26. November 2012

«Es muss nicht immer alles supergeil sein»

Sexualität ist manchmal einfach Alltag, und das ist völlig okay, finden die Sexualtherapeutin Ines Schweizer und die «Blick»-Sexberaterin Caroline Fux. Gemeinsam haben sie einen Ratgeber geschrieben, der dafür plädiert, mehr miteinander über Sex zu reden – und immer mal was Neues auszuprobieren.

Caroline Fux (links) und Ines Schweizer.
Wer guten Sex will, der muss dafür auch etwas tun, sagen die Expertinnen Caroline Fux (links) und Ines Schweizer.

Ines Schweizer und Caroline Fux, Sie sind ja nicht die Ersten, die einen Ratgeber über Sex geschrieben haben. Wieso ist es denn so schwierig mit dem Liebesleben?

Ines Schweizer: Sexualität ist nach wie vor ein Tabuthema, auch wenn heute nackte Haut allgegenwärtig ist und erotische Filme leicht zugänglich sind. Wir wollten ganz ehrlich sagen, wie es ist. Es muss nicht immer alles supergeil sein, Sexualität ist manchmal auch Alltag, und das ist okay.

Ist es ein Problem, dass Menschen immer lesen und hören, wie super Sex sein kann?

Schweizer: Es gibt völlig überdimensionierte Vorstellungen darüber, wie Sex sein muss, wie viele tolle Stellungen es gibt und wie fantastisch ein Orgasmus sein kann.

Erschwert die enorme mediale Präsenz von Sex das Sexleben?

Fux: Die Medien generieren eine Pseudonorm, die ein Messen möglich macht. Daraus entsteht ein Leistungsgedanke, der schädlich ist.

Sie plädieren aber dafür, über alles zu reden. Muss das denn wirklich sein? Oder ist es auch mal okay zu schweigen?

Schweizer: Nicht jede sexuelle Fantasie muss besprochen werden, aber man sollte unbedingt über Wünsche reden.

Warum ist es so schwierig, über Sex zu reden?

Schweizer: Einerseits ist es ein Tabuthema, in Familien redet man oft nicht darüber. Man spricht vielleicht über die Pille und übers Kondom, aber damit hat sichs. Andererseits fehlt oft die richtige Sprache, der Wortschatz.

Wie überwindet man sie?

Schweizer: Es gibt kein Thema im Leben, wo wir so verletzlich und so sprichwörtlich nackt sind wie in der Sexualität. Man muss allen Mut zusammennehmen, und zwar gleich am Anfang. Wenn man nach zehn Jahren kommt und sagt: «Ui, das gefällt mir ja gar nicht», dann wirds schwierig.

Ihr Buch heisst «Guter Sex». Was ist denn nun guter Sex?

Fux: Sex ist dann gut, wenn er ein Bedürfnis befriedigt. Er kann eine Quelle für Intimität sein, Selbstbestätigung, Entspannung, Stressabbau. Wenn er das tut, ist er gut.

Wer aus der Übung ist, hat einfach irgendwann weniger Kraft und kann weniger lang.

Ines Schweizer

Genuss ist schön und gut. Aber aus Ihrem Buch nehmen wir den Eindruck mit: Sex ist Arbeit. Und guter Sex ist viel Arbeit.

Schweizer: Natürlich. Sie müssen auf jeden Fall etwas investieren. Aber das müssen Sie ja auch in Ihrem Beruf.

Die Vorstellung, dass eine Frau ihren Orgasmus nur vortäuscht, ist für Männer etwas sehr Beunruhigendes. Wie verbreitet ist das?

Fux: Dass die Frau beim Sex kommen kann, ist nicht Standard. Weniger als die Hälfte der Frauen können allein durch Penetration zum Orgasmus kommen. Wenn sie zusätzlich klitoral stimuliert werden, steigt die Quote auf zwei Drittel. Aber Vortäuschen bringt einen natürlich auch nicht weiter, und je öfter man es tut, desto schwieriger wird es, dem Partner zu sagen: «Übrigens …».

Wissen die Männer, dass es für Frauen mit dem Orgasmus nicht so einfach ist?

Schweizer: Vielen ist das nicht bewusst. Man liest oder hört etwas oder sieht Filme, wo es bei Frauen immer problemlos abgeht, und glaubt dann, es sei so. Der Orgasmus ist abhängig vom Alter, von der sexuellen Erfahrung, vom Geschick des Mannes. Und Frauen, die schon Kinder geboren haben, kommen leichter zum Orgasmus als andere.

Gibt es eigentlich auch Männer mit Orgasmusschwierigkeiten?

Schweizer: Viel seltener. Aber es gibt Männer, die sich sehr dafür anstrengen müssen.

Wird der Orgasmus überschätzt?

Fux: Einen Orgasmus zu haben ist wie ein Sieg im Monopoly. Es ist unbestritten schön zu gewinnen. Wenn man jedoch nur noch deswegen mitspielt, sollte man über die Bücher. Aber natürlich ist ein Orgasmus etwas Schönes.

Für die Fortpflanzung ist der männliche Orgasmus notwendig, jener der Frau ist Luxus.

- Caroline Fux

Was, wenn jemand gar keinen Sex hat? Ist das ein Problem?

Fux: Es gibt Leute, die das Bedürfnis nicht haben. Und die haben das schwere Los, einen Partner zu finden, der das auch nicht hat. Aber an diesen Menschen ist nichts falsch. Nicht jedem ist Sex wichtig. Nicht alle sind gleich talentiert, und nicht alle können ständig bombastischen Sex haben.

Kann man allenfalls aus der Übung kommen?

Schweizer: Wer aus der Übung ist, hat einfach irgendwann weniger Kraft und kann weniger lang. Schliesslich ist Sexualität auch eine Frage von Abläufen im Körper, von Mechanismen, die eingespielt sein müssen. Und Sexualität hat einige Benefits, sie tut psychologisch und physiologisch gut.

Kann man das Wägeli auch im Alter wieder anschieben?

Fux: Ja, aber wenn es schon sehr lange steht, dann rostet es ein, und wird vielleicht von Schlingpflanzen überwuchert. Aber es ist nie zu spät!

Die Vielfalt der sexuellen Bedürfnisse ist enorm. Ist Ihnen schon etwas untergekommen, wo selbst Sie noch staunten?

Schweizer: Am Anfang oft. Mit der Zeit wächst die Bandbreite von dem, was man schon gesehen hat.

Ines Schweizer, wie und warum wird man Sexualtherapeutin?

Schweizer: Aus Neugierde. Ich wollte innerhalb der Psychotherapie einen Weg einschlagen, wo ich sehr nah am Menschen bin. Und man ist ihm nirgends so nah wie bei seiner Sexualität.

Wie reagieren die Leute, wenn Sie sagen, was Sie von Beruf sind? Finden sie das eher schräg oder eher beneidenswert?

Schweizer: Ich geh ja nun nicht durch die Welt und verkünde das allen. Manchmal sage ich zuerst, ich sei Psychotherapeutin. Wenn jemand erfährt, dass ich Sexualtherapeutin bin, reagiert er oft mit einer Mischung aus Angst und Faszination. Die Menschen denken, ich wisse alles über Sex, und nichts sei mir fremd. Das fasziniert die Leute schon.

Caroline Fux, wie viele Anfragen bekommen Sie beim «Blick»?

Fux: Das schwankt stark. Es gibt Tage, da kommen fünf bis sechs Fragen, es können aber auch 15 oder 16 sein. Die Rubrik im Blatt ist immer ein Kondensat. Die Fragen sind echt, aber zusammengefasst.

Waren die Fragen früher anders?

Fux: Ich denke, es kommen vielfach die gleichen Fragen. Daran erkennt man das Ursprüngliche der Sexualität. Es gibt allerdings Verschiebungen. Vor 15 Jahren war der gleichzeitige Orgasmus zum Beispiel ein Riesenthema. Davon hat man sich verabschiedet. Aber oft sind die Fragen viel weniger spektakulär, als man vielleicht glaubt. Vieles sind auch Beziehungsfragen, die nicht direkt mit Sex zu tun haben. 


Caroline Fux, Ines Schweizer: «Guter Sex – ein Ratgeber, der Lust macht», Beobachter-Buchverlag, 2012

Fotograf: Nathalie Bissig

Benutzer-Kommentare