26. Juni 2017

Ermittlungen mit Mops

Denkt man an die Provence, dann ans Mittelmeer und unendliche Lavendelfelder. Wer denkt schon an rothaarige Frauenleichen ohne Füsse?

Tod in der Provence von Pierre Lagrange
«Tod in der Provence» von Pierre Lagrange
Lesezeit 2 Minuten

Denkt man an die Provence, hat man für gewöhnlich Bilder vom Mittelmeer und unendlichen Lavendelfeldern vor Augen und den Geschmack von Bouillabaisse, Ratatouille, Grenache und Syrah auf der Zunge. Wer denkt schon an rothaarige Frauenleichen, denen die Füsse fehlen?
Genauso erging es wohl Hanna und Niklas Streuben in Pierre Lagranges Kriminalroman Tod in der Provence. Das Hamburger Ehepaar – er Architekt, Workaholic, Burn-out-Kandidat; sie Kinderbuch-Illustratorin, notorisch misstrauisch, rothaarig – erbt im malerischen Örtchen Carpentras ein halb verfallenes Château.

In der Hoffnung auf ein neues Leben und die Rettung ihrer kriselnden Ehe lassen sich beide auf das Abenteuer vom eigenen Haus am Meer ein. Was sich im Buch wie ein harmloser Arztroman anliest, wird schnell zum blutrünstigen Psychothriller. Der Traum mutiert zum Albtraum und kurz nach Leiche eins ohne Füsse, taucht auch schon Leiche zwei ohne Hände auf. Bastelt sich da ein irrer Serienkiller die perfekte Frau? Die perfekte Rothaarige? Und welchen Körperteil soll Hanna beisteuern? Das sind die Fragen, die sich auch Albin Leclerc und sein Mops Tyson stellen.

Albin, kauziger Kommissar im Ruhestand, muss ran, weil es die ansässige Polizei wie so oft nicht gebacken kriegt, dem Täter auf die Spur zu kommen. Ausserdem war Leclerc bei mindestens sechs vorangegangen mutmasslichen Opfern noch im Amt. Der Fall seines Lebens gewissermassen, der ihn nicht zur Ruhe kommen und hin und wieder mit seinem Mops sprechen lässt. Letzteres stört ein bisschen, weil es der Autor nicht konsequent genug durchzieht. Aber vielleicht haben auch Mopse manchmal einfach nichts zu sagen.

Und auch wenn sich Lagrange hin und wieder seitenweise in Belanglosigkeiten ergiesst, deren Existenz man in einem Halbsatz abhandeln könnte, es drängt einen doch zum Weiterlesen. Auch und vor allem weil man wissen will, wer hinter den bestialischen Morden steckt. Ist es Künstler Jeremy, der Nachbar der Streubens, oder doch Lehmann, der ehemalige Hausverwalter? Verdächtig sind irgendwie alle und keiner.

Lagrange verliert sich manchmal in langweiligen Details, alles in allem beschreibt er aber sowohl die Figuren als auch Umgebung und Natur mit einer derart sagenhaften Genauigkeit, dass man ihm ausgezeichnete Beobachtungsgabe attestieren muss. Und auch Liebhaber kunst- und kulturhistorischer Zusammenhänge kommen auf ihre Kosten, wenn er etwa die Besessenheit des italienischen Dichters und Geschichtsschreibers Francesco Petrarca beschreibt, die er für seine (rothaarige!) Muse Laura de Noves (Gattin des Grafen Hugues II. de Sade) empfand. Petrarca widmete ihr ganze Bücher und verehrte sie zeitlebens als ideale Frauenfigur und dauerhafte Quelle seiner dichterischen Inspiration. Wahrscheinlich ist der Mörder ein Petrarca-Fan. Das schockierende Ende wird mir Recht geben – oder auch nicht. Das müssen Sie schon selbst herausfinden.

Bei ExLibris: Tod in der Provence
Ein Fall für Commissaire Leclerc
Pierre Lagrange
Fischer Verlag

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