17. April 2019

Er bringt Kindern den Umgang mit dem Sackmesser bei

Schnitzen ist mehr als einen Stecken für den Cervelat anzuspitzen, findet Felix Immler. Deshalb ist er als Sackmesserpädagoge unterwegs.

Felix Immler zeigt Kindern das Schitzen.
Lesezeit 5 Minuten

In einem Waldstück in Wollerau im Kanton Schwyz fliegen Holzspäne durch die Luft. 14 Kinder sitzen zusammen mit Vater oder Mutter in einem Halbkreis auf kleinen Hockern, halten in der einen Hand ein Schweizer Sackmesser, in der anderen Hand einen Holzstecken.

Vor ihnen steht der St. Galler Felix Immler, 44 Jahre alt, ein Profi im Umgang mit dem Sackmesser. «Ganz wichtig beim Schnitzen ist, den Stecken nicht zwischen, sondern vor seinen Beinen zu bearbeiten. Warum ist das wichtig?», fragt Immler in die Runde. «Weil man sich sonst ins Bein schneidet, wenn man abrutscht», antwortet ein Kind.

Die Vor-den-Beinen-Schnitzregel ist eine von neun Regeln, die sich Immler für den sicheren Umgang mit dem Sackmesser ausgedacht hat. Wer alle Regeln befolgt, wird am Ende seines Kurses ein Diplom, den Sackmesserführerschein, bekommen.

Die richtige Handhabung des Sackmessers
Sicherheit geht vor: Die richtige Handhabung des Sackmessers ist Felix Immler sehr wichtig.

Auf die Idee des Führerscheins kam Immler vor acht Jahren. Eigentlich war es seine Frau. Damals arbeitete er als Pädagoge in einem Kinderheim und ging mit den Kindern regelmässig in den Wald schnitzen. «Meine Angst, dass sich die Kinder mit dem Messer verletzen könnten, legte ich nie ganz ab.» Als er seine Frau um Rat fragte, kam sie auf die Idee mit dem Führerschein. Immler begann, sich Regeln zum Umgang mit einem Sackmesser auszudenken. Und geboren war der Sackmesserführerschein!

Immler bot bald auch ausserhalb des Kinderheims Sackmesserkurse an. «Lehrer, Eltern, der Ferienpass: Alle wollten mit mir Kurse machen», sagt Immler und lacht. Nach wenigen Monaten konnte er sein Pensum im Kinderheim reduzieren. Im Kurs in Wollerau zeigt Immler mittlerweile, wie man mit der grossen Klinge des Sackmessers richtig schnitzt. Wer einen Stecken anspitzen will, der benützt dafür den Teil der Klinge nahe am Messerschaft. «Damit habt ihr am meisten Kraft und Kontrolle.»

Auch das richtige Öffnen des Messers will gelernt sein: «Es ist wichtig, das Messer mit allen Fingern festzuhalten.» Dabei soll der Ring am Messer Richtung Körper schauen. Mit der anderen Hand geht man nun mit dem Fingernagel des Daumens in die Kerbe der grossen Klinge und klemmt mit dem Zeigefinger auf der anderen Seite die Klinge fest. Nun kann die Klinge vom Körper weg geöffnet werden.

Eine gefährliche und wunderbare Sache

Die Kinder hören dem Schnitzprofi aufmerksam zu, die Eltern helfen beim Umsetzen. So auch Timmy und seine Mutter Tanja de Santos. Der Achtjährige bekam sein Schweizer Sackmesser zum Geburtstag geschenkt. Auf dem Messer steht «Multum in Parvo» – lateinisch für «vieles im Kleinen». «Das gilt für das Sackmesser als auch fürs Leben. Auch in Kleinem kann vieles stecken», sagt Tanja de Santos. Im Kurs soll ihr Sohn lernen, wie man mit «dieser gefährlichen, aber auch wunderbaren Sache» umgeht: «Ein Holzstück, ein Messer und die Fantasie. Das ist doch wunderbar!»

Die Vor-den-Beinen-Schnitzregel ist eine von neun Regeln für den Sackmesserführerschein.
Die Vor-den-Beinen-Schnitzregel ist eine von neun Regeln für den Sackmesserführerschein.

Auch der siebenjährige Jonas Widler ist heute hier, um Schnitzen zu lernen. Jonas hat ein grosses Projekt im Kopf: «Ich will einen Hockeystock schnitzen.» Er ist mit seinem Vater da. «Ein richtiger Schweizer weiss einfach, wie man mit einem Sackmesser umgehen muss», sagt Jens Widler.

Welch tolle Sachen man mit dem Sackmesser kreieren kann, zeigt Immler nach dem Zmittag am Lagerfeuer. Auf einem Tisch breitet er seine Schnitzprojekte aus. Darunter eine Armbrust, eine Flöte, ein Pfeilbogen, mit dem ein Fallschirm in die Höhe geschossen werden kann, ein Wasserrad und ein Saxofon. Letzteres sollen die Kindern nun nachbauen.

Dazu höhlen sie mit dem Korkenzieher und der Holzsäge ihrer Sackmesser zuerst das Rohr eines Holunderasts aus. Darauf kommt das Mundstück: ein Luftballon, der durch die Einblasluft in Schwingung versetzt wird und so einen Ton entwickelt. Mit der kleinen Klinge des Sackmessers kerben die Kinder zuletzt die Grifflöcher ein, um verschiedene Töne spielen zu können. Fertig ist das Do-it-yourself-Holunder-Saxofon. Mit dicken Backen blasen die Kinder in ihre Saxofone. Manche klingen wie das Röhren brünstiger Hirsche, andere tönen tatsächlich ein wenig wie ein Saxofon

Ein selbstgemachtes Instrument: Nur mit viel Puste tönt das Holzsaxofon.
Ein selbstgemachtes Instrument: Nur mit viel Puste tönt das Holzsaxofon.

Jobangebot von einem grossen Hersteller

So viel Kunstfertigkeit blieb nicht unbemerkt. Irgendwann bekam Victorinox Wind von seinen Kursen – und machte ihm ein Jobangebot. Seit sechs Jahren arbeitet Immler nun beim Sackmesserproduzenten Vollzeit als «Sackmesserpädagoge», wie er sich selber nennt.

Immler ist ein Tausendsassa in Sachen Sackmesser: Bis heute hat er über 130 000 Exemplare seiner Sackmesserbücher verkauft. Auf Youtube zählen seine Videos über drei Millionen Klicks, sein erfolgreichstes Video über den Bau eines Survival-Kajaks wurde über 250000-mal angesehen. Egal, wie gross das Projekt ist, Immler verwendet immer nur ein Sackmesser. «Weil du nichts anderes brauchst. Du hast eine ganze Werkzeugkiste im Hosensack. Und du brauchst dafür weder Akku noch 5G.»

Diese Magie des Sackmessers hat auch die zehnjährige Chenoa Sailer aus Wollerau am Kurs in den Bann gezogen. «Sackmesser sind nicht nur was für Buben, sondern auch für uns Mädchen.» Dass sie nicht zimperlich an die Sache rangeht, zeigen drei Pflaster an ihren Fingern. Sie hat sich drei Mal geschnitten, erträgt das Malheur aber tapfer. Chenoas Mutter Karin Jung vom Elternverein Wollerau hat Felix Immler nach Wollerau geholt. «Man kann mit den Kindern nicht genug draussen sein, in der Natur, an der frischen Luft. Deshalb ist so ein Schnitzkurs perfekt», sagt sie.

Damit sie nun den Sackmesserführerschein bekommen, fordert Immler die Kinder auf, ihm eine wichtige Sackmesserregel ins Ohr zu flüstern. Jeder und jede bekommt den Führerschein. Insgesamt 14 neue Schweizer Sackmesserexperten hat er heute ausgebildet. Mittlerweile sind es insgesamt einige tausend, die schnitzend Schweizer Wälder zur Werkstatt machen.

Schnitzen ist ein kreativer Prozess

Markus Weissert

Markus Weissert, was halten Sie von Schnitzkursen speziell für Kinder?

Sie sind äusserst sinnvoll. Kinder verbringen immer weniger Zeit mit Spielen in der freien Natur. Als Folge resultieren teilweise therapiebedürftige Defizite in der sensomotorischen Entwicklung, Übergewicht durch sitzende Tätigkeit und Verlust der Artenkenntnis von Pflanzen und Tieren.

Was können die Kinder durch das Schnitzen lernen?

Die Arbeit mit Holz fördert die feinmotorische Bewegungssteuerung, die Kraftdosierung und die Koordination. Schnitzen ist ein selbständiger und kreativer Prozess. Er braucht Ausdauer, und am Ende entsteht ein Werk, auf das das Kind stolz sein kann.

Manche Eltern geben ihren Kindern kein Messer, weil sie es für zu gefährlich halten.

Das ist falsch. Der Umgang mit Risiken, also mit dem Messer, verlangt Disziplin und Konzentration und verbessert gleichzeitig das Selbstbewusstsein.

Wann ist ein Kind alt genug, um mit einem Messer umzugehen

Das hängt natürlich von der Entwicklung ab. Ab Schulalter kann man sich überlegen, dem Kind ein Messer anzuvertrauen.


Markus Weissert, pensionierter Kinderneurologe
Markus Weissert ist pensionierter Kinderneurologe und der ehemalige leitende Arzt der Neuropädiatrie im Ostschweizer Kinderspital.


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