27. August 2017

Es muss nicht alles super sein

Warum es die Bezeichnung «Superfood» nicht braucht.

Chiasamen - ein typisches Beispiel für ein "Superfood".
Lesezeit 4 Minuten

«Nicht ohne meine Superfoods», erklärte meine Co-Leiterin (und Veganerin) während eines kleinen Workshops zu grünen Smoothies vor längerer Zeit. Sie hatte diverse Pülverchen, darunter Macca-Pulver und Chiasamen. Mit solchen Superfoods peppen Leute ihre Smoothies, ihren morgendlichen Haferbrei – neudeutsch «Overnight-Oats» – oder auch Müeslis auf, machen sie wertvoller und erhoffen sich ein längeres Leben. Und so beschwor auch die Kollegin den gesundheitlichen Wert.

Auffallend bei einer ganzen Reihe von Superfoods: Kaum jemand lobt ihren Geschmack. Das würde besonders bei Macca-Pulver und Chiasamen auch die Frage aufwerfen, ob demjenigen, dem lobende Worte zu den Aromen dieser Superfoods über die Lippen kommen, eventuell die Geschmacksknopsen abhanden gekommen sind.

Bei Heidelbeeren, Grünkohl und anderen bekannten Früchten und Gemüsen fällt das Lob meist bescheidener aus, freut man sich doch, dass sie ohnehin gut munden und nun auch noch mit dem Prädikat Superfood geadelt werden. Bei den geschmacklich unauffälligen bis widerwärtigen Zutaten verhält es sich ein wenig wie mit Lebertran. Keiner mag ihn, aber alle hoffen auf gesundheitlichen Nutzen.

Für Journalisten und Kochbuchautoren ein Glücksfall, denn für jeden neuen Trend braucht es Sachbücher, die über die neuen Stars im Zutatenregal aufklären, und Kochbücher, die zeigen, was man mit den «neuen» Wunderzutaten überhaupt macht. Im Idealfall – siehe Chiasamen und Quinoa – findet sich ein Volk, das sich scheinbar seit jeher von nichts anderem ernährt hat. Da fragt man sich, warum die grossen Seefahrer uns die guten Dinge nicht schon vor ein paar Jahrhunderten mitbrachten. Wahrscheinlich quollen die Chiasamen an Bord auf und wurden von einem Matrosen, der noch nie einen Chiapudding gesehen hatte, über die Reling gekehrt.

Selbstredend garantieren Superfoods ein super-langes Leben und verschonen einen vor Krankheiten. Und so schön es ist, dass sich Menschen Gedanken zu ihrer Ernährung machen und es geradezu in Mode ist, sich sein Essen selbst zuzubereiten, so unverständlich der Hype der Superfoods.

Denn verschwiegen wird dabei natürlich, dass auch einheimische Lebensmittel das Zeug zum Superfood haben. Aber: Ein Artikel über Leinsamen, die keine geringeren Qualitäten haben als Chiasamen, ist eben nicht ganz so sexy wie die klitzekleinen Samen, die eine tolle Geschichte aus einem fernen Land mitbringen. Denn Leinsamen riechen nach Reformköstlern und 80er-Jahre-Körnlipickern, die auf einer trockenen Scheibe Leinsamenbrot herumkauen oder die Saat geschrotet für eine bessere Verdauung tapfer mit etwas Wasser hinunterspülen.

Dass einem Chiasamen auch das Durchlesen eines Romans auf der Toilette ermöglichen, wird sowohl bei den ganzen bunten Smoothiesbowl- und Chia-Pudding-Fotos in sozialen Medien als auch in Kochbüchern gern verschwiegen. Stattdessen wird gelobt: «Superfood XY hat 5 (oder 10) Mal mehr an Protein XY oder wahlweise auch gesättigten Fettsäuren oder Vitaminkombinationen als Fisch (oder ein anderes eigentlich hochwertiges Nahrungsmittel).»

Das ist ja alles schön und gut. Aber kaum jemand überlegt, was das genau bedeutet: Berechnet wird nämlich auf der Basis von 100 Gramm. Schauen wir uns das Beispiel Chiasamen an. Sie enthalten bis zu 20 Prozent Omega-3-Fettsäuren. Nun sollte man – man denke an die wahnsinnige Quellfähigkeit der Samen! – täglich maximal zwei Esslöffel davon zu sich nehmen. Und während mancher noch an seinen 2 Esslöffeln rumverdaut, geniesse ich ein schönes 200-g-Stück Lachs. Dann habe ich ungefähr die gleiche Menge an Omega-3-Fettsäuren aufgenommen.

Es stimmt auch, dass Chiasamen mehr Kalzium als Milch und mehr Kalium als Bananen enthalten. Und wieder eine ähnliche Rechnung:
Bei rund 2 Esslöffeln Chiasamen nimmt man 120 mg Kalzium auf. Mit einem kleinen Glas Milch (200 ml) sind es dann aber doch rund 240 mg. Und dann schmeckt mir eine Banane doch besser als die winzigen Samen aus Südamerika. Selbst als Salattopping finde ich: Chiasamen eignen sich vor allem als Crunch in den Zahnzwischenräumen.

Keine Frage, die meisten Superfoods haben eine gute Nährwertbilanz. Aber warum soll man die exotisch anmutenden Lebensmittel von weit her holen und ihnen dann das Attribut Superfood verpassen? Da geht dann plötzlich der Anspruch auf die eigene Nachhaltigkeit zugunsten des eigenen Wohlfühlfaktors den Kokoswasserbach hinunter.

Aber wie es so schön ist bei Foodtrends: Ist das Objekt der Begierde anfangs nur in speziellen Läden zu haben, hält es kurze Zeit später Einzug in die Regale der Detailhändler. Noch einen Schritt später werden Convenienceprodukte mit dem Superfood angeboten. Zum selben Zeitpunkt kommen die Discounter ins Spiel und bieten die Zutat für kleines Geld an. Erst dann, wenn die grosse Masse Chiasamen selbstverständlich verwendet und Kantinen regelmässig Quinoa im Angebot haben, wird der Superfood uninteressant.

Dann findet der Blick hinter die Kulissen statt, und man erfährt, warum das Lebensmittel – einmal abgesehen vom Nährwert – gar nicht so super ist. Weil nämlich Bauern in den Ursprungsländern plötzlich Spekulationen ausgesetzt sind, das Produkt von deren Speiseplan gedrängt wird und weil man entdeckt, dass heimisches Obst, Getreide, Gemüse, Nüsse und Saaten auch nicht zu verachten sind.

Dann kommen auch die Bücher mit Themen wie «einheimische Superfoods» auf den Markt. Eine ausgewogene Ernährung, von allem ein bisschen und gut verträglich, war schon immer super. Und ich freue mich, wenn bald vielleicht Butter und Rahm als super eingestuft werden. Dann kann ich ganz ungestraft meinem selbstgemachten Knuspermüesli mit viel Butter frönen. Zumindest den «bullet proof coffee» gibt es schon: Kaffee mit Butter. Er soll schlank machen. Alles in Butter?

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