf einen Süsswassersee, saftiges Grün und die Nordsee, auf der anderen auf ein Hafenstädtchen, die zerklüftete Küste und ganze Reihen der gezackten Bergketten. Regenwolken kleben an den Felsspitzen, es ist eisig kalt, gespenstisch, mystisch, wunderschön. Irgendwo hier leben Fabelwesen, das scheint klar.

Die Bucht von Henningsvaer
Die Bucht von Henningsvaer, vom 541 Meter hohen Festvagtinden aus gesehen.

Nur wenige Stunden später, unten auf Meereshöhe, stellt sich ein Rivieragefühl ein. Auf einer kurvigen Küstenstrasse gelangt man zum Fischerstädtchen Henningsvaer – durch eine so unglaublich schöne Landschaft, dass man fast ununterbrochen anhalten und fotografieren möchte. In Henningsvaer reihen sich kleine Hotels, Restaurants und Souvenirläden aneinander. Es gibt eine Bootsanlegestelle und einen kleinen Kanal auf einer felsigen Landzunge. Da und dort sind Holzgestelle am Meeresufer zu sehen: Hier hängen von Februar bis Juni die gesalzenen Fische und verströmen ihren strengen Duft, während sie lufttrocknen. Später werden sie als Stockfisch in der typisch norwegischen Fischsuppe serviert. Der beste Stockfisch, sagt man, komme natürlich von den Lofoten.

Rivierafeeling verströmt die Küste von Henningsvaer
Rivierafeeling verströmt die Küste von Henningsvaer, zumindest bei schönem Wetter

Die Reise wurde unterstützt von Travelhouse, www.travelhouse.ch

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