05. November 2018

Erste Bilanz über Donald Trump

Vor zwei Jahren fragte das Migros-Magazin fünf wahlberechtigte Auslandschweizer in den USA, ob sie ihre Stimme Hillary Clinton oder Donald Trump geben. Vor den Parlamentswahlen diese Woche ziehen die fünf Doppelbürger ein erstes Fazit aus Trumps bisheriger Regierungszeit und sprechen über ihre Hoffnungen für die Midterms.

Donald Trump
US-Präsident Donald Trump steht zwar selbst nicht zur Wahl – dennoch dreht sich bei den Zwischenwahlen fast alles um ihn. (Bild: Michael Reynolds, EPA/Keystone)

Die fünf Doppelbürger, die wir 2016 zu den US-Präsidentschaftswahlen befragten , erwiesen sich als repräsentative Auswahl. Da war zum Beispiel der frustrierte Trump-Wähler Tom Kuhne aus dem ländlichen Wisconsin, einem amerikanischer Bundesstaat, der sich in der Wahlnacht als schicksalsträchtiges Zünglein an der Waage erwies. Oder der überrumpelte Hillary-Wähler Jean François DeBuren, den Trumps Sieg wie aus heiterem Himmel getroffen hatte.

Nun stehen in den USA erneut Wahlen an, die Midterms , bei denen ein Drittel des Senats und das gesamte Repräsentantenhaus sowie viele Gouverneure neu bestimmt werden. Wir haben dieselben fünf Schweizer Wahlamerikaner noch einmal besucht und sie nach ihren Hoffnungen für die Midterms sowie ihrer Bilanz über Trumps bisherige Regierungszeit befragt.

Isabelle Meyer (68) aus Glendale, Kalifornien (ursprünglich Basel) wählte 2016 Hillary Clinton.
Isabelle Meyer (68) aus Glendale, Kalifornien (ursprünglich Basel) wählte 2016 Hillary Clinton. (Bild: David Zentz)

Ich bin sehr deprimiert

Zu Beginn dieses Jahres reiste Isabelle Meyer für drei Monate in die Schweiz, wo sie alle nötigen Schritte einleitete, um im Notfall ihre ganze Familie in die Schweiz bringen zu können. «Ich habe allen Schweizer Pässe besorgt. Wenn die Demokraten bei den Midterms nicht das Repräsentantenhaus übernehmen, ist meine Geduld erschöpft», erklärt Meyer, die Trumps Präsidentschaft als noch unglaublicher erlebt als in ihrer Vorstellung vor der Wahl. «Die USA befinden sich in einem ideologischen Bürgerkrieg. Unsere Nation ist gespalten, und wer weiss, wie lange das noch gut geht.»

Meyer fühlt sich nach zwei Jahren Trump, als wäre sie plötzlich auf einem anderen Planeten gelandet. Die einst so gesellige Präsidentin der Schweizer Klubs in Los Angeles hat vor Kurzem ihr Amt niedergelegt. «Ich will meine Zeit und meine Kraft nicht in eine Gruppe von Leuten investieren, die ich nicht respektieren kann», sagt sie, während ihr Tränen in die Augen schiessen. Die Mitglieder dieser Klubs seien sehr konservativ, das habe das Zusammensein für sie schwierig gemacht. «Seit den Wahlen habe ich die Tendenz, mich zurückzuziehen. Es hat mir richtig den Mumm genommen. Ich bin sehr deprimiert.»

Die USA befinden sich in einem ideologischen Bürgerkrieg. Unsere Nation ist gespalten, und wer weiss, wie lange das noch gut geht.

Für die Midterms erhofft sie sich zwar einen Linksrutsch, aber das ständige Hin und Her in diesem Zwei-Parteien-System ist für sie keine Lösung. «Was Obama acht Jahre aufgebaut hat, macht Trump in kürzester Zeit wieder zunichte. Ich glaube, wenn mehrere Parteien wie die Grünen oder die Sozialisten zur Wahl stünden, würden auch mehr Leute zur Urne gehen. Viele von uns haben den Glauben in das System verloren.»

Tom Kuhne (54) aus Madison, Wisconsin (ursprünglich Olten SO) wählte 2016 Donald Trump.
Tom Kuhne (54) aus Madison, Wisconsin (ursprünglich Olten SO) wählte 2016 Donald Trump. (Bild: Darren Hauck)

Ich wähle Politiker, die für mich und meine Familie gut sind

Wisconsin war bei den Wahlen 2016 das sprichwörtliche Zünglein an der Waage, ein Staat, der seit den 80er-Jahren nur Demokraten ins Weisse Haus gewählt hat, bis Donald Trump ins Rennen stieg. «Wir fühlten uns als Teil einer vergessenen Mehrheit», erklärt Tom Kuhne. «Wir sahen Jobs ins Ausland abziehen, die von unseren Eltern ein Leben lang ausgeübt wurden.»

Trump köderte Wähler wie Kuhne mit Versprechen, die er zum Beispiel der Carrier-Firma in Indiana machte, damit sie ihre Produktion nicht ins Ausland verlegt. «Über 1000 Jobs blieben dank diesem Deal im Land, das hat uns Hoffnung gegeben.» Letztlich jedoch halfen auch Trumps Versprechen nicht: Obwohl er der Firma, die Heiz- und Kühlgeräte produziert, über sieben Millionen Dollar in Steueranreizen gewährte, beschäftigt diese heute laut der Stahlarbeitergewerkschaft in den USA nur noch 700 Leute.

Ich möchte nicht, dass das Repräsentantenhaus zu sehr nach links schwingt und Trump nichts mehr durchbringt.

Dennoch bereut Kuhne es nicht, Trump gewählt zu haben. «Ich bin egoistisch. Ich wähle Politiker, die für mich und meine Familie gut sind.» Zwar wurde Kuhnes Job als Anzeigenleiter in den letzten zwei Jahren wegrationalisiert, doch arbeitet er nun für eine Firma, die eine Software für Architekten von Grossbauten vertreibt. Geht es ihm heute besser als vor zwei Jahren? «Etwa gleich», antwortet er nach kurzem Zögern. Er habe beim Jobwechsel zwar eine Honorareinbusse erlitten, gesteht er, aber die viel kürzere Anfahrt mache das wett. Eine schwere Krankheit hat ihm zudem einen Schuldenberg eingebracht, den er noch während Jahren wird abzahlen müssen. «Ich kann wohl erst in etwa zwei Jahren sagen, wo wir stehen.»

Bei den Midterms will er aber Kurs halten und Republikaner zum Gouverneur und in den Senat wählen. «Ich möchte nicht, dass das Repräsentantenhaus zu sehr nach links schwingt und Trump nichts mehr durchbringt. Sollte das eintreten, wird er Schwierigkeiten bekommen, seine Basis für eine Wiederwahl im Jahr 2020 zu begeistern.»

Jean François DeBuren (48) aus Novato, Kalifornien (ursprünglich Büren an der Aare BE) wählte 2016 Hillary Clinton.
Jean François DeBuren (48) aus Novato, Kalifornien (ursprünglich Büren an der Aare BE) wählte 2016 Hillary Clinton. (Bild: Stephen Voss)

Ein Test für dieses Land

Jean François DeBuren spielte 2016 mit dem Gedanken, den USA den Rücken zu kehren, wenn Hillary Clinton nicht gewählt würde. «Rückblickend habe ich das wohl etwas zu impulsiv gesagt», gesteht der Grafiker, der nach wie vor in Nordkalifornien wohnt. So gerne er eines Tages wieder in der Schweiz leben würde, seine schulpflichtigen Kinder und ein gewisses Pflichtgefühl seiner Wahlheimat gegenüber haben ihn seine Meinung ändern lassen. «Ich glaube, die Trump-Präsidentschaft und alles, was sie repräsentiert, ist ein Test für dieses Land.»

Es ist einfach zu sagen, alle Trump-Wähler seien ignorant.

DeBuren hat sich nach der Wahl gefragt, ob er die Werte selber auch lebt, die er als Liberaler für so wichtig hält. Unter Präsident Obama hätten viele Amerikaner in einem naiven Glauben gelebt, dass das Land Fortschritte gemacht habe. Trump beweist nun, dass dem nicht so ist. Das hat DeBuren dazu veranlasst, eine Art moralische Bestandesaufnahme zu machen. «Es ist einfach zu sagen, alle Trump-Wähler seien ignorant. Aber es ist nicht okay, von allen anderen zu erwarten, sich zu ändern – die Wende beginnt mit uns.»

DeBuren will künftig empfänglicher sein für die Meinungen anderer Leute, auch wenn sie von seiner abweichen. Am 6. November wird er für jeden Demokraten stimmen, der zur Wahl steht, aber die Zukunft der USA sieht DeBuren in den Händen von Frauen und Kandidaten anderer Ethnien. «Dieses Land muss heilen können, und das wird nur passieren, wenn alte, weisse und reiche Männer nicht mehr an der Macht sind.»

Sabrina Engeli (21) aus Fairfax, Virginia (ursprünglich Bellinzona TI) wählte 2016 Hillary Clinton.
Sabrina Engeli (21) aus Fairfax, Virginia (ursprünglich Bellinzona TI) wählte 2016 Hillary Clinton. (Bild: Stephen Lam)

Ich will keinen Idioten als Präsidenten

Als Donald Trump gewählt wurde, wollte ihm die Medizinstudentin und Anhängerin des Demokraten Bernie Sanders erst einmal eine Chance geben. Aber nach zwei Jahren ist ihr Goodwill für den Präsidenten aufgebraucht. «Seine Temperamentsausbrüche auf Social Media sind einfach lächerlich», regt sich Engeli auf. «Der Führer unseres Landes sollte ein Vorbild sein. Ich will keinen Idioten als Präsidenten.»

Am meisten Sorgen macht sich Engeli über Trumps Einwanderungspolitik. Ihr Vater ist Schweizer, aber ihre Mutter stammt aus Peru, und immer häufiger hört sie negative Kommentare, wenn sie mit ihrer Mutter Spanisch spricht. «Mit Trump kamen all diese Leute aus der Versenkung, die grundlos Latinos angreifen. Als hätte er ihnen die Erlaubnis gegeben, ihrem Rassismus freien Lauf zu lassen. Rassismus ist nichts Neues, aber vorher hat sich keiner getraut, ihn so offen auszuleben.»

Viele meiner Freunde haben sich zum ersten Mal als Wähler registrieren lassen. Wir werden sicher zur Urne gehen.

Engeli gehört zu den Millennials, die bei den Midterms zahlenmässig eine enorme Rolle spielen könnten. Nur schien sich bei der Generation der 18- bis 29-Jährigen 2016 eine gewisse Wahlträgheit eingeschlichen zu haben. Engeli glaubt aber, dass sich das am 6. November ändern wird. «Auf Social Media wird von Promis und Musikern ganz schön mobilgemacht. Viele meiner Freunde haben sich zum ersten Mal als Wähler registrieren lassen. Wir werden sicher zur Urne gehen.»

Toni Luisoni (81) aus Granada Hills, Kalifornien (usprünglich Zürich) wählte 2016 Donald Trump. (Bild: David Zentz)

Es könnte nicht besser sein

Für Toni Luisoni hätten die letzten zwei Jahre nicht besser sein können. «Die Arbeitslosigkeit ist auf einem Rekordtief, Trump hat eine Million Jobs kreiert und Firmen zurück in die USA gebracht», frohlockt der Sportschütze. Laut dem Bureau of Labor Statistics hat die US-Wirtschaft 2018 zwar etwa eine Million Arbeitsplätze geschaffen, Obama jedoch hat in seiner zweiten Amtszeit jedes Jahr mehr Jobs kreiert als Trump in seinem ersten Jahr. De facto ist das Jobwachstum also rückläufig. Solche Statistiken will Luisoni aber nicht gelten lassen. «Die meisten Medien sind Lautsprecher der Demokraten, die Lügen und Gerüchte verbreiten.»

Die meisten Medien sind Lautsprecher der Demokraten, die Lügen und Gerüchte verbreiten.

Das Einzige, was Luisoni stört an «Trumpf», wie er den Präsidenten auf Schweizerdeutsch nennt: dass er die Mauer zu Mexiko noch nicht gebaut hat. «Einem grossen Teil der Illegalen und Kriminellen wie Schmuggler und Schwindler könnte so die Einreise verunmöglicht werden», wiederholt der pensionierte Baumeister die Parolen des Präsidenten. Dass Migrantenkinder ihren Eltern entrissen und in separate Auffanglager gesteckt werden, tut Luisoni zwar weh. «Aber die Eltern, die illegal über die Grenzen kommen, kennen das Gesetz und müssen die Konsequenzen ihres Handelns tragen.» 

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