13. November 2017

Erste Gehversuche

Bänz Friedli erinnert sich an weltbewegende Ereignisse. Hier kannst du dich mit Leser(innen) austauschen und die vom Autor gelesene Hörkolumne herunterladen.

Im Sportwagen durch die Kinderstube ...
Lesezeit 2 Minuten

Vitus hat «Bänz» gesagt. Eben erst, dünkt mich, hat er laufen gelernt. Manchmal sehe ich ihn von meinem Fenster aus wacker, aber unsicher durch die Siedlung wackeln. Und neulich kommt er mir an einem wunderschönen Herbsttag im gilbgelben Licht entgegen, der herzige kleine Nachbarsbub, besser gesagt: Er wird mir im Buggy die Anhöhe hinauf entgegengestossen, und er thront darin wie ein glücklicher kleiner Prinz, wonnig und pausbäckig, blinzelt in die Sonne …
Ich sage: «Vitus! Wie gehts dir denn?», und erwarte keine Antwort, jedenfalls keine verständliche, der Kleine kann meines Wissens noch nicht reden. Er aber strahlt mich an und sagt: «Bänz!» Hört sich zwar etwa an wie «Bämmtsch», doch es ist eindeutig: Er hat meinen Namen gesagt.

Für Augenblicke bin ich an den Tag erinnert, da unsere Tocher – die kleine Ewigkeit von siebzehneinhalb Jahren ist es her – an einem Morgen zum ersten Mal «Mueti» sagte. Nur wenn ich ganz, ganz ehrlich wäre, gäbe ich zu, dass ich auch ein bisschen eifersüchtig war. Bis sie, noch am selben Tag, «Vati» zu mir sagte. All die Erstmaligkeiten! Das erste Breili, die ersten Schritte, das erste Mal ohne Windeln auf dem WC …
Heute schmunzelt man darüber, als welch weltbewegendes Ereignis man dies damals feierte. Unserer beider Kinder erstes Wort war «heiss», anfänglich nur als gelispeltes «…sssss» zu vernehmen, allmählich dann deutlich: «…eisss». Vermutlich war dies ja nicht das erste Wort, das sie artikulieren wollten, sondern lediglich das erste, das wir verstanden. Fürs muntere, aber unverständliche Gebrabbel von Babys hielt unsere irische Nachbarin einen wunderbaren Ausdruck bereit: «Talking to the angels», nannte sie es, mit Engeln reden.

Heiss! Offenbar wiederholten die Kinder damit unsere Warnung, dem Gasherd nicht zu nahe zu kommen, die Warnung vor heissen Speisen, heissem Wasser. Und was es zu
bedeuten hat, wenn das erste Wort ein zurückhaltendes, ja, ängstliches ist, bliebe zu ergründen. Jedenfalls ist das kleine Mädchen, das einst bei jeder Gelegenheit respektvoll «…eisss!» ssssäuselte, zu einer wagemutigen jungen Frau herangewachsen, und das kleine Kerlchen von einst fräst auf seinem Skateboard mit weiss nicht wie vielen Stundenkilometern Passstrassen hinunter.

Vitus hat «Bänz» gesagt. Es hat mich gerührt und für Momente in die Vergangenheit zurückversetzt. Aber nur für Momente. Denn es ist cool, grosse Kinder zu haben, die schon fast keine mehr sind und deren Erstmaligkeiten aus einer «ersten durchzechten Nacht» und vielen anderen Dingen bestehen, die nicht in die Zeitung gehören. 

Die Hörkolumne (MP3)

Bänz Friedli live: 14.11. Luzern, Stadtkeller

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