20. Oktober 2014

Ein Haiexperte im Interview

Der Meeresbiologe Michael Scholl kämpft seit Jahren für den Schutz der Meere und seiner Bewohner. Besonders angetan haben es ihm die Haie. Doch wenn die Menschheit nicht rasch handelt, droht ein Massensterben, fürchtet Scholl.

Haiexperte Michael Scholl
Mag Haie in jeglicher Form: Meeresbiologe Michael Scholl.

Michael Scholl, was fasziniert Sie an Haien?

Es hat wohl mit der Faszination fürs Meer begonnen. Schon als Kind in den 70erJahren habe ich die TV-Dokumentarfilme des französischen Meeresforschers Cousteau geliebt. Irgendwann später entdeckte ich im Naturkundemuseum von Lausanne den riesigen ausgestopften Weissen Hai, sechs Meter lang, ein grösserer ist nirgends ausgestellt. So fing das an. Und als Meeresbiologe fasziniert mich, wie perfekt der Hai an seine Lebensbedingungen angepasst ist, viel besser zum Beispiel als der Delfin.

Nur haben die Delfine das bessere Image.

Leider. Man muss aber sagen, dass die Kinder heute ein viel neutraleres Verhältnis zu Haien haben als wir damals. Wir sind aufgewachsen mit Filmen wie «Der weisse Hai», die Kinder heute sehen «Finding Nemo», wo die Haie lustig sind und manchmal sogar Vegetarier

Woher kommt diese grosse Angst vor Haien?

Der Mensch hat Angst vor Haien, seit er erstmals aufs Meer gegangen ist. Wasser ist nicht unser Element, wir sind dort langsam und unbeholfen. Vom Ozean ist uns nur gerade die Oberfläche vertraut. Schwimmen wir in tiefere Gewässer, liegt unter uns eine undurchdringliche Dunkelheit, was unsere Fantasie beflügelt, welche Monster dort lauern.

Haie bedienen also unsere Urängste.

Genau. Die meisten Leute haben ja auch Angst, nachts durch einen Wald zu spazieren. Es ist eine Angst aus alten Zeiten, als man sich auch an Land noch vor Raubtieren fürchten musste. Was bei Haien hinzukommt, ist unser Unwissen. Die Haiforschung hat vor gerade mal 50 Jahren begonnen, also nach dem ersten Flug zum Mond. Entsprechend wenig wissen wir über die 500 Haiarten, von denen jede auf ihre Art ganz spezialisierte Nischen besetzt. Wir fürchten, was wir nicht kennen. Allerdings werden pro Jahr weltweit gerade mal 80 bis 120 Menschen von einem Hai gebissen, 5 bis 15 sterben. Vergleichen Sie das mal mit den Toten im Strassenverkehr.

Anders als der Delfin war der Hai nie positiv besetzt, sagt Michael Scholl.

Es heisst ja immer, der Mensch stehe nicht auf der Speisekarte der Haie. Warum beissen sie dennoch immer wieder mal zu?

Der Hai vermutet eine Robbe oder etwas vergleichbar Nahrhaftes. Er beisst einmal zu, realisiert, dass diese Beute nicht viel hergibt, und schwimmt weiter. Allerdings kann so ein einzelner Biss bei einem Menschen natürlich erheblichen Schaden anrichten. Und in den letzten Jahren gab es tatsächlich ein paar Haiangriffe – vor allem in La Réunion vor Madagaskar –, wo man nicht so sicher ist, ob da nicht ein paar Haie Geschmack an Menschenfleisch gefunden haben.

Der Mensch ist ja sicherlich auch leichter zu jagen als Robben.

Das schon. Aber würden Menschen zum Beuteschema der Haie gehören, gäbe es dauernd Angriffe. Wenn etwas passiert, dann, weil jemand im falschen Moment am falschen Ort war

Würden Sie wissentlich neben einem Weissen Hai ins Wasser springen?

Weisse Haie sind zwar sehr aktiv an der Oberfläche, stecken neugierig ihren Kopf aus dem Wasser, schauen einen an. Aber es ist natürlich etwas ganz anderes, sie unter Wasser zu erleben. Dennoch habe ich es bisher vermieden. Das Problem ist nicht der Hai, mit dem man schwimmt, sondern diejenigen, die weiter unten unterwegs sind und einen möglicherweise mit einer Robbe verwechseln. Ich würde es wohl wagen, wenn die Sicht unter Wasser ganz klar ist. Bemerkenswert ist, dass man sich Haien überhaupt derart nähern kann, mit Löwen geht das nicht. Wer im Krüger-Nationalpark in Südafrika aus dem Auto heraus einen Löwen sieht und aussteigt, ist tot.

Wie übel nehmen Sie Steven Spielberg seinen Film «Der weisse Hai» von 1975? Er prägt bis heute nachhaltig das Bild vom grössten Raubfisch der Meere.

Als Film ist er super, leider. Imagemässig hat er für den Hai enormen Schaden angerichtet. Heutige Jugendliche dürften weniger beeindruckt sein, weil sie überzeugendere Effekte gewöhnt sind. Aber natürlich wird der Hai nie ein ähnlich positives Image haben wie der Delfin, was unfair ist, denn auch Delfine sind Raubfische, und sie vergewaltigen sogar. Orcas spielen mit Robben eine halbe Stunde lang, bevor sie sie fressen. Deren Image ist also im gleichen Mass zu positiv, wie dasjenige des Hais zu negativ ist.

Dichten wir dem Hai auch deshalb einen so schlechten Ruf an, weil er uns die Oberhoheit über die Meere streitig zu machen wagt?

Das hat schon was. Auf dem Land haben wir alle Konkurrenten ausgerottet oder so weit zurückgedrängt, dass sie keine Gefahr mehr darstellen. Im Meer ist das schwieriger, weil es so riesig ist.

Wir haben gelesen, Sie könnten 1500 Weisse Haie an deren Rückenflosse erkennen.

ch habe zehn Jahre in Südafrika gelebt und dort unter anderem an einem Forschungsprojekt teilgenommen, bei dem wir Weisse Haie mit kleinen Plaketten markiert und mittels Fotos der Flosse identifiziert haben. Tatsächlich sieht jede Flosse anders aus. Innert zehn Jahren habe ich auf diese Weise rund 1500 Weisse Haie katalogisiert. 200 bis 300 könnte ich auch heute noch spontan aufgrund ihrer Rückenflosse identifizieren.

Wie alt werden Haie?

Die Forschung geht von 30 bis 70 Jahren aus, ich vermute eher 70. Wir wissen noch so vieles nicht, es ist beängstigend – gerade auch, wenn man versucht, Haie zu schützen. Man hat beispielsweise noch nie eine Paarung von Weissen Haien gesehen, wir wissen nicht mal, wie viele es noch gibt. Man fühlt sich wie ein Forscher aus alten Zeiten, als man noch ganz wenig wusste über die Natur und wie sie funktioniert.

Welches ist die grössere Gefahr für Haie: als Beifang zu enden, wegen der Flossen gezielt gejagt zu werden oder Umweltschäden?

Die Jagd wegen der Flossen ist das grösste Problem, die Nachfrage aus Asien ist enorm. Dann folgt der Beifang. Aber auch die Umweltschäden haben Folgen, mehr noch für jene, die Haie essen, also für uns. Alles Gift, das die Haie aufnehmen, landet letztlich im Menschen, der Steak oder Haiflossensuppe isst.

73 Millionen Haie sterben pro Jahr durch menschliche Einwirkung. Wie lange dauert es noch, bis der Mensch sie ausgerottet hat?

Niemand weiss genau, wie viele Haie es gibt, auch diese 73 Millionen sind eine grobe Schätzung. Von daher lässt sich diese Frage nicht beantworten. So richtig angefangen hat die Jagd nach Haien vor etwa 30 Jahren. In letzter Zeit gibt es immerhin ein paar positive Signale aus Asien, einige Organisationen sind sehr aktiv in China, um das Bewusstsein für die Problematik zu schärfen. Die Frage ist, ob das schnell genug passiert, um die Haie zu retten. Viel Zeit bleibt jedenfalls nicht mehr.

Wie viele der 500 Haiarten sind bedroht?

Auch hier ist es schwierig mit den Zahlen. Von etwa der Hälfte aller Arten wissen wir schlicht zu wenig, um das beurteilen zu können. Von den anderen 50 Prozent ist ein Viertel hoch bedroht, ein Viertel potenziell bedroht und der Rest im Moment halbwegs okay.

Haie bevölkern unsere Meere seit über 400 Millionen Jahren, waren also schon lange vor den Dinosauriern auf der Erde. Wie wichtig sind sie für das Ökosystem?

Einige Biologen glauben, dass die ganze Nahrungskette im Meer kollabieren werde, falls wir die Haie ausrotten. Schon jetzt gibt es an einigen Orten viel mehr Quallen als früher, weil es dort zu wenig Raubfische hat. Eine solche Veränderung des Meeres könnte wohlgemerkt auch uns auf dem Land gefährden. Nur schon, dass der Hai sich so lange gehalten hat, zeigt seine Bedeutung für das Ökosystem.

Auch der Weisse Hai ist bedroht.

Er gehört zu den hoch gefährdeten Arten, aber es geht ihm etwas besser, weil er von vielen Ländern geschützt wird: Südafrika, USA, Australien, Malta …

Es gibt Weisse Haie im Mittelmeer?

Oh ja. Die grössten Weissen Haie, die je gefangen wurden, stammen aus dem Mittelmeer. Sie sind besonders gern in den Gewässern vor Malta, Sizilien und Kroatien unterwegs, aber irgendwie haben es diese Länder geschafft, die Leute glauben zu machen, es gäbe keine Weissen Haie im Mittelmeer. Es passiert halt auch kaum je etwas.

Schwimmen mit Haien wird immer populärer. Was halten Sie davon?

Als ich 1997 in Südafrika ankam, hatte man damit gerade begonnen – damals war das noch Ökotourismus. Es waren wenige Leute, die den ganzen Tag auf der Suche nach Haien auf einem Boot auf dem Meer waren. Im Käfig unter Wasser waren immer nur ein oder zwei Personen. Als ich Südafrika 2007 verliess, war es eine riesige Industrie, die seither weitergewachsen ist. Die Käfige fassen bis zu acht Personen, drei Mal am Tag. Wenn es gut gemacht ist, nützt es dem Hai noch immer, häufig werden aber nur billige Thrills geboten. Immerhin: Für ein Mal steckt man das gefährlichste Tier in den Käfig – den Menschen.

Mit Ihrer Save our Seas Foundation setzen Sie sich stark für Haie ein. Wo sind Sie aktiv?

In den letzten zehn Jahren hat «Save our Seas» über 150 Projekte in 44 Ländern finanziell unterstützt, 80 Prozent davon betreffen Haie oder Rochen. Es geht dabei nie nur um Forschung, sondern stets auch um den Schutz der Tiere. Ein Schwerpunkt ist Südafrika, weil es dort viele Haiprojekte gibt, ansonsten sind wir auf allen Kontinenten aktiv. Zwar engagieren wir uns primär mit Geld, haben aber enge Beziehungen zu den Forschenden und unterstützen sie auch mit Büchern und Dokumentarfilmen. Zudem fördern wir die Wissensvermittlung an Schulen.

Wie finanziert sich die Stiftung?

Das Geld kommt zu 100 Prozent von unserem Gründer, einem vermögenden saudischen Geschäftsmann und Meeresfan. Wir sind also nicht auf Spenden angewiesen, aber wenn wir welche bekommen, stecken wir sie jeweils pro Jahr in ein bestimmtes Projekt. Über die letzten zehn Jahre haben wir insgesamt rund 20 Millionen Dollar eingesetzt.

Wo sehen Sie derzeit die grössten Gefahren für die Meere?

Vor 30 Jahren dachte man noch, das Meer sei eine nie endende Nahrungsquelle für den Menschen. Heute ist klar: Wenn wir bestimmte Fischarten wie den Thunfisch nicht sofort schützen, ist er in wenigen Jahren ausgerottet. Dennoch ist die Politik noch immer nicht bereit, den Empfehlungen der Wissenschaft zu folgen und hart durchzugreifen, um die Überfischung zu beenden. Hinzu kommt der mangelnde Respekt für die Ozeane, sie dienen als Müllhalde, in die man über Jahrzehnte alles reingeworfen hat. Auch der Klimawandel hat einen Einfluss auf das Meer: Die zunehmende Versauerung des Wassers erschwert es den Schalentieren, ihre Panzer zu bilden.

Das klingt ziemlich düster.

Ja, die Lage ist schlimmer, als viele denken. Da helfen auch keine MSC-Labels und Ähnliches. Die sind zwar besser als nichts, aber die Wirkung ist begrenzt, und sie ermuntern die Leute, ohne schlechtes Gewissen Fisch zu konsumieren. Dabei sind auch Fischfarmen je nach Land etwas Furchtbares. Ich zum Beispiel esse niemals Meeresfische, wenn ich in der Schweiz bin. Und egal, ob Fisch oder Fleisch: nicht mehr als ein Mal pro Woche.

Bootsvergnügen mit Begleitung: Ein
Weisser Hai vor der Küste Südafrikas.
Bootsvergnügen mit Begleitung: ein Weisser Hai vor der Küste Südafrikas (Bild zVg).

Verzweifeln Sie nie? Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, oder?

Und trotzdem müssen wir ihn führen, jeden Tag, auch wenn es manchmal vergebens erscheint. Viele dieser Kämpfe, auch jene an Land, werden gegen enorme finanzielle Interessen geführt, das macht es so schwierig. Man muss eine Kämpfernatur haben und Optimist sein, sonst verzweifelt man. Aber es gibt zum Glück auch positive Entwicklungen – einigen Haipopulationen geht es wieder besser: Forschung und Schutzbemühungen sind also nicht umsonst.

Die Söhne Ihrer Partnerin waren acht und elf, als Sie 2009 mit ihnen in einem Haikäfig tauchten. Wie hat Ihre Partnerin reagiert?

Sie hatte keine Probleme damit und versteht meine Faszination. Der ältere Sohn ist jetzt 16 und war kürzlich auf den Seychellen dabei für ein Filmprojekt über Haie. Und der jüngere wird ziemlich sicher auch mal Biologe.

In Ihrem Job sind Sie viel unterwegs. Wie wirkt sich das auf Ihr Familienleben aus?

Das ist schon manchmal schwierig. Ich bin rund die Hälfte des Jahres auf Reisen. Aber ich habe jetzt bei «Save our Seas» meinen Traumjob, und meine Partnerin hat viel Verständnis für meine Leidenschaft. Zum Glück gibt es Skype. Die Onlinetelefonie hat allerdings den Nebeneffekt, dass unser Jüngster vermutet, ich lebe irgendwo im iPad. (lacht)

Fotograf: Daniel Winkler

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