26. November 2018

Erklärung einer Liebe

Bänz Friedli empfiehlt ein Buch. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Buchcover «Love, Pa. Briefe an meinen Vater»
Wetten, dass unser Kolumnist «Love, Pa. Briefe an meinen Vater» jemandem unter den Weihnachtsbaum legt?

Sie hat ein altes Handy aufbewahrt, weil darauf Nachrichten ihres verstorbenen Vaters gespeichert sind. Sie hat sie noch nicht wiedergelesen, aber sie könnte – einer der Gedanken, die Salome Müller in «Love, Pa. Briefe an meinen Vater» festhält. Wiewohl kein Schnellleser, habe ich das Buch am ersten Tag zweimal durchgelesen. Nicht nur, weil es bloss ein Büchlein ist. Sondern weil ich selten zuvor etwas so Inspirierendes, so Trauriges, Schönes gelesen hatte.

Eine junge Frau schreibt ihrem toten Vater Briefe. «Du, meine drei Väter: der lebende, der kranke, der tote. Immer drängt sich der kranke in meine Träume, immer macht mir der tote die Tür auf, wo ich auch hingehe, und der lebende schrumpft, schrumpft, schrumpft.» Gegen dieses Schrumpfen schreibt sie an, und nie seit Büne Hubers Lied «Vater», das mich 1991 sprachlos machte und mir noch heute die Tränen in die Augen treibt, hat jemand die Beziehung zum eigenen Vater so berührend beschrieben. Auch meiner starb früh, und manches passt genau so, wie Salome Müller es formuliert, auch für meine Empfindungen: «Du hast nicht gesehen: meine erste Wohnung in Zürich, meine zweite Wohung, meine Texte, meine Liebe.» Und auch mir geht noch nach all den Jahren durch den Kopf: «Wenn wir miteinander reden könnten, würde ich dich fragen: …»

Das ist das Hinreissende an Müllers Buch: Sie zeichnet ein uns unbekanntes Land und hält uns doch den Spiegel vor, weil in dem ganz ureigenen Verlust ihres geliebten Vaters jeder Tod mitschillert. Ihr «Pa» ist zuweilen gegenwärtig – «Du, tänzelnd, zwischen dem Fenster, durch das du nach Mama Ausschau hältst, und dem Kochherd, wo du das Mittagessen zubereitest» –, zuweilen fern: «Wo war ich gerade, und wo bist du schon wieder?» Die 128 Briefe, meist Mikrogramme, weise und lustig, fügen sich in ihrer Knappheit zu einer grossen Liebeserklärung. Durch das Bruchstückhafte wird das Bild der Familie umso vollkommener. Und die Weglassungen lassen mir Raum, mich wiederzufinden. Als Sohn. Als Vater: «Dein ganzes Leben seist du auf der Suche gewesen, erzählt Mama. Erst als du Vater wurdest, kamst du zur Ruhe. Weil du etwas in uns wiedergefunden hast – dich?»

Ein Buch wider das Verlieren, das Vergessen. «Immer wieder Anfälle von unbestimmtem Heimweh.» Ich erkenne meinen Vater in Regentropfen wieder, Salome Müller den ihren in Bildern, Büchern, Sätzen. Der kürzeste Brief beschreibt, wie das Loslassen nie aufhört, und lautet einzig: «Dauernd stirbst du.» Gut, es gibt einen noch kürzeren, den vielleicht schönsten von allen, aber den verrate ich hier nicht. Lies das Buch! Verschenk es! Bald ist Weihnachten.

«Love, Pa. Briefe an meinen Vater» von Salome Müller gibts bei ex libris.

Die Hörkolumne (MP3)

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