11. November 2013

Laufsteg ins normale Leben

In den 80er-Jahren lächelten sie von den Titelseiten der Modezeitschriften oder liefen in Mailand, Paris und New York über den Laufsteg. Heute sind sie Boutiquebesitzerinnen, Autoren, Vollzeitmamas oder Therapeuten. Fünf ehemalige Models erzählen, warum sie sich nun über etwas anderes als nur über Schönheit definieren.

Ex-Model Lu Lüthi in ihrer Boutique
«Ich liess mich nie von Geld und Ruhm blenden» – Ex-Model und heutige Boutiquebesitzerin Lu Lüthi.

Name: Lu Lüthi (71)

Grösster Erfolg: Shootings für «Vogue» und «Harper's Bazaar»

Model: von 1965 bis 1980

Seither: Inhaberin der Boutique «Lu» an der Schipfe 4 in Zürich

Liliane Lüthi, geboren in La Chaux-de-Fonds NE, hatte keine leichte Kindheit. Als Scheidungskind wurde sie herumgereicht und schlecht behandelt. Mit 20 Jahren hatte sie genug. Sie packte ein Köfferchen und setzte sich in den nächsten Zug nach Zürich. Drei Jahre später wurde die junge Liliane, die sich von da an Lu nannte, an der Bahnhofstrasse von einer Frau zu Fotoaufnahmen in ein Studio eingeladen. Die Fotos wurden in der Modezeitschrift «Elle» abgedruckt, aus Liliane wurde Lu, das Fotomodell. Plötzlich stand das einst so prüde Mädchen aus dem Welschland in durchsichtigen Bikinis und eleganten Kleidern vor der Kamera.

Lu Lüthi als Model für die «Elle» in den 80er-Jahren
Lu Lüthi als Model für die «Elle» in den 80er-Jahren.

«Für das Posieren hatte ich zum Glück ein Gespür», sagt Lu Lüthi. Sie modelte in Zürich, Paris und Mailand. Ihr war es wichtig, über die Runden zu kommen, ihre Miete bezahlen zu können. «Ich stand immer mit beiden Beinen im Leben, liess mich nie von Geld oder Ruhm blenden.» In der Modebranche galt sie als die Umgängliche: «Die Agenten sagten: Nimm Lu, die macht kein Theater und macht jeden Job mit Humor.» Lu Lüthi wurde mit Grössen wie Greta Garbo oder Marlene Dietrich verglichen.

Nach 15 Jahren wollte sie nicht mehr vor der Kamera arbeiten und entschied, Stylistin zu werden. Denn wie man sich schick macht, hatte sie als Model gelernt. Ende der 90er-Jahre bot man ihr einen Laden in der Zürcher Altstadt an. «Ich hatte immer ein Gefühl für Farben und Formen, also beschloss ich, Möbel und Wohnaccessoires zu verkaufen.» Das tut sie nun seit 15 Jahren an der Zürcher Schipfe. Ans Aufhören denkt Lu Lüthi nicht: «Mein Laden ist meine Leidenschaft», sagt sie, «der Tag könnte 48 Stunden haben.» Jedem Kunden bietet sie einen Kaffee an und hat immer ein offenes Ohr für Anliegen. Sie hat ihren Frieden gefunden: «Ich hatte eine tolle Karriere und habe die Welt gesehen.»

Werner Schreyer inmitten seiner Kunstwerke.
Seit ein paar Jahren gehört Werner Schreyers Leidenschaft der Kunst.

Name: Werner Schreyer (43)

Grösster Erfolg: Gesicht von Louis Vuitton

Model: von 1988 bis heute

Seither: Künstler

Mit 15 zog er von zu Hause aus, mit 20 heiratete er in Las Vegas, und mit 25 war er eines der erfolgreichsten Models der Welt: Werner Schreyer, der österreichische James Dean der 90er-Jahre. Eigentlich wollte er Skiprofi wie Hermann Maier werden, doch Geld musste her, und seine Mutter fand: «Dir passt einfach alles. Probiers mit dem Modeln!»

1990 posierte Werner Schreyer für Modedesigner Gianni Versace.

Es funktionierte. Doch auf den Höhenflug folgte bald der Tiefpunkt. «Der Erfolg stieg mir zu Kopf, ich arbeitete viel zu viel, meine Ehe ging in die Brüche.» Werner Schreyer fühlte sich einsam. Also sortierte er sein Leben neu. Seit über zehn Jahren hat er das Wiener Grossstadtleben hinter sich gelassen und wohnt in der Ostschweiz. Er lässt die Finger von Alkohol und Drogen, macht täglich bis zu fünf Stunden Sport. Doch das Altern macht auch vor dem schönen Werner Schreyer nicht Halt: Kürzlich musste sich der Österreicher einer Bandscheibenoperation unterziehen. Im Modelbusiness ist er noch immer gefragt und modelt für Louis Vuitton oder Guess.

Hier kann ich einfach der Werner sein.

Seit ein paar Jahren gehört seine Leidenschaft aber der Kunst. «Statt mir teure Bilder zu kaufen, male ich sie mir selbst», erklärt der Beau seine Freude an Farbe, Spachtel und Pinsel. «Als Model musst du einfach funktionieren, bist nur eine Hülle. Die Kunst hingegen interessiert sich auch für das Innenleben», sagt Werner Schreyer, der die F+F Kunstschule in Zürich besucht hat. Aktuell arbeitet er für eine Ausstellung in Paris und designt T-Shirts.

Er ist ein stiller Schaffer, sagt selbst von sich, er sei kein Herdentier und möge es bescheiden. «Hier in der Schweiz kann ich einfach der Werner sein.»

Urs Althaus heute am Ufer des Urnersees.

Name: Urs Althaus (57)

Model: von 1974 bis 1989

Grösster Erfolg: erstes schwarzes Männermodel auf dem «GQ»-Cover der USA

Seither: Schauspieler, Autor und Opernintendant

Als Kind wollte Urs Althaus nur eines: der nächste Pelé werden. Bis eine Verletzung seine Fussballträume jäh beendete. Der Sohn einer Schweizerin und eines nigerianischen Medizinstudenten wuchs in Altdorf UR auf. Mit 18 Jahren lief er seine erste Modeschau, wurde entdeckt und modelte unter anderem für Yves Saint Laurent. Als erstes männliches schwarzes Model zierte er 1977 das Cover des US-Männermagazins «GQ».

1977 als erstes schwarzes Cover-Model.
1977 als erstes schwarzes Cover-Model.

Doch der Erfolg hatte Schattenseiten: Drogenexzesse, Rassismus und Fehlinvestitionen. Dann entdeckte er die Schauspielerei. In «Der Name der Rose» (1986) spielte er an der Seite von Sean Connery, mit «L’allenatore nel pallone» (1984/2008) wirkte er in einem italienischen Kultfilm mit.

«Schauspielern ersetzt den Psychiater», schwärmt er. «Durch die verschiedenen Rollen habe ich mich selbst kennengelernt.» Heute lebt er wieder da, wo seine Wurzeln sind. Mit Schulfreundin Esther teilt er sich in Flüelen UR eine Wohnung am See. In Bauen UR will Althaus eine Bellini-Oper aufführen, und seine Biografie «Ich, der Neger» wird aktuell auf Englisch übersetzt.

Auf seine Modelzeit blickt er dankbar zurück. «Dass ich modeln durfte, war ein Geschenk Gottes.»

Grossfamilie (von links): Désirée (13), Vivienne (11), Jacqueline (12), Mama Caroline und Claudine (4). In der Luft: Paul (8) und Louis (6).

Name: Caroline Duss (44)

Grösster Erfolg: Parfümkampagne für Nina Ricci

Model: von 1990 bis 1999

Seither: Vollzeitmami

Caroline Duss wusste schon als Teenager, dass sie einmal mindestens vier Kinder haben möchte. Heute ist sie alleinerziehende Mutter von sechs Kindern, unterhält ein Haus in Rickenbach SZ und beherbergt einen Hund, Hühner und Hasen. Seit einem Jahr lebt sie von ihrem Mann getrennt. «Manchmal bin ich als Alleinerziehende schon am Anschlag. Sechs Kinder brauchen enorm viel Organisation», sagt sie, während ihre Kinder sie mit Fragen bestürmen und wild durcheinanderreden. «Aber meine Kinder geben mir so viel zurück!»

Caroline Duss 1994 bei einem Fotoshooting in Zürich.
Caroline Duss 1994 bei einem Fotoshooting in Zürich.

Meine Kinder geben mir viel zurück

Dass Mami einmal ein bekanntes Model war, haben ihre Sprösslinge lange nicht geglaubt: Die hübsche Frau auf den Fotos an der Wand hielten sie für eine Fremde. Trotzdem finden ihre Töchter, sie habe «mega schön» ausgesehen früher. Caroline Duss wurde einst in Thomas Gottschalks Sendung «Model 92» Zweite nach Heidi Klum, war bei Ford Models in New York unter Vertrag und modelte für Escada oder Big Star. Die Modelzeit vermisst sie nicht: «Es war schön, bedeutete aber auch immer viel Druck. Ich musste ständig frisch und wie 20 aussehen», sagt Caroline Duss.

In die massgeschneiderten Kleider von damals passt sie nicht mehr, im Bad braucht sie nie mehr als fünf Minuten. Heute ist ihr vor allem eines wichtig: dass ihre Kinder sich für jede Mahlzeit am Familientisch versammeln und Geschichten aus ihrem Leben erzählen.

Sandra Wagner in ihrer Praxis.
Heute: Sandra Wagner als Beraterin.

Name: Sandra Wagner (35)

Grösster Erfolg: Siegerin «Elite Model Look»

Model: von 1995 bis 2001

Seither: Beraterin und Coach für Familien, Paare und Einzelpersonen

1995 gelang Sandra Wagner etwas, was seither nur Julia Saner schaffte: Sie gewann den internationalen «Elite Model Look». Sie wurde von der renommierten Agentur Elite unter Vertrag genommen und modelte unter anderem für Armani, Valentino und Karl Lagerfeld. Nach rund einem Jahr im Modelbusiness verschob sich Sandra Wagners Lebensmittelpunkt: Sie wurde Mutter.

Sandra Wagner im Jahr 2000: als Model für ein deutsches Modehaus
Sandra Wagner im Jahr 2000: als Model für ein deutsches Modehaus.

Nach der Geburt ihres Sohnes modelte sie noch nebenbei, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Als er dann in den Kindergarten kam, war klar: Mit dem Modeln ist Schluss. Die junge Mutter wollte ihrem Sohn ein stabiles Umfeld bieten und ihm ein durch Reisen unruhiges Leben ersparen. Während einigen Jahren arbeitete Sandra Wagner als kaufmännische Angestellte und erfüllte sich dann einen langgehegten Wunsch: Am Institut für körperzentrierte Psychotherapie Zürich liess sie sich zur Therapeutin ausbilden. Seit mehr als zwei Jahren berät sie in ihrer Praxis Familien, Paare und Einzelpersonen. Dort suchen unter anderem Klienten mit Burnout oder Beziehungskrisen und Familien, die vermehrt an ihre Grenzen stossen, Sandra Wagners Hilfestellung. Für die gebürtige Luzernerin war immer klar, dass sie mit Menschen zusammenarbeiten will. «Die vielen wertvollen Begegnungen, die ich während meiner Zeit als Model erleben durfte, waren eine unverzichtbare Lebenserfahrung und heute wichtige Basis für meine Arbeit».

Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn (17) im Grossraum Zürich. «Zeit für mich, für die Partnerschaft und Familie ist mein höchstes Gut.»

Bilder: Stephan Rappo

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