02. Juni 2020

Explosion des Klimabewusstseins

Die Coronakrise hat Umwelt und Klima aus den Schlagzeilen verdrängt. Nun nimmt die Debatte wieder Fahrt auf – im Parlament in Bern, bei Klimaaktivisten und Start-ups. Die Crowdfunding-Plattform wemakeit wird seit 2019 mit Klimaprojekten und Geld geradezu geflutet.

Grosser Aletschgletscher
Auch in der Schweiz schrumpfen wegen des Klimawandels die Gletscher, hier der Grosse Aletschgletscher. (Bild: Getty Images)
Lesezeit 7 Minuten

Während der Sommersession berät der Nationalrat noch einmal die Totalrevision des CO2-Gesetzes, um letzte Differenzen mit dem Ständerat zu bereinigen. Es sieht unter anderem eine Flugticketabgabe vor, CO2-Grenzwerte für Gebäude, Steuererleichterungen für Erdgas, biogene Treibstoffe und die Einrichtung eines Klimafonds.

Im Dezember 2018 noch hatten Grüne und Linke eine erste Fassung der Totalrevision versenkt, weil sie aus ihrer Sicht von den Bürgerlichen zu sehr verwässert worden war: «Eine Frechheit für unsere Erde», schimpfte die Grüne Aline Trede auf Twitter. Diesmal jedoch stehen die Chancen
gut für echte Fortschritte.

Zu verdanken ist dies einer regelrechten Explosion des Klimabewusstseins im Jahr 2019, die im Herbst zu einer grünen Welle im Parlament führte. Beispielhaft dafür: Im Kanton Glarus wurde erstmals in der Geschichte ein amtierender Ständerat abgewählt (Werner Hösli, SVP) und durch den klimafreundlichen Grünen Mathias Zopfi ersetzt.

Flut beim Crowdfunding

Wie sehr sich das gesellschaftliche Bewusstsein in der Schweiz gewandelt hat, zeigt sich auch bei der Crowdfunding-Plattform wemakeit. Dort hat die Zahl der Umwelt- und Klimaprojekte massiv zugenommen. Ein Vergleich zwischen den Perioden von April 2016 bis April 2018 und April 2018 bis April 2020 zeigt, dass sich die Zahl der Projekte um 150 Prozent auf 106 erhöht hat, das gesammelte Geld um 240 Prozent auf 1,84 Millionen Franken und die Zahl der Unterstützenden um 250 Prozent auf 14 400 Personen. Eindrücklich ist auch die Vielfalt der Projekte.

Auf dem Höhepunkt der Coronakrise geriet das Klima bei wemakeit zwar ein wenig in den Hintergrund, dies habe sich aber bereits wieder zu ändern begonnen, sagt Céline Fallet, Geschäftsführerin der Crowdfunding-Plattform. «Im April waren rund zwei Drittel aller Projekte Solidaritätskampagnen, doch mittlerweile nimmt die Zahl der anderen Projekte wieder zu, darunter auch klimafokussierte.»

Geldtopf für Klimaprojekte

Im Sommer kann man sich mit solchen Projekten bei wemakeit für eine Unterstützung durch den Impact Fund bewerben. Darin befinden sich rund 270 000 Franken, die über 2000 Spender Anfang des Jahres zur Verfügung gestellt haben. Stiftungen und Mäzene sollen diesen Betrag auf bis zu eine Million Franken erhöhen.

Eine Expertenjury entscheidet, welche der Bewerber mit je 25 000 Franken unterstützt werden. Mitmachen können Klimaprojekte, die ein Finanzierungsziel von mindestens 50 000 Franken anvisieren. Sobald die Hälfte des Zielbetrags durch mindestens 200 Unterstützer erreicht wird, erhält das Projekt weitere 25 000 Franken aus dem Impact Fund.

Und das ist noch nicht alles: Auch Schweizer Start-ups beschäftigen sich vermehrt mit klimafreundlichen Geschäftsmodellen, etwa zur Kreislaufwirtschaft. 27 solcher Start-ups haben im Rahmen des Förderprogramms CE Incubator während der vergangenen Monate ihre Lösungen weiterentwickelt, in den Bereichen Food & Farming, Smart Cities, Industrie & Beschaffung oder Fashion & Konsumgüter.

«Trotz der herausfordernden Umstände durch Corona arbeiteten die meisten weiter», sagt José Silva, Programmleiter des CE Incubators. «Und einige von ihnen sahen sich sogar mit einer steigenden Nachfrage nach ihren Dienstleistungen konfrontiert.»

Bewusstseinsänderung auch dank des Klimastreiks

«Die verstärkte Sensibilität beim Klima ist nicht zuletzt dem enormen Engagement der Klimajugend zu verdanken», sagt Thomas Stocker (60), Klimaforscher und Professor an der Universität Bern. Er hätte sich gewünscht, dass der politische Rutsch bei den Wahlen sogar noch stärker ausgefallen wäre.

Den jugendlichen Klimastreikenden geht es genauso: «Klar, für Schweizer Verhältnisse waren das grosse Veränderungen», sagt Gymnasiast Jonas Kampus (19) aus Wetzikon ZH, «aber die Machtverhältnisse haben sich kaum verändert. Bestenfalls werden gewisse Gesetze ein bisschen stärker ausfallen, aber niemals so, wie sie eigentlich müssten.»

Auch der Thalwiler Steiner-Schülerin Mira Guggenbühl (14) geht alles viel zu langsam. Dabei zeige das neue Konsumentenbarometer der Uni St. Gallen, dass 60 Prozent der Bevölkerung hinter den Forderungen des Klimastreiks stehe. «Die Mehrheiten hätten wir an sich.» Ziel sei deshalb, neue basisdemokratische Strukturen zu etablieren, die auf lokaler Ebene Entscheidungen ermöglichten.

Amsterdam als Vorbild?

Dass das Klimabewusstsein wegen Corona nachlassen wird, glauben die jungen Aktivistinnen nicht: «Die Schweiz hat nun erlebt, wie sich eine echte Krise anfühlt», sagt Mira Guggenbühl, «eine Art Vorgeschmack auf die Folgen der Klimakrise. Hoffentlich lernen wir etwas daraus.»

Zudem habe das Virus etwas deutlich gemacht, ergänzt Jonas Kampus: «Wird die Wirtschaftsleistung runtergefahren, geht es der Umwelt sofort besser. Dieses Herunterfahren muss jedoch geplant erfolgen, sonst leiden sehr viele Menschen darunter.» Er sieht Amsterdam als Vorbild. «Als Antwort auf Corona strebt die Stadt nun die Postwachstumsgesellschaft an – in diese Richtung müssen wir gehen.»

Rhonegletscher
Rhonegletscher, August 2015: Bergführer Egon Zuber wechselt die Planen, die das zu schnelle Schmelzen des Gletschers verhindern und die Eisgrotte im Innern schützen sollen. (Bild: KEYSTONE/ Fotostiftung Schweiz/ Nicolas Faure)

Thomas Stocker erhofft sich durch die Coronakrise eine Marktbereinigung. «Aus meiner Sicht wäre es sehr begrüssenswert, wenn Anbietern von Billigflügen und -kreuzfahrten nicht wieder auf die Beine geholfen würde.» Aus ökologischer Sicht seien dies unhaltbare Geschäftsmodelle. «Es wäre
kein grosser Verlust, wenn sie verschwinden würden.»

Konkret fordert Stocker Folgendes:
1. Eine Revision des Steuerwesens, mit der man den CO2-Fussabdruck der Leute regional unterschiedlich besteuert. Wer sich einen grossen Fussabdruck leisten will, zahlt mehr, das Geld geht einerseits an die Bevölkerung zurück, andererseits in einen Innovationsfonds für Technologie und in den Umbau einer klimafreundlicheren Infrastruktur.
2. Das Fliegen verteuern: eine substanzielle Abgabe auf Flugstrecken unter 1000 km, aber auch auf über 1000 km – Verwendung des Geldes siehe oben.
3. Ein Label in allen Läden, das den CO2-Abdruck eines Produkts transparent und auf einen Blick darstellt, damit jeder sich entscheiden kann, was er kaufen möchte und was nicht.

«Wichtig ist, dass das alles nicht von heute auf morgen einfach von oben angeordnet wird, das wäre völlig kontraproduktiv», betont Stocker. Man müsse die Menschen mitnehmen, so wie es der Bundesrat exemplarisch mit den Massnahmen gegen Corona gemacht habe. «Man muss erklären, an die Vernunft und den Verstand appellieren und dann Schritt für Schritt Massnahmen einführen.» Dies dauere zwar lange, aber nur so könne man die verbreitete Haltung verhindern: «Der andere macht nichts, also muss ich auch nichts machen.»

Jonas Kampus hält zudem fest, dass kleine Verhaltensänderungen zwar löblich seien, aber kaum was brächten. «Es ist begrüssenswert, wenn Leute weniger Plastik verbrauchen und sich erhoffen, damit etwas Gutes fürs Klima zu tun, aber uns geht es um sehr viel grössere, grundsätzlichere, strukturelle Veränderungen. Nur die bewirken wirklich was.»

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Es müsse de facto eine industrielle Revolution stattfinden, sagt Thomas Stocker: «Nach der Mechanisierung, der Elektrifizierung und der Digitalisierung braucht es nun die Dekarbonisierung.» Für dieses immense globale Unterfangen brauche es neue Erfindungen und neue Produkte – «aber es wird auch viel Fortschritt, Lebensqualität und neue Werte bringen.»

Wie gross ist ihre Hoffnung, dass die Menschheit die Klima krise noch rechtzeitig in den Griff bekommt? «Es schwankt», sagt Guggenbühl. «Aber grundsätzlich habe ich diese Hoffnung schon. Und ich könnte es mit mir nicht vereinbaren, mich nicht für meine Überzeugungen einzusetzen, selbst wenn es vielleicht nur wenig bringt.» Auch Kampus hat Hoffnung und sieht es gar als moralische Verpflichtung, dafür zu kämpfen. «Es ist eine Aufgabe, die uns über die nächsten 50 Jahre beschäftigen wird», sagt Klimaforscher Stocker. «Ich bin ein wenig optimistischer als noch im Herbst 2018, dass die Menschheit bereit ist, diesen Weg zu gehen.»

Verwandte Artikel

Irmi Seidl

Abschied vom ständigen Wachstum

Donald Trump und Xi Jinping

Kapitalismus in der Krise?

Freundliche Diskussion

Reden statt toben

Regenbogenfamilie

Joshua hat zwei Mütter