03. Juli 2019

Einkehr auf der Alpe Valà

Sibylle Mascetti hat auf der Alpe Valà oberhalb von Lugano den ehemaligen Käse- und Fleischkeller ihrer Urgrosseltern übernommen. Sie gehört damit zu den wenigen Frauen im Tessin, die ein Grotto führen – mit Herzblut und Erfolg.

Sibylle Mascetti vor ihrem Grotto
Sibylle Mascetti empfängt in ihrem Grotto auf der Alpe Valà Tessiner und Touristen. 
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Die Abendsonne glüht über den Hügeln, die Grillen zirpen, und Sibylle Mascetti lächelt sanft. Während sie ein paar Gläser Rosé hinausträgt und mit den Stammgästen ihres Grotto anstösst, steht ihr Vater hinter dem wuchtigen Grill im Hof und dreht auf der Glut geduldig Costine, die typischen Tessiner Schweinerippchen.

«Meine Urgrosseltern haben dieses Grundstück gekauft», erzählt die 47-Jährige. «Und was war mit deinen Ururgrosseltern?», ruft ein Gast über den Steintisch hinüber. Alle lachen – man ist eine grosse «famiglia» im Grotto auf der Alpe Valà. «Die Urgrosseltern hielten Tiere hier, Kühe und Ziegen, und die Milch verarbeiteten sie zu Käse», fährt sie fort.

Es ist intensiv, gleichzeitig aber auch wunderschön.

Sibylle Mascettis Vorfahren sammelten im Winter den Schnee und trugen die kühlende Masse ins Grotto. «Bis Juni war der Schnee eingeschlossen, und so hatten sie praktisch das ganze Jahr über eine Art Kühlschrank, in dem sie den Käse lagern konnten.» Mascettis Grosseltern funktionierten den Raum dann in eine Gaststube um. «Das Schöne ist, dass die Tradition weitergeht», sagt Sibylle Mascetti. «Die junge Generation, die mich schon in ihrer Kindheit mit den Eltern besucht hat und heute erwachsen ist, kommt immer noch zu mir.»

Vom Webstuhl an die Grottotheke

Bevor sie das Grotto von ihrem Vater übernahm, absolvierte Mascetti eine Ausbildung als Handweberin. «Ich habe immer sehr gerne mit Tieren gelebt, mit Pferden und Schafen. Und ich wollte lernen, wie ich die Schafwolle verarbeiten kann.» Später unterrichtete sie an der lokalen Rudolf-Steiner-Schule, bis es Zeit war, zu den Wurzeln zurückzukehren und als Chefin des Hauses anzupacken.

Sibylle Mascetti öffnet ihr Grotto im Gegensatz zu vielen anderen das ganze Jahr über. «Finanziell komme ich gut durch. Dass in diesem Beruf weniger Frauen anzutreffen sind, liegt wohl daran, dass er einfach sehr intensiv ist. Man lebt und arbeitet am selben Ort. Aber zugleich ist es auch wunderschön.»

Tür zum Grotto auf der Alpe Valà
Wo die Vorfahren Viehwirtschaft betrieben: Sibylle Mascettis Urgrosseltern hielten hier Tiere, Kühe und Ziegen, und die Milch verarbeiteten sie zu Käse.

Nicht nur sie, auch ihr zwölfjähriger Sohn ist hier aufgewachsen. In ihrem urgemütlichen Häuschen mit den kleinen Türchen und Kesseln an den Wänden, umrahmt von einem Hof mit riesiger Buche und einem Gemüse- und Kräutergarten, besuchen sie die verschiedensten Leute aus der Region und auch Touristen. Regelmässig ist auch ihr Freund da, ihre alte Jugendliebe. Auch an diesem Abend sitzt der Landwirt, angelehnt an die kühlen Mauern des Hauses, draussen, um später mit ihr Grillfleisch und Salat zu essen.

Bis die Leute zum Essen eintreffen, stellt Sibylle Mascetti frisch gepflückte Blumen bereit und holt bei ihren Hühnern frische Eier. Dann ist sie bereit für ihre Gäste. Sie glaubt an eine Fortsetzungsgeschichte: «Ich denke, dass auch mein Neffe eines Tages die Familientradition weiterführen wird.»

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