05. Januar 2018

Der Etihad-Airways-CEO nutzt das Flugzeug wie andere das Tram

Als CEO der arabischen Fluggesellschaft ist Peter Baumgartner verantwortlich für 15'000 Angestellte und jährlich 18,5 Millionen Passagiere. Der Zürcher über den Boom am Golf, die konkursite Air Berlin, seine Liebe zur Musik – und Heimweh.

Peter Baumgartner
Peter Baumgartner: «Ich war noch nie so stark Heimweh-Schweizer wie heute.» / Bilder: Siddharth Siva
Lesezeit 6 Minuten

Peter Baumgartner, Sie leben seit 2005 als Manager in Abu Dhabi. Vermissen Sie nach all den Jahren den Winter und den Schnee in der Schweiz?

Weniger den Winter, aber die Rituale. ­Früher hatte ich immer Mühe mit Auslandschweizern, die zu jeder Jahreszeit Raclette und Fondue genossen und den 1. August überschwänglich feierten. Ich fand diese Art von Patriotismus seltsam. Nun bin ich selbst so weit: Ich war wahrscheinlich noch nie so stark Heimweh-Schweizer wie in den vergangenen fünf Jahren und habe in meinem Leben noch nie so viel Raclette und Fondue gegessen. Auch verbringt unsere Familie die Ferien nicht mehr irgendwo in Südfrankreich, sondern am liebsten beim Jazz-Festival in Montreux und anschliessend in den Bergen bei Gstaad. Trotzdem ist Abu Dhabi ­nun meine neue und auch geliebte Heimat – mit der Schweiz als Gegenpol.

Wie lebt es sich in dieser neuen Heimat?

Abu Dhabi gehört heute zu den Top-Ten-Destinationen der Welt. Die Lebensqualität ist hoch. Wenn wir eine Lizenz oder ein Visum erneuern müssen, geht das alles unbürokratisch und online. Da könnte sich die Schweiz ein Beispiel nehmen. Auf der Insel Saadiyat eröffnete am 11. November 2017 der Kunsttempel Louvre Abu Dhabi – ein gigantisches Projekt. In der Zeit, die meine frühere Wohngemeinde in der Schweiz brauchte, um zu entscheiden, ob man einen Kreisel baut oder nicht, ist hier ein ganzer Stadtteil neu entstanden – ein Viertel so gross wie halb Manhattan. Hier am Golf bietet einem das Leben komplett andere Perspektiven auf Raum, Zeit und Geschwindigkeit.

Was sind die wesentlichen Unterschiede zur Schweizer Mentalität?

Viele Schweizer planen ihre Berufskarriere bis zur AHV, meine Frau und ich planen für die nächsten zwölf Monate. Die doppelte und dreifache Sicherheit wie in der Schweiz gibt es hier nicht. Ein anderes Beispiel: Schweizer Freunde rufen mich an und fragen, ob ich im Oktober 2018 in Abu Dhabi sei, weil sie mich dann gern besuchen würden. Ich aber kann grad knapp sagen, wo ich nächste Woche beruflich unterwegs bin. Manchmal entscheiden wir uns spontan, nach Dubai zum Essen zu fahren. In Zürich würde man wohl kaum schnell nach Bern in den Ausgang gehen.

Sie gelten als erfolgreichster Schweizer im internationalen Fluggeschäft. Wie konnten Sie sich über zehn Jahre lang in dieser volatilen Branche halten?

Das ist tatsächlich alles andere als die Norm – vor allem in einem hoch kompetitiven ­Umfeld wie in Abu Dhabi, wo Investoren und Aktionäre Gewinne sehen wollen. Mir kommt vielleicht zugute, dass ich immer meiner Meinung treu geblieben und in jeder Situation glaubwürdig und offen bin. Aber ja, der Druck ist enorm, und ich bin mir bewusst, dass ich diesen Job als CEO nicht auf ewig garantiert habe.

Der Arbeitsalltag für einen Topmanager am Golf ist sicher nicht einfach.

Nein. Ein normaler Tag beginnt um 7.30 Uhr und endet selten vor 21 Uhr. Das umfasst nicht nur meine physische Präsenz im Büro, sondern den Einsatz auf allen Kanälen wie E-Mail, Telefon, Blackberry. Ich habe wohl das Glück, über die richtigen Gene zu verfügen, denn ich habe viel Energie und erhole mich von intensiven Phasen relativ schnell. Die Geburt unseres Sohnes Jaxon, der abends mit grossen Augen zu Hause auf mich wartet, hat mir aber auch gezeigt, dass es im Leben noch anderes gibt.

Interview: Ein kurzer Moment des Innehaltens

Ihre Karriere bei Etihad hat in einem Büro in einer Baubaracke angefangen.

Stimmt, 2005 waren wir ein Start-up-Unternehmen mit zwei, drei «Flügerli» und einer Handvoll Angestellten. Wir hatten ein Blatt Papier mit einer Vision. Nach der Arbeit musste ich abends jeweils den Sand aus meinen Schuhen schütteln. Doch mir war klar, dass dieses Jobangebot eine der Chancen sein könnte, wie sie einem das Leben nur ein Mal bietet: von Beginn weg dabei zu sein, wenn Weltgeschichte geschrieben wird. Und so kam es dann auch. Deshalb sind wir nach Abu Dhabi ausgewandert. Ich musste damals auf der Karte nachschauen, wo sich das Emirat genau befindet. Heute fühlen wir uns wie im Märchen: Wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort und werden das dereinst unseren Enkelkindern erzählen können.

Inzwischen beschäftigt die Etihad-Gruppe 25'000 Mitarbeitende.

Im Flugbetrieb allein sind es rund 15'000 Angestellte aus über 150 Nationen. Unsere Firma ist quasi eine Uno. Innert gerade mal 13 Jahren haben wir es geschafft, mit 120 Flugzeugen 112 Ziele in aller Welt anzufliegen. Damit sind wir die am schnellsten wachsende Airline in der Geschichte der Luftfahrt und bieten mit unseren Kooperationspartnern sogar rund 600 Reiseziele an. Wirklich stolz bin ich jedoch, dass wir seither acht Mal als beste Fluggesellschaft der Welt prämiert worden sind. Und wir gehören weltweit zu den sichersten Airlines.

Wie fühlen Sie sich als Chef von 15'000 Angestellten?

Das ist eine grosse Verantwortung. Ich bin ja auch für die Technik, den Flugbetrieb und die Sicherheit der jährlich 18,5 Millionen Passagiere verantwortlich. Daran denke ich immer wieder vor dem Schlafengehen.

An die Sicherheit der jährlich 18,5 Millionen Passagiere denke ich immer wieder vor dem Schlafgengehen.

Das Wachstum verdankt Etihad auch dem Einstieg bei Air Berlin, die im vergangenen Jahr Konkurs gegangen ist. War die 30-prozentige Beteiligung ein Fehler?

Die Absicht war nicht falsch. Aber im Nachhinein ist man natürlich immer klüger. Wichtig ist, dass wir schnell reagiert haben und vorwärtsschauen.

Was hat Air Berlin falsch gemacht?

Sie verstehen, dass ich das nicht kommentieren möchte. Das wäre falsch und unfair und lässt sich auf wenigen Zeilen nicht erklären.

Mit Alitalia, bei der Etihad zu 49 Prozent beteiligt war, könnte sich ein weiteres Trauerspiel ereignen.

Was mit der Firma passiert, ist nicht mehr in unseren Händen. Bei Alitalia schiesst der italienische Staat momentan Geld ein, damit der Flugbetrieb weitergeführt werden kann.

Wie schafft Etihad Airways den Spagat zwischen tiefen Flugpreisen, Wachstum, Qualität und Gewinnstreben?

Der Konsument von heute erwartet, dass er völlige Transparenz darüber hat, wofür er bezahlt. Er möchte ein massgeschneidertes Produkt. Davon sind wir in der Branche noch weit entfernt. Diesen Spagat, wie Sie es formulieren, schaffen wir, wenn wir unser Angebot komplett individualisieren.

Das heisst?

Ein Gast möchte vielleicht in der Economy fliegen, aber das First-Class-Essen geniessen. Ein anderer Passagier möchte während des Zehn-Stunden-Flugs im flachen Bett schlafen und weder eine opulente Mahlzeit geniessen noch Filme schauen. Netzwerk-Fluggesellschaften haben bis jetzt nur First-, Business- und Economy-Klasse im Verkaufsregal. Das genügt nicht. Ein Konsument will ja auch unter 30 verschiedenen Handymodellen auswählen. Früher oder später wird das in der Airlinebranche genauso passieren, und zwar nicht, weil das die Fluggesellschaften so bestimmen, sondern weil die Kunden es fordern. Wir werden diese Innovation mit der flexibelsten Produktgestaltung anbieten.

Wann?

Ein Etihad-Kunde kann heute schon einen kleinen Aufpreis bezahlen, damit der Nachbarsitz leer bleibt oder er mehr Beinfreiheit hat. Das verkauft sich wie frische Weggli. Wir werden weiterhin Innovationen liefern, die unseren Platz an der Spitze sichern – nicht, weil wir die besten First- oder Business-Class-Sitze besitzen, sondern weil wir mithilfe von digitaler Technologie der Kundenerwartung am nächsten kommen. Mit jedem halben Jahr werden enorme Fortschritte sichtbar sein.

Peter Baumgartner verspricht enorme Fortschritte

Wie oft fliegen Sie?

Ich nutze das Flugzeug wie andere das Tram. Es kann durchaus sein, dass ich zwei, drei Nächte hintereinander über den Wolken auf 10'000 Meter über Meer verbringe.

Was machen Sie im Flugzeug?

Das kommt immer auf die Uhrzeit an. Wenn es zwei Nächte hintereinander sind, schaue ich, dass ich zum Schlafen komme. Ansonsten bereite ich mich vor, damit ich auf dem Boden in Abu Dhabi wieder sofort mit Arbeiten loslegen kann. Unsere Flieger sind alle mit Breitbandinternet ausgerüstet. Das hilft bei den Vorbereitungen. Zwischendurch mal einen guten Znacht oder einen Film zu konsumieren, muss allerdings auch sein.

Ihr Lieblingsflughafen?

Wenn ich in der Schweiz Freunde oder Verwandte besuche und via Zürich fliege, bin ich immer wieder beeindruckt, wie gut der Flughafen funktioniert. Ich spreche Kloten ein grosses Kompliment in Bezug auf Effizienz und Kundenfreundlichkeit aus.

Wie erholen Sie sich?

Die Momente mit der Familie geben mir sehr viel. Und ich bin passionierter Musiker und spiele gern Gitarre. Vor drei Jahren habe ich mit einer Weltklasseband und Musikern wie Paul Simon und Marc Sway die CD «Peter Baumgartner & ­Friends – The Zurich Sessions» aufgenommen, für die ich als Sänger und Gitarrist Lieder ­geschrieben habe. Auf Facebook haben wir rund 75'000 Fans. 

Peter baumgartner erholt sich (wie) im Flug

Benutzer-Kommentare