23. April 2018

Entrecôte zum Vergessen

Bänz Friedli erinnert sich noch ganz genau, will künftig aber mehr löschen. Hier findest du die Hörkolumne und kannst dich mit dem Autor und anderen Leser(inne)n austauschen.

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Lesezeit 1 Minute

«Sardinien, wann war das schon wieder?», fragt meine Liebste. Und ohne zu überlegen, entgegne ich: «Mitte Oktober 1994 waren wir da, unser Gepäck kam einen Tag später an. Du hast am ersten Abend ein furchtbar zähes Pferdeentrecôte erwischt – dafür war das Essen fünf Tage später im ‹Su Gologone› wunderbar. Weisst du noch, wie …» – So genau will sie es nicht wissen. Es mache ihr manchmal Angst, sagt sie, wie genau ich mir die Dinge gemerkt hätte. Dafür habe ich Mühe, mir zu vergegenwärtigen, was ich gestern zu Abend gegessen habe. Polenta? «Lösch doch mal was!», sagt sie.

Und es stimmt: Meine Festplatte ist übervoll. Ich sollte lernen loszulassen. Auch Erinnerungen, Daten, Fakten. Klara Obermüller imponiert mir. Vor einiger Zeit hat die gescheite Frau ihre Lebenserinnerungen aufgeschrieben. «Es sind Augenblicke des Glücks dabei, aber auch Momente der Trauer, des Bedauerns, der Scham. Ich muss mich ihnen stellen», bekennt sie. Berückend, die Lektüre, gerade weil Obermüller so lakonisch und schonungslos ist – auch sich selbst gegenüber. Das Gegenteil von selbstgefälligen Memoiren. Ihr Buch «Spurensuche» handelt auch von Auslassungen: von den Dingen, die sie behalten möchte, genauso wie von dem, was sie vergessen will. «Ich habe geordnet und aussortiert», schreibt sie, «was ich an Erinnerungen behalten und was ich dem Vergessen anheimgeben will.» Und ich habe das wunderbare Wort bei ihr zum ersten Mal gelesen: anheimgeben. Darin klingt «daheim» an, und das ist tröstlich. Etwas könne nur der Vergessenheit anheimfallen, hatte ich gedacht. Dass man die Dinge auch bewusst dem Vergessen übergeben kann, finde ich schön. Ich will es mir vornehmen.

Und wenn man ein Alter erreicht, da man bald sein Elternhaus zu räumen hat und dabei noch mal auf eigene Schulaufsätze stösst, auf Rechenhefte und Zeichnungsmappen, auf Turnschuhe aus dem Jahr 1977 und vergilbte Fotos, ist nicht alles davon behaltenswert. «Santa Lucia», das Lied von Francesco De Gregori, hingegen schon und das, was ich 1983 empfand, wenn ich es hörte. Neulich, an einem Sonntag, sprang es mich von irgendwoher an, ich staunte, dass jedes Wort noch da war, und sang für den Rest des Tages «Santa Lucia» vor mich hin. Am selben Abend stiess ich im Keller auf den Durchschlag eines zornigen Briefs, den ich im Sommer 1992 verschickt hatte. Den brauch ich nicht aufzubewahren, die Fehde von damals ist längst vergeben. Es ist Zeit, sie dem Vergessen anzuvertrauen.

Und das sardische Entrecôte? Sollte ich sowieso aus dem Gedächtnis tilgen.

Die Hörkolumne (MP3)

Bänz Friedli live: 28.4. Pfäffikon ZH / 3.5. Solothurn.

Kolumnist Bänz Friedli
Bild: Vera Hartmann

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