02. Februar 2015

Traumjob Ballerina

Lou Spichtig und Laura Fernandez-Gromova gehören zu den besten Nachwuchsballerinen der Schweiz. Diese Woche wollen sie sich am Prix de Lausanne profilieren, einem der international wichtigsten Wettbewerbe für junge Tänzer.

Lou Spichtig beim Prix de Lausanne 2015.
Lou Spichtig beim Prix de Lausanne 2015. (Screenshot Youtube/Prix de Lausanne)

Lou Spichtig (17) und Laura Fernandez-Gromova (17) wollen nur eins: tanzen. Unruhig sitzen sie in ihren Balletttenüs auf einer Bank in der Cafeteria des Toni-Areals, wo die Tanz Akademie Zürich (Taz) beheimatet ist. Ihre Füsse stecken in wuchtigen Überschuhen aus Daunen, ihre Haare sind zu einem Dutt hochgestreckt. Sie sind dauernd in Bewegung, dehnen die Beine und strecken die Arme in die Höhe.

Die jungen Frauen sind sich gewohnt, von Montag bis Samstag sieben Stunden zu trainieren. Ihr Werktag beginnt im Übungsraum, wo sie sich für den Schulstart um 9 Uhr aufwärmen. Ihre Unterrichtsfächer sind Klassischer Tanz, Spitze, Variationen, Pas de deux, Body Conditioning, Zeitgenössischer Tanz, Improvisation. Dazu kommen Anatomie, Musiktheorie- und Geschichte, Tanzgeschichte, Gesellschaft und Kommunikation, Ernährungslehre, Englisch.

Lou Spichtig verdankt es dem Alphabet, dass sie beim Ballett gelandet ist. Sie war ein wildes Kind, kaum müde zu kriegen, und ihre Mutter suchte einen Sport für sie. Sie griff zum Telefonbuch, und bei B wie Ballett dachte sie: wieso nicht? Ein Volltreffer. Die Vierjährige wollte nicht mehr weg aus dem Übungsraum. War ihr Kurs vorbei, blieb sie sitzen, um den Grossen zuzuschauen. «Mein armes Mami», sie lacht. Zu Hause räumte sie die Möbel zur Seite, um Platz zum Tanzen zu haben. Schon mit sechs ging sie sechs Mal pro Woche ins Ballett. Heute träumt sie von einem Platz in einer ganz bestimmten Kompanie, weil sie abergläubisch ist, will sie nicht darüber reden.

Lou Spichtig
Lou Spichtig.

Lou Spichtig stammt nicht aus einer künstlerischen Familie. Ihre Mutter ist Primarlehrerin, ihr Vater Flugzeugmechaniker. Sie hat auch Reiten ausprobiert und Eiskunstlauf. «Aber da bin ich ständig hingefallen und habe gefroren.» Ballett, das war Liebe auf den ersten Blick. «Für mich gab es nie eine Alternative», sagt sie. Als sie mit zehn Jahren den Fuss verletzte und fast ein Jahr nur zuschauen konnte, fühlte sie sich wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Auf der Bühne bin ich wie berauscht, ich schwebe.

Lou Spichtig

Auch wenn ihr Fuss wieder mitmacht, sind Schmerzen Alltag. Schwieriger als die körperlichen Beschwerden seien die mentalen Herausforderungen. «Wir streben die Perfektion an. Schauen wir uns im Spiegel an, sehen wir jeden Fehler.» Klappt etwas nicht, ist sie frustriert. «Immerhin heule ich heute nicht mehr so oft wie früher.»

Tanzt Lou Spichtig auf der Bühne, vergisst sie Schweiss, Schmerzen und Tränen. «Da bin ich wie berauscht. Ich schwebe, als wäre ich ausserhalb meines Körpers.» Beim Tanzen gehe es nicht darum, Schrittfolgen nachzuahmen, sondern Emotionen zu zeigen. Für ihre Auftritte ist sie schon mehrfach prämiert worden, auch mit zwei Stipendien vom Migros-Kulturprozent.

Auch Laura Fernandez-Gromova war ein quirliges Mädchen. «Als ich sieben Jahre alt war, sagte meine Mutter: ‹Kind, du brauchst ein Hobby.›» Sie probierte Eiskunstlauf, Gymnastik, Klavier und Ballett aus – und entschied sich für Letzteres. Je mehr sie tanzte, desto lieber machte sie es. Als Neunjährige beschloss sie: «Ich will Ballerina werden.» Nach dem Abschluss möchte sie noch nicht direkt auf die Bühne, sondern sich in Ballett weiterbilden.

Laura Fernandez-Gromova
Laura Fernandez-Gromova.

Ihre Mutter, eine Russin, ist hobbymässige Akrobatin und Tangotänzerin, ihr Vater, ein Spanier, ein bewegungsfreudiger Bürolist. «Mein Traum ist auch der Traum meiner Mutter», sagt Fernandez-Gromova. Sie erzählt, wie sie ihr Vorbild, die russische Ballerina Maja Plissezkaja, vor einigen Jahren getroffen hat. «Sie hat auf Fotos jeden Fehler an meinen Posen korrigiert.» Und ihr dann Talent attestiert. Täglich an ihrem Körper zu arbeiten, macht Laura glücklich. «Auch wenn Müdigkeit ein Dauerzustand ist.» Die Disziplin, die sie beim Training an den Tag legt, die Perfektion, die sie anstrebt, lässt sie fallen, sobald sie zu Hause ist. In ihrem Zimmer herrscht stets ein Puff, und wenn sie einmal Ferien hat, will sie sich nur entspannen und massieren lassen.

Als Neunjährige beschloss ich, Ballerina zu werden.

Laura Fernandez-Gromova

Tanzen auf der Bühne fühle sich ein bisschen an wie traumwandeln. «Stress und Schmerz sind weg, ich denke nicht ans Publikum, tanze nur für mich selbst.» Dabei verliert sie jegliches Zeitgefühl. Das Adrenalin in ihren Adern spürt sie erst nach dem Auftritt.

Statt sich zu konkurrieren, helfen sich die Tänzer gegenseitig

Lou Spichtig und Laura Fernandez-Gromova, die im Sommer die Berufslehre im Bühnentanz abschliessen werden, verbringen auch privat viel Zeit zusammen. Am Samstag treffen sie sich oft mit Klassenkameraden im Wohnheim, in dem die internationalen Studenten leben, und machen sich einen gemütlichen Abend. Oder sie gehen ins Kino. Insgesamt sind sie 21 Schüler und 33 Schülerinnen im Hauptstudium. 29 von ihnen stammen aus der Schweiz, 25 aus dem Ausland. Der Zusammenhalt sei gut. «Es gibt sonst genug Konkurrenz, wir helfen uns.» Sie geben sich Tipps, wie sie ihre geschundenen Füsse am besten kurieren, oder sie flicken Spitzenschuhe. Jede Woche zertanzen sie ein Paar. Kosten: 80 Franken.

In der Regel bestehen 10 bis 20 Prozent der Bewerber die Aufnahmeprüfung ins Grundstudium oder die Audition ins Hauptstudium an der Taz. Nebst Talent und Musikalität sind auch körperliche Voraussetzungen wie die richtige Postur, Beweglichkeit im Hüftgelenk und starke Füsse entscheidend.

«Der Traumberuf Ballerina, die Faszination am Tanz, hält sich seit Jahren», sagt Liliana Heldner. Sie ist Geschäftsführerin von Danse Suisse, dem Berufsverband der Schweizer Tanzschaffenden. Seit es die Berufslehre in Bühnentanz gebe – sie wurde 2009 offiziell anerkannt – seien Eltern eher bereit, zu diesem Weg Ja zu sagen. Nahmen vor einigen Jahren noch 15 Interessenten am Beratungstag teil, waren es 2014 bereits 70. Zürich, Basel und Genf bieten die Tanzausbildung an, sie ist wie jede andere Berufslehre kostenlos. Der Abschluss sei auch hilfreich, wenn sich Tänzer ab Mitte 30 mit einer Umschulung auseinandersetzen müssten.

Bei Steffi Scherzer (57) war das anders. Sie hat noch mit 46 Jahren auf der Bühne der Berliner Staatsoper getanzt. Die gebürtige Deutsche hatte sich zur Primaballerina «hochgetanzt». «Ballett ist eine Berufung, kein Beruf», sagt sie. Von der Bühne Abschied zu nehmen, sei ihr schwergefallen. Heute unterstützt sie als künstlerische Leiterin an der Taz Nachwuchstalente. Sie sei jeweils viel nervöser vor dem Auftritt ihrer Schüler, als sie es vor dem eigenen gewesen sei.

Scherzer wird dabei sein, wenn Lou Spichtig und Laura Fernandez-Gromova noch bis 8. Februar am Prix de Lausanne, einem der international bedeutendsten Nachwuchswettbewerbe, teilnehmen. Sie werden dort mit 68 anderen Tänzern aus 18 Ländern um die Aufmerksamkeit von Ballettdirektoren aus der ganzen Welt buhlen. Mit etwas Glück kommen sie so zu einem Platz in einer renommierten Kompanie. Sie können es kaum erwarten, diese Chance zu packen.

Fotograf: Dan Cermak

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