02. August 2018

Psychologe fordert mediale Mischkost

Die Menschen sollten sich wieder vermehrt mit ihrem Innenleben beschäftigen, statt ständig auf Bildschirme zu starren, rät der deutsche Psychotherapeut Georg Milzner. Dem morgendlichen Videospiel kann er dennoch Positives abgewinnen – vorausgesetzt, dass man es gemeinsam tut.

Georg Milzner
«Wenn man gut leben will, braucht man in unserer Zeit so etwas wie eine mediale Mischkost», sagt der Psychologe Georg Milzner.

Georg Milzner, es ist morgens um 8.15 Uhr. Welchen Reizen waren Sie schon ausgesetzt?
Ich bin seit 7 Uhr wach und habe am Laptop E-Mails beantwortet und für eine Bekannte einen Therapeuten ausfindig gemacht. Gespielt habe ich heute Morgen nicht.

Gespielt?
Morgens spiele ich manchmal Computerspiele. Ich bin auf die Bitten meines Sohns und seiner Freunde hin einer «Clash of Clans»-Runde (Anm. d. Red.: Onlinestrategiespiel) beigetreten. Da muss man am Morgen natürlich gucken, wer überfallen worden ist und wie die Lage so steht. Das ist keine schlechte Art, gemeinsam in den Tag zu starten, sondern ungemein kommunikativ. Ganz im Gegensatz dazu, was man immer hört.

Sie raten also, bereits am Morgen zu gamen?
Wenn man miteinander spielt, ja. Die Basis ist die Beziehung. Wer von Games keine Ahnung hat, weiss zumindest, dass sie schlecht sind. Wenn man aber Anteil nimmt, löst sich dieses Problem schnell auf.

Das fällt vielen Eltern schwer.
Klar, denn sie sind nicht so aufgewachsen. Sie sehen bloss dieses Neue und ihnen Fremde. Das wirkt bedrohlich. Bei der Rockmusik hatten früher auch alle Eltern das Gefühl, die mache aggressiv, sexuell unkontrolliert und reisse die Kultur in den Abgrund. Dass einmal Leute wie Mick Jagger von der Queen zum Ritter geschlagen würden, hätte man sich im letzten Jahrhundert nicht vorstellen können.

Dürfen Ihre Kinder so viel spielen, wie sie wollen?
Meine älteren Kinder, die heute schon erwachsen sind, waren vor allem in sozialen Foren unterwegs. Da kann man als Vater nur freundlich begleiten und sie machen lassen. Bei dem mittleren Sohn hatten wir im Primar­schulalter die Regel, dass zuerst die Aufgaben gemacht werden müssen und spätestens um 20.30 Uhr alle Bildschirme aus sind, auch unsere. Jetzt, wo er fast 14 ist, sage ich ihm: Du weisst ja, irgendwann solltest du mal das Licht ausmachen. 

Maximal so viel Bildschirmstunden pro Woche wie Altersjahre, sagen Medienexperten in der Schweiz. Von dieser Regel halten Sie nichts. Warum?
Weil sie keinen Sinn macht. Man würde auch kein Papierverbot erteilen, wenn das Kind zu viel gelesen hat – und damit auch das Malen und Falten mit Papier verbieten. Man muss schauen, was das Kind am Bildschirm genau macht: Wenn es kommuniziert, ist es etwas anderes, als wenn es spielt. Wenn es recherchiert, ist das nicht dasselbe, wie wenn es bei Instagram ist.

Georg Milzner hält nichts von Bildschirm-Verboten
Georg Milzner hält nichts von Bildschirm-Verboten.

Der Titel Ihres neuen Buchs lautet «Wir sind überall, nur nicht bei uns». Da könnte man vermuten, man sollte eher in sich kehren als online gamen.
Es geht um das Mischungsverhältnis. Wenn man gut leben will, braucht man in unserer Zeit so etwas wie eine mediale Mischkost. Ähnlich wie bei der Ernährung: Isst man nur eine einzige Speise, wird man auf die Dauer Mangelerscheinungen haben. Das gilt hier analog.

Inwiefern?
Ist man medial unterwegs, braucht man etwas zum Kompensieren. Etwas, das die Innerlichkeit fördert. Ich habe zum Beispiel vorher nicht erwähnt, dass ich mich heute Morgen um 7 Uhr zuallererst mit meinen Träumen der vergangenen Nacht beschäftigt habe. Das starke Innenleben, das wir alle haben, ist aus der öffentlichen Wahrnehmung herausgerutscht, zugunsten der medialen Stimulation. Ich arbeite daran, das eine nicht gegen das andere auszuspielen. Ich plädiere für eine Art Integration.

Sie machen sich um die Verteilung unserer Aufmerksamkeit Sorgen. Warum?
Weil wir viele Hinweise dafür haben, dass die Aufmerksamkeitsverteilung aus dem Ruder läuft. Wir wissen, dass sich die Unfälle auf Kleinkinderspielplätzen dramatisch gehäuft haben, seit man Smartphones kaufen kann. Vorher waren die Unfallzahlen rückläufig.

Dieser Zusammenhang ist belegt?
Er wird mit grosser Wahrscheinlichkeit vermutet. Stellen Sie sich vor, Sie geben einem Kind an der Rutsche Sicherheitsstellung, und dann kommt ein kleines Signal aus der Manteltasche rechts unten. Dann gibt es diesen einen Moment, in dem Ihre Aufmerksamkeit nach unten wandert. Und der kleine Moment reicht aus, um die Sicherheitsstellung kurz aufzugeben – dann fällt das Kind. Klar: Es ist nicht ständig ein Forscher auf dem Spielplatz und beobachtet. Aber die Vermutung, dass hier ein Zusammenhang besteht, liegt nahe.

Viele von uns haben sich in so was wie Reizreaktionsmaschinen verwandelt, denen es ungemein schwerfällt, Reize auszublenden.

Also ist das Smartphone des Teufels?
Absolut gar nicht. Das Smartphone ist ein wunderbarer Minicomputer, der unglaublich viel kann. Die Entwicklung ist jedoch so schnell gegangen, dass unsere bewusste Aufmerksamkeitssteuerung nicht mitgewachsen ist. Viele von uns haben sich in so was wie Reizreaktionsmaschinen verwandelt, denen es ungemein schwerfällt, Reize auszublenden. Auch während eines Gesprächs wie diesem hier sind wir solchen ausgesetzt. Ich weiss nicht, was Ihre Geräte gerade tun, mein Smartphone habe ich vorhin extra ausgeschaltet.

Unsere nehmen im Flugmodus das Gespräch auf.
Die müssen also arbeiten. Wenn Sie übrigens nachts den Flugmodus drin haben, anstatt das Smartphone ganz ausgeschaltet zu haben, schlafen Sie schlechter. Das lässt sich im Schlaflabor belegen. Im Gehirn bleibt eine Restbereitschaft, Reize zu verarbeiten.

Auf dem Spielplatz, nachts im Bett – wo sonst lassen sich Probleme beobachten?
Als Therapeut merke ich, dass Menschen oft zu wenig miteinander in Kontakt treten. Vor allem Kinder, von denen man ja sagt, sie seien Medienfüchse, leiden besonders. Sie nehmen stark wahr, wenn ihnen die ungeteilte Zuwendung fehlt. Kinder brauchen diese stärker als alle anderen. Und wenn sie ihnen fehlt, ist es so, als wenn man einer Pflanze das Sonnenlicht verweigerte. Die kindliche Psyche wächst dann an entscheidenden Stellen nicht.

Das Smartphone konkurriert also mit unseren Kindern um unsere Aufmerksamkeit?
Das Smartphone ist es eigentlich nicht, es selber macht ja nichts. Hinter den Reizen stehen ganz reale Leute und Firmen. Es entspricht dem Trend unserer Zeit, das Smartphone als modernes Monster darzustellen. Aber das Smartphone haben wir ja alle irgendwann gewollt und darum gekauft. Klar, denn es erfüllt alle Träume der Moderne: Man hat eine Unabhängigkeit von Zeit und Raum, kann Beziehungen über grosse Distanz führen, einkaufen rund um die Uhr, Filme gucken, Notizen machen. Das alles ist wahnsinnig toll.

Aber?
Die Vernetzung macht aus, dass viele Leute versuchen, auf uns Zugriff zu nehmen. Wir werden permanent mit Werbung, Updates oder Mails konfrontiert. Der Vernetzungsgrad einer Person beeinflusst ihren Stress massgeblich. Das ist aber nicht erst mit dem Smartphone losgegangen. In Japan gab es eine gesteigerte Herzinfarktrate, als Mitarbeiter bis zu 50 E-Mails pro Stunde beantworten mussten. Jetzt können wir die Mails auch von unterwegs abrufen. Das ist nur die Steigerung eines Prozesses, den wir schon kannten.

Und wie kommen wir dagegen an?
Es gab Phasen, in denen die Aufmerksamkeit vermehrt nach innen gerichtet war, Stichwort frühe 60er-Jahre und Bewusstseinserweiterung. Momentan stecken wir in einer Phase, in der der technologische Rush sehr schnell vorangeht und die Aufmerksamkeit nach aussen gerichtet ist. Wenn das nun immer so weitergeht, dann merken wir, dass eine innere Dürre entsteht, weil die Aussenaufmerksamkeit nicht mehr genügt. Dann ist es Zeit für einen Schwenk. Zeit, den Scheinwerfer umzudrehen und die Aufmerksamkeit wieder zu uns zurückzuholen.

Jetzt ist diese Zeit gekommen?
Definitiv. Beginnen kann man damit, dass man sich fünf Minuten vor einen Spiegel setzt und sich aufmerksam wahrnimmt. Man merkt dabei, dass man nach einer Weile etwas unruhig wird. Wenn man diesen Punkt erreicht hat, ist das wunderbar, dann bleibt man trotzdem sitzen und versucht, sich mal so wahrzunehmen, wie man wahrgenommen werden möchte. Also mit einem aufmerksamen, freundlichen, anteilnehmenden Blick. Wenn einem das gelungen ist, hat man einen guten ersten Einstieg geschafft.

Es ist Zeit, die Aufmerksamkeit zu sich selber zurück zu lenken, findet der Psychologe Georg Milzner.

Für die Schule der Zukunft schlagen Sie vor, dass es neben einem Lehrer für ­Informatik auch einen Lehrer für den Umgang mit dem Gehirn geben sollte.
Genau. So etwas wie einen Brain Ranger. 

Was würde dieser Brain Ranger machen?
Er würde den Kindern beibringen, dass das, was in unserem Gehirn passiert, zu einem guten Teil steuerbar ist. Ansatzweise gibt es das schon. Etwa Religionslehrer, die ihren Schülern Meditationstechniken vermitteln. Oder Sportlehrer, die mentales Training in ihren Unterricht einbauen. Viele Kulturen haben eine Menge an Bewusstseinstechniken entwickelt. Wenn jeder Mensch mindestens eine davon beherrschen würde, dann hätte man einen Gegenpol zur medialen Überreizung und der zu sehr streuenden Aufmerksamkeit.

Welche wenden Sie persönlich an?
Mehrere Dinge. Ich arbeite mit Träumen, selbsthypnotisch, autosuggestiv und ich meditiere. Das alles mache ich immer wieder zwischendurch. Nicht zu fixen Zeiten, aber zum Beispiel im Zug oder zwischen Behandlungssitzungen. Ich rufe dann eine innere Bildwelt auf.

Den klassischen Sandstrand mit Wellengeräuschen?
Bei mir ist es etwas fantasievoller. Oft kommen mythische oder alte Szenen vor. Manchmal auch Bilder, von denen ich nicht weiss, wo sie eigentlich herkommen. Das ist immer anders. Ich gebe meinem Unterbewusstsein die Möglichkeit zu zeigen, was es gerade auf Lager hat.

Was passiert, wenn man nichts davon anwendet? In unserer Leistungsgesellschaft sind wir oft so lange aktiv, bis gar nichts mehr geht.
Ein Mensch, der permanent nach Leistung orientiert ist, sieht sich nicht mehr als komplexes Wesen. Im Extremfall nimmt er sich eher so wahr, als würde er mit einer Maschine konkurrieren. Dann hat er gute Chancen, irgendwann in einem Burn-out zu landen.

Heute leiden sogar schon Kinder unter Burn-out und Schlaflosigkeit. Ein Grund dafür ist masslose Bildschirmzeit. Welchen Rat geben Sie den Eltern?
Ich sage immer als erstes: Versuchen Sie, so wenig wie möglich zu kritisieren. Versuchen Sie, Ihr Kind auf möglichst positive Weise wahrzunehmen. Denn es wird die kritische Haltung spüren und wenn sie sehr ausgeprägt ist, wird es sich verschliessen.

Was halten Sie von der Faustregel «3-6-9-12»: kein Fernsehen vor 3 Jahren, keine eigene Spielkonsole vor 6 Jahren, Internet nach 9 und soziale Medien nach 12 Jahren?
Überhaupt nichts. Kinder entwickeln sich individuell. Solche Regeln aber ziehen die Aufmerksamkeit von der individuellen Betrachtung ab – und das ist schlimm.

Ein Drittel der Kinder nutzt das Handy regelmässig, wenn sie eigentlich schlafen sollten. Dies sagen neueste Zahlen. Brauchen digitale Medien nicht wenigstens im Schlafzimmer ein besonders wachsames Auge der Eltern?
Gegenfrage: Ist das wirklich so anders als das Lesen unter der Bettdecke?

Mit einem Buch schläft man vermutlich schneller ein als mit einem flackernden Bildschirm.
Ich hatte kürzlich mit einem Jugendlichen zu tun, der ist während des Zockens auf der Tastatur eingeschlafen. Als er dann das Karomuster auf seiner Wange sah, fand er schon auch, dass er es wohl ein wenig übertrieben hatte. Es macht keinen Sinn, ständig mit Grenzen und Zäunen hinter den Kindern herzurennen. Sie haben schon immer Wege gefunden, diese zu umgehen.

Die digitale Welt scheint grenzenlos. Es gibt inzwischen sogar Apps für Zweijährige, die das Lernen fördern sollen. Sehen Sie diese auch so positiv?
Die sind idiotisch. Kleinkinder haben zwei Bedürfnisse: das haptische Erkunden und die soziale Interaktion. Bildschirme frustrieren diese beiden Bedürfnisse. Die Kinder können die Objekte, die sie auf dem Smartphone sehen, nicht greifen und nicht in den Mund nehmen. Auch die Beziehungsebene fehlt. Vergessen Sie nicht: Die Basis ist die Beziehung.

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