15. März 2019

Einige Mobbingopfer leiden noch heute

Wer in der Schule schikaniert wurde, spürt die Folgen oft sein Leben lang. Gemobbte und Mobber erzählen, wie sie heute auf diese Zeit zurückblicken.

Rahel Acher
Rahel Acher (34), Wabern BE, Lehrerin; gemobbt, weil sie «nervte»
Lesezeit 17 Minuten

«Ich wurde als 12-Jährige gemobbt – eine Erfahrung, die für mich später als Lehrerin sehr wesentlich war, damit ich einen besseren Weg fand, in meinen Klassen mit diesem Thema umzugehen. Meine Oberstufenlehrerin hatte damals im Kreis der ganzen Klasse gefragt, was genau meine Kameraden an mir störe. Ich sass da und hörte von 20 Kindern, was für eine Niete ich sei und wie sehr ich nerve. Das war ein sehr prägendes Erlebnis. Ich war damals nicht die Schlankste, nicht sehr selbstbewusst und hatte kein Gefühl für Grenzen, habe mich wohl gelegentlich auch aufgedrängt. Irgendwie empfand ich mich als komisch und anders – möglicherweise habe ich das ausgestrahlt und damit auch diese Reaktionen provoziert. Der Schulleiter hatte noch eine andere Erklärung; er sagte mir damals: ‹Du wirst es weit bringen, das wissen sie schon jetzt.›

Rahel Acher im Jahr 1996, in einem Fotoautomaten
Rahel Acher im Jahr 1996, in einem Fotoautomaten

Wenn ich heute zurückblicke, bin ich ‹dankbar› für diese Mobbingerfahrung, denn sie hat mir ermöglicht zu erkennen, dass die Welt grösser sein kann als das eigene Heimatdorf. Und sie hat mich auch offen und tolerant gemacht, einen Teil meines Charakters geprägt. Aber ich fühle mich bis heute in Gruppen anfangs nicht wohl und brauche viel Sicherheit, bevor ich mich öffne. Allerdings ist das dank vieler positiver Erfahrungen weniger geworden. Und alles in allem ist mein Leben seither positiv verlaufen. Zudem verstehe ich als Erwachsene die Motive meiner Mitschüler und weiss, dass sie selbst zu Hause viele Probleme hatten oder mit sich selbst. Sie waren nicht so perfekt und glücklich,wie ich es mir vorstellte.

Meinen damaligen Mobbern würde ich gerne sagen: ‹Ja, ich war speziell und ich kann verstehen, dass ihr mich seltsam fandet. Aber genau dann, als ihr mich gemobbt habt, hätte ich ein paar Freunde am Nötigsten gehabt.› Direkt ausgesprochen haben wir uns nie, aber später als Erwachsene konnten wir normal ‹smalltalken›.»

Katharina Wellstein (30), Zürich, Doktorandin in Neurowissenschaften; ausgegrenzt wegen Aussehen und Interessen
Katharina Wellstein (30), Zürich, Doktorandin in Neurowissenschaften; ausgegrenzt wegen Aussehen und Interessen

Ich kann mich inzwischen wieder leiden

«Ich wurde in der Schule ausgegrenzt, war mir aber selbst nie sicher, ob das wirklich so ein Problem ist, weil es ja durchaus hätte schlimmer sein können. Doch gerade das war tückisch. Umso mehr ich nie recht verstanden habe, weshalb. Ich fand einfach nirgends Anschluss, die anderen gaben mir zu verstehen, dass ihre Gruppe mit mir uncool wäre und machten sich hintenrum lustig über mein Verhalten, mein Aussehen, meine Interessen. Schliesslich versuchte ich durch Abnehmen, besser reinzupassen, und entwickelte dadurch eine Essstörung. Zum Glück hatte ich in dieser Zeit eine Freundin ausserhalb der Schule. Zwar habe ich mit ihr nie über all das gesprochen, aber sie bot mir eine willkommene andere Welt.

Gleichzeitig fand ich, dass ich eigentlich schon gut sei, wie ich war, und dass viele der anderen Jugendlichen einfach Mitläufer waren. So blieb ich mir also selbst treu, verlor aber eine gewisse Leichtigkeit. Ich baute eine harte Schale auf, die auch heute keinen richtig reinlässt. Ich zeige keine Schwäche und bin rasch überfordert, wenn eine andere Person sich emotional für mich interessiert. Zwar bin ich glücklich verheiratet und habe gute langjährige Freundschaften. Meine harte Schale erschwert aber manchmal den Umgang mit Freundinnen und Freunden. Das ist schade und macht mich traurig. Ich muss jetzt neu lernen, auch Weichheit zu zeigen, Freundschaften zuzulassen und diese tief gehen zu lassen.

Katharina Wellstein 2009 – die schlimmste Phase der Essstörung war gerade überwunden.
Katharina Wellstein 2009 – die schlimmste Phase der Essstörung war gerade überwunden.

Auch traurig ist, dass ich nicht von der Schulzeit schwärmen kann wie so viele andere. Vor ein paar Monaten habe ich mir Chatkonversationen aus dieser Zeit angesehen. Sie zeigen, dass ich mir die Ausgrenzung nicht eingebildet habe. Sie zeigen aber auch, dass ich mich in meiner dunklen Ecke und im Alleinsein eingerichtet hatte und nicht zwischen den Zeilen lesen konnte. Es gab da durchaus die eine oder andere ausgestreckte Hand, ich habe sie einfach nicht genommen. Aus Stolz? Kann gut sein.

Auch eine frühere Klassenkameradin, die ich kürzlich getroffen habe, bestätigte mir die damalige Ausgrenzung und entschuldigte sich. Ich musste weinen, was mich selbst überraschte. Erst da realisierte ich, wie nah mir das noch immer geht.

Es gibt auch einige positive Konsequenzen: Ich habe mich gut kennengelernt, meine Essstörung überwunden, erkenne Mobbing schneller als andere und greife ein – und ich kann mich inzwischen wieder ganz gut leiden.»

Claudia Seitz (57), Ermatingen TG, Luftverkehrsangestellte; als «Streberin» gemobbt
Claudia Seitz (57), Ermatingen TG, Luftverkehrsangestellte; als «Streberin» gemobbt

Ohne das Mobbing wäre ich heute vermutlich selbstbewusster

«Ich wurde ab dem Kindergarten über die gesamte Schulzeit hinweg bis Ende der Sekundarschule gequält. Als gute Schülerin, die immer gern gelernt hat, war ich schnell als Streberin verschrien und erlebte physische und psychische Schikanen durch verschiedene Mitschüler. Ich war eher scheu und getraute mich nicht, mich zu wehren. Da flogen schon mal Schneebälle, gefüllt mit Steinen, und da ist diese Knieverletzung, welche nie ganz heilte; ich war gestossen worden und auf ein Eisengitter gefallen. Einmal gab mir der Anführer der Mobber – wir waren sechs-, siebenjährig – in einem gelben Kesselchen gar seinen Urin zu trinken. Ich naives Ding dachte, es sei Wasser! Immerhin habe ich ihm den Kessel postwendend an den Kopf zurückgeschossen.

Die dummen Sprüche von wegen Streber versuchte ich zu ignorieren – es stimmte ja, ich lernte gern. Und wenn dann die Lehrerin wieder einen Aufsatz von mir vorgelesen hatte, war ich eben auch stolz auf mich. Gegenüber meinen Eltern mochte ich nicht viel erwähnen. Sie hatten genügend andere Sorgen, weil meine Schwester nach einem Autounfall viele Therapien machen musste, was die Familie schwer belastete. Es war auch einfach eine andere Zeit, man war sich dieses Themas noch nicht so bewusst. Die Lehrkräfte damals waren auf dem Pausenplatz zwar anwesend, aber sie unterhielten sich lieber, als genauer hinzuschauen.

Claudia Seitz 1967 in den Ferien im Tessin
Claudia Seitz 1967 in den Ferien im Tessin.

Jahre später, bei einer Klassenzusammenkunft, hatte ich dann aber meinen späten Triumph über alle Spötter. In der Sekundarschule mussten wir einen Vortrag über unseren Traumberuf halten. Meiner war Flight Attendant – damals hiess er noch Airhostess und hatte natürlich noch ein ganz anderes, viel höheres Ansehen als heute. Nachdem ich meinen Vortrag gehalten hatte, bekam ich immer ‹Hähä, d Hoschtess chunnt› und andere Nettigkeiten zu hören. Doch ich verfolgte meinen Plan konsequent und hob im Juli 1984 mit knapp 23 Jahren das erste Mal mit der Swissair ab. Die Arbeit gab mir Selbstvertrauen und Weltgewandtheit. Bei der Klassenzusammenkunft erzählte ich Anekdoten aus der Fliegerei, und alle hörten mir schwer beeindruckt zu.

Aber bis heute denke ich nicht wirklich gern an meine Schulzeit zurück. Ausserdem bin ich sehr aufmerksam, wenn geschrien oder gestritten wird. Und scheue mich dann auch nicht, etwas zu sagen, um den Streit zu beenden, war mir meist gut gelingt. Wäre meine Tochter auf irgendeine Weise gemobbt worden, hätte ich das Gespräch mit Lehrern und Eltern gesucht. Und umgekehrt habe ich meinem Kind mitgegeben, dass niemand ausgegrenzt wird wegen irgendeinem Nicht-konform-Sein jeglicher Art. Ihre Schulzeit war aber völlig unproblematisch, und sie hat sich immer für die Schwächeren in der Klasse eingesetzt.

Vermutlich wäre ich ohne das Mobbing heute selbstbewusster, würde mein Licht weniger unter den Scheffel stellen und mir mehr zutrauen. Aber ich arbeite daran. Und ich möchte aufrütteln: Lehrer und Eltern, schaut und hört hin, fragt nach und greift ein, wo es nötig ist!»

Mara Bollinger (23), Therwil BL, Köchin; gemobbt wegen ihresmännlichen Looks
Mara Bollinger (23), Therwil BL, Köchin; gemobbt wegen ihresmännlichen Looks

Auch zu mobben, war meine Überlebensstrategie

«Bis zur zweiten Oberstufe hatte ich kurze Haare, zog mich wie ein Junge an und benahm mich auch so. Dadurch gab ich mir mehr Möglichkeiten, wild zu sein oder Blödsinn zu machen. Dass ich anders war, bekam ich oft zu spüren. Der Grund war offensichtlich mein Äusseres: Für die anderen in der Klasse, und auch für viele Lehrer, war es schwierig, mich als Mädchen wahrzunehmen. Stattdessen wurde ich verspottet. Wenn ich ins Klassenzimmer kam, war mein Pult zum Beispiel völlig mit Kaugummis verklebt, und alle riefen ‹Du Zwitter!›. Zum Glück hatte ich auch einen besten Freund, den Klassenclown, der mich immer sehr verteidigte und mit dem ich heute noch befreundet bin. Mit 14, 15 Jahren begann ich dann allmählich, mich zu schminken und wie ein Mädchen zu kleiden – aber im Emo-/Gothic-Stil, das war dann auch wieder nicht recht.

Mara Bollinger im Jahr 2007 – damals kleidete sie  sich wie ein Junge.
Mara Bollinger im Jahr 2007 – damals kleidete sie sich wie ein Junge.

Ich habe aber teilweise auch bei anderen mitgemobbt. Wir hatten zwei in der Klasse, die immer zusammenhingen und ziemlich stark rochen. Über die wurde auch dauernd hergezogen, und da habe ich als Mitläuferin ab und zu mit dummen Sprüchen mitgemacht – schlicht, weil ich wusste, dass ich dann selbst nicht drankommen würde; es war quasi eine Überlebensstrategie. Damals war mir nicht bewusst, was ich damit anrichte, heute habe ich deswegen ein schlechtes Gewissen.

Einem meiner grössten Quälgeister begegnete ich in einer höheren Schulstufe wieder, doch er erkannte mich nicht und flirtete vor allen anderen mit mir. Ich habe ihn dann konfrontiert, aber er konnte sich nicht vorstellen, dass ich dieselbe Person bin. Entschuldigt hat er sich nicht. Auch ich habe mich bei den anderen beiden nicht entschuldigt, ich habe sie aus den Augen verloren. Um dennoch damit abschliessen zu können, habe ich ihnen einen Entschuldigungsbrief geschrieben und ihn dann verbrannt.

Das Mobbing hat dazu geführt, dass ich mich eher zurückziehe und nicht gut darin bin, Beziehungen zu anderen aufzubauen. Aber ich habe durch all das auch viel über Rollenbilder gelernt und vielleicht auch schneller zu mir selbst gefunden.»

Ich genoss es, Macht auszuüben

Joachim P.* (72), Kanton Aargau, pensionierter Ingenieur

«Ich habe in meiner Jugend mehrmals gemobbt. In der Mittelschule, mit etwa 14 Jahren, verspottete ich einen Mitschüler regelmässig als ‹Fettsack›. Er war etwas rundlich und kam aus dem Ausland. Andere machten mit, aber ich war der Rädelsführer. Zu meinen Opfern zählte auch meine jüngere Schwester. Sie war als Teenager eher zurückhaltend. Unter der Woche wohnte sie in einem Internat, und wenn sie am Wochenende heimkam – ich war damals ein Student Anfang 20 –, piesakte ich sie, spottete wie jung sie noch sei und dass sie ja sowieso noch ein Kind sei. Und das ohne jeglichen Grund, eigentlich war sie ein liebenswürdiges Mädchen.

Das ging so lange, bis mein Vater nach etwa einem halben Jahr ein Machtwort sprach und mich zur Rede stellte. Dann hörte ich auf und bat sie um Entschuldigung. Und schliesslich entwickelte ich ein überdurchschnittlich gutes Verhältnis zu ihr. Leider hatte ich nie die Gelegenheit, mein Verhalten bei meinem Mitschüler wiedergutzumachen, was ich noch heute sehr bedaure.

Der Grund für mein Verhalten war reine Machtgier. Ich genoss es, auf diese Weise über einen Schwächeren Macht auszuüben. Und ich muss gestehen, dass dies auch später ab und zu vorkam – es gehört wohl ein Stück weit zu meinem Charakter. Vermutlich komme ich diesbezüglich nach meiner Mutter. Sie war ein ausgesprochener Machtmensch und hat gegenüber meinem Vater und uns Kindern ihre Macht durchgesetzt, teilweise sogar mit unfairen Mitteln. Sie hat auch nie etwas unternommen, wenn ich meine Schwester verspottet habe.

Seit ich mir dessen bewusst bin, kann ich diese Impulse aber recht effektiv zügeln. Ausserdem habe ich dadurch gelernt, wie man am besten mit Leuten umgeht, die ihre Macht missbrauchen. Man muss entschieden und bestimmt auftreten und klarmachen: Mit mir nicht! Dann ist meist rasch Ruhe.»

*Name der Redaktion bekannt

Claudia Potzmann (37), Sarmenstorf AG, Tierschützerin; gemobbt, weil sie dick war
Claudia Potzmann (37), Sarmenstorf AG, Tierschützerin; gemobbt, weil sie dick war

Ich wünsche mir, dass meine ehemaligen Mitschüler sich schämen

«Mein grösster Wunsch ist es, dass meine ehemaligen Mitschüler mich hier sehen und sich in Grund und Boden schämen für das, was sie mir angetan haben. Ich war ein dickes Kind, habe immer gern gegessen, und es fehlte wohl damals in der Familie das Bewusstsein für gesunde Ernährung.

Das Mobbing ging in der Primarschule los, wurde immer schlimmer und endete erst am letzten Schultag in der Oberstufe. ‹Fette Sau› bekam ich zu hören, meine Pausen verbrachte ich versteckt auf der Toilette, auf dem Heimweg wurde ich geschlagen; auf meinem Körper wurden Zigaretten ausgedrückt, ich wurde eingesperrt und ausgelacht. Und niemand half mir …

Claudia Potzmann im Jahr 1997 – sie mochte es damals gar nicht, fotografiert zu werden.
Claudia Potzmann im Jahr 1997 – sie mochte es damals gar nicht, fotografiert zu werden.

Ich leide noch heute an diesen Erfahrungen und werde sie wohl trotz Traumatherapie ein Leben lang mit mir herumtragen. Nach vielen erfolglosen Diätversuchen habe ich mit einer Ernährungsumstellung und viel Disziplin mein Idealgewicht erreicht und bin richtig zufrieden damit. Aus dem hässlichen, dicken Entchen ist ein strahlender Schwan geworden. Ab und zu bin ich sogar als Model aktiv, was ich als schöne Bestätigung empfinde.

Ich habe mich mit den Mobbern nie ausgesprochen, würde auch niemals an einem Klassentreffen teilnehmen, denn ich will diesen Leuten nie wieder begegnen. Aber ich hoffe, dass sie mich hier sehen und sich Gedanken machen. Wenn nur einer deswegen ein schlechtes Gewissen hätte, wäre das eine Genugtuung für mich.»

Katja Bätschmann (47), Villnachern AG, Hausfrau und Mutter, IV-Rentnerin; gemobbt wegen ihres Aussehens
Katja Bätschmann (47), Villnachern AG, Hausfrau und Mutter, IV-Rentnerin; gemobbt wegen ihres Aussehens

Nach einem halben Jahr nahm ich eine Überdosis Schlaftabletten

«Ich wurde in der Oberstufe über fünf furchtbare Jahre gemobbt. Warum genau, weiss ich eigentlich bis heute nicht, ich war einfach nicht beliebt. Vielleicht lag es an meinem Aussehen, ich war sehr dünn, trug eine Brille, hatte kurze Haare, und man fand, ich sehe aus wie ein Bub. Dauernd kamen dumme Sprüche, ich sei hässlich und dumm; niemand wollte mit mir zusammen sein auf dem Pausenplatz, ich gehörte zu keiner der Gruppen.

Am Schlimmsten war das 10. Schuljahr in der Berufswahlschule. Nach einem halben Jahr wollte ich mich umbringen und nahm eine Überdosis Schlaftabletten. Ich wurde rechtzeitig gefunden und ins Spital gebracht, aber am nächsten Tag musste ich gleich wieder zur Schule, damit niemand was merkte – obwohl ich noch fix und fertig war von den Tabletten.

Katja Bätschmann im Jahr 1984. Sie hasste das Bild so sehr, dass sie es zerriss (Foto wiederhergestellt).
Katja Bätschmann im Jahr 1984. Sie hasste das Bild so sehr, dass sie es zerriss (Foto wiederhergestellt).

Meinen Eltern habe ich nie etwas erzählt, ich habe mich zu sehr geschämt. Erst seit einem Jahr wissen sie vom Mobbing. Auch in der psychiatrischen Behandlung nach dem Suizidversuch habe ich nichts erzählt. Ehrlich gesagt weiss ich nicht, wie ich überlebt habe. Aber es war wirklich nur ein Überleben. Ich bekam dann Bulimie und habe nun seit 30 Jahren Essstörungen.

Heute habe ich erstmals einen richtig guten Psychologen, mit dem ich über alles reden kann. Seither wächst mein Selbstvertrauen langsam, und ich habe nun etwas Hoffnung für die Zukunft. Aber ich sehe auch, wie viel ich im Leben verpasst habe, weil ich mich nichts getraut habe. Ich hatte immer Angst, etwas Falsches zu sagen und fand mich dumm und hässlich. Meinen eigenen Kindern habe ich immer erklärt, dass sie niemanden mobben dürfen und Schwächeren zur Seite stehen sollen. Das haben sie auch getan.

Ausgesprochen habe ich mich mit meinen Mobbern nie, mit denen würde ich auch heute nichts zu tun haben wollen. Sie haben mein Leben zerstört.»

Gina Hasler (67), Rupperswil AG, pensionierte  Marketingmanagerin; gemobbt wegen ihrer roten Haare
Gina Hasler (67), Rupperswil AG, pensionierte Marketingmanagerin; gemobbt wegen ihrer roten Haare

Sie nannten mich Hexe und bekreuzigten sich

«Ich wurde in einem stockkatholischen 500-Seelen-Dorf geboren – als einziges rothaariges Mädchen unter lauter braunhaarigen Kindern. Nicht nur andere Kinder, auch Erwachsene nannten mich Hexe und bekreuzigten sich, wenn sie mich sahen. Das belastete mich besonders. Eine Mutter brachte regelmässig ihre Kinder vor mir in Sicherheit, wenn sie mich kommen sah. Auslachen und an den Haaren ziehen war schon fast Alltag. Zu Hause konnte ich nichts erzählen; bei meinem Vater hätte das ungute Gefühle ausgelöst, da die roten Haare aus seiner Familie vererbt waren. Und meine Mutter hatte genug andere Probleme.

Hoffnung machte mir einzig die Dorfcoiffeuse. Mit etwa elf Jahren flehte ich sie an, mir die Haare schwarz zu färben. Das durfte sie natürlich nicht, aber sie prophezeite mir, dass ich dereinst wegen meiner Haare ein von Männern umschwärmter Teenager sein würde – womit sie tatsächlich nicht Unrecht hatte: Ich konnte es zuerst gar nicht glauben, als es mir zum ersten Mal passierte und fragte mich zuerst besorgt, ob der Typ mich hochnehmen will. Aber plötzlich waren die roten Haare attraktiv, die ich übrigens mein ganzes Leben lang behalten habe.

Gina Hasler im Jahr 1962, am Tag ihrer Firmung
Gina Hasler im Jahr 1962, am Tag ihrer Firmung

Als Kind legte ich mir schliesslich eine Überlebensstrategie zu. Anstelle von Rückzug und Mauerblümchendasein wählte ich die Vorwärtsstrategie: Nichts kann mir etwas anhaben! Immer setzte ich ein Pokerface auf. Als Folge dieser 13 Jahre Mobbing, die erst mit dem Umzug in ein viel grösseres Dorf endeten, hat mein Aussehen und das von anderen bis zum heutigen Tag eine unangemessen grosse Bedeutung. Möglicherweise war es deshalb schwieriger, Beziehungen zu knüpfen, jedenfalls war ich meistens ein glücklicher Single.

Nach 30 Jahren gab es ein erstes Klassentreffen. Bei dieser Gelegenheit offenbarte ich, dass mir dieses Mobbing damals sehr zugesetzt hatte. Niemand konnte sich erinnern, dass das überhaupt passiert war, was mich schon erstaunt hat. Aber egal – ich bin heute eine zufriedene Frau, die beruflich einiges erreicht hat. Und ich kann mit Überzeugung sagen: Was einen nicht umhaut, macht einen stark.»

Ich bin gut darin, wunde Punkte zu finden

Andrea H.* (38), Kanton Zürich, Personenschützerin; gemobbt wegen ihres Aussehens

«Ich lieferte in meiner Jugend eine grosse Angriffsfläche: rote Haare, Sommersprossen, schiefe Zähne mit Spange. Ausserdem lasse ich mich seit je von Gruppendynamiken nicht vereinnahmen, ich verbiege mich nicht und passe mich auch bei Widrigkeiten nur selten an. Im Reich der Pferde fand ich den Ausgleich zur schwierigen Menschenwelt, und im Beruf als Baumalerin konnte ich mich körperlich wie auch kreativ ausleben.

Vor allem diejenigen, die es daheim selbst nicht leicht hatten, suchten mich als Opfer aus – sie gaben das weiter, was sie selber erfahren hatten. Die Mobberei ging auch in der Lehre weiter und zog sich bis zur Meisterschule hin, da war ich 25. Allerdings war ich dort nicht nur Opfer, sondern auch Täterin. Wir hatten einen anstrengenden Schüler in der Klasse, einen Besserwisser, der seine kleine Statur mit einer grossen Klappe kompensierte. Es nervte mich, dass er sich immer so in den Vordergrund drängte, das war rückblickend wohl der Grund für mein Verhalten. Ich bin sehr gut darin, bei anderen die wunden Punkte zu finden und auf ihnen herumzureiten. Noch heute erwische ich mich ab und zu dabei, dass mir Menschen in meinem Umfeld auf die Nerven gehen.

Dann jedoch drehte sich der Wind. In der Meisterschule war ich die einzige Frau in der Klasse, und es gelang dem Besserwisser, die anderen gegen mich aufzubringen. Die Situation eskalierte so sehr, dass ich meinem Lehrer einen Brief schrieb, um ihm mitzuteilen, dass ich das Mobbing nicht mehr aushalte und nicht mehr kommen würde. Daraufhin kam es zu einer Aussprache in der Klasse, und ich konnte die Schule doch noch beenden.

Eine Frau, die auch zu meinen Opfern zählte, konfrontierte mich später und sagte mir, dass sie meinetwegen zum Psychiater musste, weil sie es nicht mehr aushielt. Das hat mich schockiert, umso mehr, als mir mein Verhalten ihr gegenüber gar nicht so bewusst gewesen war. Seither achte ich viel stärker darauf, wie ich mit anderen umgehe. Ich bin generell eher undiplomatisch, und wenn mir dann wieder mal etwas herausrutscht, spreche ich das gleich an und entschuldige mich – meistens jedenfalls. Wenn ich feststelle, dass ich nicht recht habe, stehe ich dazu.»

*Name der Redaktion bekannt

Kerey McCorri (27), Zürich, Coiffeur; gemobbt, weil er sich wie ein Mädchen gab
Kerey McCorri (27), Zürich, Coiffeur; gemobbt, weil er sich wie ein Mädchen gab

Ich habe mich nie bloss als Opfer gesehen

«Ich bin Transgender und stehe auf Männer. Während meiner Schulzeit sah ich wie ein Mädchen aus und verhielt mich auch so. Ich wurde ständig beschimpft, ab und zu auch geschlagen. Ich habe mich dann meist rasch zurückgezogen. Erst gegen Ende wurde es besser, da kam ich dann in eine recht coole Klasse. Einige Lehrer haben mir da auch geholfen, einer allerdings hat mich gegen meinen Willen gegenüber meinen Eltern geoutet, was zu grossen Schwierigkeiten mit meinem muslimischen Vater führte. Inzwischen ist er darüber hinweg; das Verhältnis ist heute entspannt. Dafür bin ich immer wieder mal mit Trans- oder Homophobie konfrontiert, wenn ich ausgehe.

Kerey McCorri auf einem Selfie aus dem Jahr 2007
Kerey McCorri auf einem Selfie aus dem Jahr 2007

Letztlich hat mich das Mobbing stärker gemacht. Es hat mir gezeigt, wie ich niemals werden will, und es hat mich zum Denken angeregt. Ich habe mich nie bloss als Opfer gesehen, sondern versucht, mir im Klaren zu werden, was ich will und wie mein Umfeld sein soll. Und ich finde es wichtig, dass Schwule und Transmenschen sich nicht einschüchtern lassen, sondern sich zeigen.

Vielleicht hat auch der Karatekurs geholfen – anwenden musste ich das zwar noch nie, aber es verleiht mehr Selbstbewusstsein. Inzwischen habe ich von einer früheren Mitschülerin etwas über einen Jungen gehört, der mich damals in der Schulzeit mobbte: Er habe jetzt total Respekt vor so starken Schwulen wie mir.»

Petra S. (38), Wigoltingen TG, Hausfrau und Mutter; gemobbt wegen ihrer Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte
Petra S.* (38), Wigoltingen TG, Hausfrau und Mutter; gemobbt wegen ihrer Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte

Das Schreiben war meine Art, alles zu verarbeiten

«Ich bin mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte (LKGS) auf die Welt gekommen. Ab der vierten Primarklasse wurde ich deswegen gemobbt. Die schlimmste Zeit war die Oberstufe: Da wurde ich von einer Mitschülerin in der Parallelklasse und von ihren Lemmingen regelmässig gedemütigt. Mein Fahrrad wurde beim Lehrerunterstand eingestellt, so dass ich warten musste, bis ein Lehrer kam, um es wieder zu bekommen. Nach dem Turnunterricht etwa wurde ich samt Kleidern unter die Dusche gestellt, und alle schauten zu. Es ging so weit, dass ich mich ein paar Tage lang weigerte, überhaupt in die Schule zu gehen. Also intervenierte meine Mutter, aber dadurch wurde es leider auch nicht besser. Vermutlich waren meine Lehrer einfach überfordert.

Petra S. auf einem Klassenfoto aus dem Jahr 1992
Petra S. auf einem Klassenfoto aus dem Jahr 1992

Ich biss mich durch – auch durch die Lehre als kaufmännische Angestellte, in der ich erneut angemacht wurde, so dass ich sie nur mit Ach und Krach durchgestanden habe. Mein Selbstbewusstsein war und ist entsprechend unterirdisch, deshalb konnte ich auch in der Arbeitswelt nie wirklich Fuss fassen.Das führte immer wieder zu Problemen, teils auch zu Mobbing – bei einer Versicherung ging das soweit, dass der Chef mir nahegelegte zu kündigen, was ich dann auch tat.

Es ist aber auch etwas Positives entstanden: Als Kind verbrachte ich viel Zeit allein in meinem Zimmer und fing an zu schreiben, zuerst Kurzgeschichten, später Gedichte. Das war meine Art, alles zu verarbeiten. Teilweise konnte ich das später auch veröffentlichen.

Eine Gelegenheit, mich mit den Mobbenden auszusprechen, gab es nie, aber ich habe auch kein Bedürfnis dazu. Die würden es nicht einsehen, dass sie damals was Falsches getan haben. Was mich aber enorm beschäftigt: Mein fünfjähriger Sohn ist auch mit LKGS auf die Welt gekommen. Ich hoffe wirklich sehr, dass er eine bessere Schulzeit haben wird als ich. Ich habe ihn von Anfang an so gut wie möglich ins Dorfleben zu integrieren versucht – vielleicht ist auch deshalb bisher alles gut gegangen. Auch für mich ist es heute einfacher, neue Kontakte zu knüpfen. Viele Menschen sind offener geworden gegenüber dem Anderen.»

*Name der Redaktion bekannt

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