03. September 2018

Eiserne Reserven

Bänz Friedli hat sich ein Herz gefasst. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Küchenschublade
Nach dem «Gnuusch» ist vor dem «Gnuusch» – wetten?

Ich hab es getan: die «Gnuusch»-Schublade aufgeräumt. «Wenn du schon mal Zeit hast …», raunte die innere Stimme mir an einem dieser Spätsommertage zu. Du weisst schon, die Gnuusch-Schublade, vollgestopft mit stumpfen Bleistiften, Reissnägeln, Rabattmarken, verhärtetem Superleim, Mehrfahrtenkarten, Gutscheinen, Schlüsseln, von denen niemand weiss, zu welchem Schloss sie gehören, und kleinen Vorhängeschlössern, zu denen der Schlüssel fehlt. Zum Vorschein kamen auch vier weisse Figürchen aus Dreikönigskuchen – eiserne Reserve! Diese Schublade gibt es in jedem Haushalt. (Sollte dies bei dir nicht der Fall sein, bist du entweder nicht normal oder erst per 1. September in die neue Wohnung eingezogen.)

Welch gutes Gefühl! Alles entrümpelt und säuberlich sortiert. Nun gibt es in der ominösen Küchenschublade nur noch Kugelschreiber und Filzstifte, die auch funktionieren – das heisst, ich habe die Zahl von 63 auf 27 gesenkt. Dito mit den Feuerzeugen, Sackmessern, Nagelknipsern. Ich habe vereint, was zusammengehört: Post-it-Blöckchen zu Post-it-Blöckchen, Zahnstocher zu Zahnstochern – und all die kleinen Spreizklammern, die man früher brauchte, um Polstercouverts zu verschliessen, in ein eigenes Ablagefach. (Ist Jahre her, dass ich zuletzt so eine benutzt habe. Aber man weiss nie ...) Besonders stolz macht das Wegschmeissen: Die Kundenkarte eines Filmverleihs, der vor drei Jahren schloss, verfallene Bibliothekskärtchen und den Bon für eine Tageskarte, gültig bis 30.4.2008 – alles entsorgt.

Diese Ordnung! Dieser Anblick! Zugegeben, in der nicht mehr «vernuuscheten» Gnuusch-Schublade hats noch immer absurd viele Zündhölzer. 16 Schachteln. Als Nichtraucherhaushalt brauchen wir bei jährlich vier Geburtstagskuchen und einem Weihnachtsbaum in den nächsten fünf Jahren, hochgerechnet, eine halbe Schachtel. Der Rest: Reserve. Es ist auch kein Ausflug geplant, auf dem wir 13 Sackmesser auf einmal benötigen würden. Aber es sind halt hübsche Souvenirs aus dem «Yosemite Park» darunter. Und wer braucht heute noch Büroklammern? (Ausser der einen, wenn das TV-System dazu auffordert, die Empfangsbox mittels einer Büroklammer auf Reset zu stellen …)

Würde man von allem nur so viel aufbewahren wie wirklich nötig, beanspruchte das niemals eine ganze Schublade. Die braucht es eigentlich nur, damit man einen Ort zum Verstauen hat, wann immer man nicht weiss, wohin mit einer Kleinigkeit. Und nun dünkt es mich fast, ich hätte die Gnuusch-Schublade durch die Aufräumaktion ihrer ureigentlichen Funktion beraubt. Derjenigen nämlich, ein Gnuusch zu enthalten.

Bänz Friedli und Thomas C. Breuer live: 11. und 12. September Bern, 13. September Buchs SG

Die Hörkolumne (MP3-Format)

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