19. November 2018

Es feins Käfeli

Bänz Friedli sagt «Nein, danke!». Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Kaffeetasse auf dem Tisch
Unser Kolumnist möchte selber sagen dürfen, was er mag und was nicht. Auch beim «Käfeli».

«Nimmsch es feins Käfeli?» Es gibt einen Schuhladen in unserer Stadt, in dem man als Erstes gefragt wird, ob man «es feins Käfeli» wünsche. Dass ich einfach geduzt werde, stört mich nicht gross. Auch nicht die Frage an sich, wenngleich ich stets verneine, denn ich bin wegen der Schuhe hier. Daran, dass einem beim Coiffeur, im Blumengeschäft, in der Buchhandlung und was-weiss-ich-wo Getränke angeboten werden, habe ich mich gewöhnt. Und das «-li» finde ich zwar albern wie so manches Diminutiv in unserem verkleinerungssüchtigen Land: Wir veranstalten «Feschtli», statt Feste zu feiern, unternehmen «es Usflügli», statt ins grosse Abenteuer zu starten, und gönnen uns bestenfalls «es Gläsli». Aber, nein, das eigentlich Irritierende an «Nimmsch es feins Käfeli?» ist, dass die fragende Person schon impliziert, ich würde den Kaffee, nähme ich das Angebot denn an, auch mögen: Mir wird nicht einfach «es Käfeli» angeboten, sondern «es feins Käfeli».

Nun ist es mit Kaffee ja wie mit der Musik, die Bandbreite reicht von der Schnulze bis zum Metal-Gedröhne. Es gibt tausend Sorten und Zubereitungsarten, und ich möchte noch immer selber sagen dürfen, was ich mag und was nicht. Ausserdem sollte der Gastgeber sich nie selber rühmen wie der Wirt, der letzthin an unseren Tisch trat und fragte: «Isch es hervorragend gsi?» Es mag ja sein, dass das ewige «Isch es rächt gsi?» der Inbegriff helvetischer Tiefstapelei ist, denn niemand möchte, dass sein Essen nur «rächt» ist. Ausserdem wird die Frage meist so mechanisch gestellt, dass man sie gar nicht mehr als Frage empfindet. Aber immerhin lässt «Isch es rächt gsi?» mir die Möglichkeit zum Kompliment: dass es «sehr, sehr fein», «extrem gut» oder gar «fantastisch» gewesen sei – habe ich alles schon gesagt. Wenn indes schon der Fragende das Gebotene «hervorragend» findet, was will man da noch sagen? Höchstens, dass es zwar ganz okay, aber weiss Gott nicht hervorragend gewesen sei. Aber so etwas traut sich ja doch niemand.

Ausser meiner lieben Schwiegermutter selig. Wir wollten einmal etwas Neues versuchen und tischten ihr – wenn ich mich richtig erinnere – einen Kalbsbraten an Rhabarbersauce auf. Ob es schmecke? «Me chas näh», kommentierte sie trocken. Es ist bei uns in der Familie zum geflügelten Wort geworden. Wann immer wir eine kulinarische Kreation für etwas gar gewagt oder ein Menü für schlicht missraten halten, sagt jemand: «Me chas näh.»

In besagtem Schuhladen liess ich mir dann übrigens, mehr aus Gwunder, doch mal «es feins Käfeli» geben. Es war nicht fein. Mir schmeckt die Kaffeesorte nicht besonders. Die teuren Schuhe hab ich dennoch gekauft. 

Die Hörkolumne (MP3)

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