14. Januar 2013

Erwachsen und noch immer zappelig

Unruhig und kaum zu bändigen: Dieses Verhalten ist typisch für ein ADHS-Kind. Heute weiss man, dass mehr als die Hälfte der Kinder ihre Symptome ein Leben lang behalten. Und viele merken erst spät, was mit ihnen los ist.

ADHS-
Diagnose
Erst nach der ADHS-Diagnose bei seinem Sohn begriff Ronald Schaulin, dass er selbst von denselben Symptomen betroffen ist.

Ronald Schaulin ist 50 Jahre alt und nimmt es heute gelassener. «Das H, das in ADHS für Hyperaktivität steht, hat sich mit den Jahren ausgewachsen», sagt er und lacht. Doch die übrigen Symptome der Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS, begleiten ihn immer noch: «Wenn mich ein Thema nicht interessiert, kann ich kaum bei der Sache bleiben, das war in der Schulzeit wie im Berufsleben so.» Wenn er allerdings etwas spannend finde, neige er dazu, sich exzessiv damit zu beschäftigen. Viele Kollegen hatte er nie; die meisten schienen genervt von seinem Redebedürfnis, und mit seinem grossen Bewegungsdrang konnten oder wollten viele nicht mithalten.

Meistens sind gleich mehrere in einer Familie betroffen

Lange galt ADHS als Kinderkrankheit. Mittlerweile geht man davon aus, dass die Symptome nur bei der Hälfte der jungen Patienten verschwinden. Meist wissen die Betroffenen lange Zeit nicht, dass die Ursache ihrer Probleme im Gehirn zu suchen ist und dass sie eine neurobiologische Störung haben. Darauf kommen sie oft erst, wenn bei ihren eigenen Kindern ADHS diagnostiziert wird. Forscher vermuten, dass die Krankheit vererbt wird, da meist gleich mehrere Personen in einer Familie betroffen sind. Auch Ronald Schaulin erkannte sich in den Symptomen seines Sohnes wieder. Doch als er sie bei sich selbst abklären liess, konnte er das Ergebnis kaum glauben. «So ein Quatsch, krank sind die anderen, nicht ich», habe er gedacht. «Dabei kannte ich die typischen ADHS-Symptome nur zu gut.»

Es war, als liefen in meinem Kopf drei Radios gleichzeitig. Mit verschiedenen Sendern.

Irene Wehrli, ADHS-Betroffene

Irene Wehrli* aus Bern gehört auch zu den etwa vier Prozent Erwachsenen weltweit, die unter der neurobiologischen Störung leiden. Die 54-Jährige weiss noch genau, wie fahrig sie als Kind war. Dass sie oft ihre Hausaufgaben vergass, dass sie nie länger als fünf Minuten still sitzen konnte. Aber auch sie beschäftigte sich erst mit dem Thema, als ihr Sohn positiv getestet wurde. «Vor der Abklärung fragte ich mich immer: Warum kann ich nur mein Potenzial nicht ausschöpfen?» Dann wusste sie, warum.

Zerstreutheit ist kein Symptom, sondern ein Wesenszug

Ursula Ammann ist ADHS-Coach und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Fachgesellschaft ADHS in Laufen BL.
Ursula Ammann ist ADHS-Coach und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Fachgesellschaft ADHS in Laufen BL.

Tatsächlich zeigen sich die Kernsymptome bei Erwachsenen leicht anders als bei Kindern: Zwar sind Aufmerksamkeit und Impulsivität noch immer gestört, aber die Hyperaktivität hat eher nachgelassen. Leichter macht dies die Diagnose nicht. «Bei Erwachsenen kommen noch andere Krankheiten wie etwa eine manisch-depressive Störung als Ursache in Frage», sagt ADHS-Expertin Ursula Ammann (51) aus Laufen BL. Deshalb werden beim Erwachsenen vier weitere Kernsymptome abgeklärt: Temperament, emotionale Überreagibilität, Affektlabilität sowie Desorganisation. Doch «Hitzköpfigkeit», geringe Stressresistenz oder Zerstreutheit allein sind noch keine Beweise für ADHS, im Einzelfall sind es sogar ganz normale Wesenszüge. Entscheidend bei der Diagnose seien die Summe der Symptome, ihr Ausprägungsgrad und die Dauer ihres Auftretens, betont Ursula Ammann.

Irene Wehrli hat vier Berufe. Sie ist Maschinenzeichnerin, Spielgruppenleiterin, Lehrerin für kirchlichen Unterricht und Mediatorin. Dass sei so, weil sie vielseitig interessiert sei. «Meinen ersten Job in einem Maschinenbauunternehmen habe ich geliebt», erinnert sie sich. Aber am Ende habe sie kündigen müssen. Nach einem Chefwechsel hatte sich das Betriebsklima verändert. Viel zu sensibel habe sie darauf reagiert, jede schlechte Stimmung auf sich bezogen. Sich nicht abgrenzen können, alles persönlich nehmen, auch das gehöre zu ihrer ADHS-Symptomatik. Ihre anderen grossen Baustellen: Haushaltsführung und die Unfähigkeit, innerlich zur Ruhe zu kommen. «Es war, als liefen in meinem Kopf drei Radios gleichzeitig. Mit verschiedenen Sendern.» Einfach mal auf dem Sofa liegen und entspannen – für sie undenkbar.

Diese Defizite haben lange Zeit an ­ihrem Selbstwertgefühl genagt. Heute kann sie auch ihre Stärken sehen: ihre Kreativität, ihre Flexibilität, ihre Sensibilität und die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Typische Eigenschaften ADHS-Betroffener. Irene Wehrli geht sogar noch einen Schritt weiter: «Wenn es einen Knopf gäbe, um ADHS abzustellen, ich würde ihn nicht drücken.»

Ronald Schaulin bewegt sich gerne und viel. Am liebsten fährt er Fahrrad.
Ronald Schaulin bewegt sich gerne und viel. Am liebsten fährt er Fahrrad.

Auch Ronald Schaulin weiss um seine Stärken. Er hat Spediteur gelernt, nach 30 Jahren in diesem Beruf arbeitet er heute in der Industrie, in einem speditionsnahen Bereich – und sieht sich nach wie vor am richtigen Platz. Hier sind seine schnellen Problemlösungsstrategien, seine Flexibilität und sein Talent für Fremdsprachen gefragt. Er selbst habe auch weniger unter der Krankheit gelitten als sein Umfeld. Vor etwa zwei Jahren hat Ronald Schaulin mit einem Coaching angefangen. Auf Bitten seiner Frau. Hier lernt der Familienvater Strategien, die ihn im Alltag ruhiger reagieren lassen. In Konfliktsituationen erst tief durchatmen – dann antworten, zum Beispiel. Zusätzlich nimmt er das Medikament Concerta, das wie Ritalin den Wirkstoff Methylphenidat enthält. Der amphetaminähnliche Wirkstoff mache ihn nicht wacher, aber aufnahme- und arbeitsbereiter, auch wenn es gerade langweilig werde, sagt er.

Behandlungserfolg hängt vom Arzt und vom Medikament ab

«Nicht jeder Betroffene braucht Medikamente, aber jeder, der sie braucht, sollte sie nehmen», betont Ursula Ammann. Bei ihr seien das etwa 20 bis 30 Prozent der Klienten; bei anderen auf ADHS spezialisierten Psychiatern sei die Rate höher, da diese es oft mit stark betroffenen Patienten zu tun hätten.

Für Irene Wehrli übertraf die Wirkung von Methylphenidat alle Erwartungen: «Plötzlich konnte ich mit meinem Sohn Hausaufgaben machen, ohne die Geduld zu verlieren», erinnert sie sich. Trotzdem kenne sie Nebenwirkungen wie Kopfweh oder Schwindel. Wie in einer «chemischen Zwangsjacke» – so werden Ritalin und Co. oft bezeichnet – ­habe sie sich aber nie gefühlt. Sie räumt aber ein: «Der Behandlungserfolg hängt entscheidend davon ab, ob man einen kompetenten Arzt findet, der einen richtig auf das Medikament einstellt.» Wäre das die Regel, würden der Krankheit vielleicht weniger Vorurteile entgegengebracht – und den Betroffenen mehr Verständnis. Das wünscht sie sich.

* Name der Redaktion bekannt.

www.adhs20plus.ch

www.sfg-adhs.ch

www.adhs.ch

www.igads.ch

Bilder: Basile Bornand

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