25. Januar 2018

Ein Einhorn kommt selten allein

Sie sind bunt. Sie sind süss bis kitschig. Sie sind nicht real und doch überall, neuerdings sogar auf WC-Papier: Einhörner boomen, ein Ende ist nicht abzusehen. Doch was steckt hinter dem Mythos? Zwei Frauen erklären ihre Faszination für das magische Fabelwesen.

Lesezeit 5 Minuten

Auf Instagram gibt es fast 7,5 Millionen Fotos mit dem Hashtag «Unicorn», also Einhorn. Darauf zu sehen sind aufblasbare Einhörner und solche aus Plüsch. Einhorn-Lippenstifte, -WC-Papier, -Schokolade, -Kondome. Aber auch Menschen, die sich als ­Unicorn bezeichnen, wie etwa die ­Sängerin Erykah Badu. Oder ­Frauen, die ihre Haare im Farbton Unicorn tragen – von Pink über Violett zu Mintgrün oder Blau.

Einhörner sind ein Hype, der nicht abzuflachen scheint. «Es ist ausser­gewöhnlich, dass so viele Firmen auf diesen Zug aufgesprungen sind – auch namhafte», sagt Adrienne ­Suvada, Marketingexpertin der ­Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Normalerweise nehme ein solches Phänomen vor allem in den sozialen Medien seinen Lauf. Durch die vielen Produkte gewinne der Einhorn-Trend nun immer mehr Anhänger. «Dass die Medien darüber berichtet und Wissenschaftler hinzugezogen haben, hat dem Ganzen eine gewisse Relevanz verliehen», sagt Suvada.

EINE AUSWAHL AN EINHORN-PRODUKTEN MIT BEZUGSQUELLE

Damit ein Hype überhaupt entstehen kann, braucht es laut Trendexperte Daniel Levine drei Dinge: Promis müssen sich für das Thema interessieren, es auf den sozialen Medien teilen. Zudem muss ein kulturelles Interesse vorhanden sein, das sich mit dem Zeitgeist deckt. Und das Thema muss optisch ansprechend sein.

Um den Ursprung des Einhorn-Mythos zu finden, muss man zurück in die Antike reisen. Auf Bildern, die eigentlich einen Auerochsen im Profil zeigten, sah man nicht zwei Hörner, sondern nur eines: Das Einhorn war geboren. Zum Beispiel in einer Freskendarstellung auf dem Ischtar-Tor, das 600 Jahre vor Christus in Babylon entstand und sich heute im Berliner Pergamon-Museum befindet.

Am Anfang stand der Auerochse
Auch die Oryxantilope wurde gelegentlich verdächtigt, ein Einhorn zu sein. Und sogar in die Bibel hat es das ­Einhorn geschafft – dank eines Übersetzungs­fehlers: Als das Alte Testament ins Griechische übersetzt wurde, hiess das wilde, ­kräftige Tier Re’em, also Auer­ochse, schliesslich Monokeros, zu Deutsch Einhorn. Aufgrund dieses Auftritts in der Bibel glaubten die Menschen fortan an das Einhorn. Magische Kräfte, Edelmut und Güte sagte man ihm allerdings erst im Mittelalter nach. Bereits damals betrieben Menschen Marketing: Sie verkauften Pulver, das vermeintlich vom Horn des Einhorns stammte und heilende Kräfte besitzen sollte. Auch deshalb verwenden einige Apotheken noch heute das Einhorn als Symbol.

Seither wurde das Einhorn immer wieder in Fabeln erwähnt, man sagte ihm nach, dass es nur von reinen Jungfrauen gezähmt werden konnte. Einen ersten Einhorn-Trend löste der Film «The Last Unicorn» im Jahr 1982 aus. Seither wird das Fabeltier oft in Zusammenhang mit Individualität und Reinheit, aber auch Stärke gebracht.

Heute sind vor allem erwachsene Frauen von Einhörnern fasziniert. Laut Adrienne Suvada könnte dahinter eine Art Flucht in eine Märchenwelt stecken. «Die weltweite Verunsicherung, Terroranschläge und Katastrophen begünstigen das. Man assoziiert das Einhorn mit einer schönen, unbeschwerten Zeit.» Letztlich sei ein Einhorn ja auch einzigartig und individuell. «Wir Menschen sind Herdentiere. Trotzdem wollen wir uns differenzieren, wozu sich der Einhorn-Hype gut eignet.»

ZWEI EINHORNFANS

Ich will nicht erwachsen werden

Nives Arrigoni, Journalistin

«Ich hatte schon immer bunte Haare. Irgendwann haben mich meine Follower auf Instagram mit dem Einhorn verglichen. So hat alles angefangen. Inzwischen heisst es auch in meinem Freundeskreis ‹Nives, unser Unicorn›. Ich bin eine sehr verspielte Person und habe das Peter-Pan-Syndrom, will also nicht erwachsen werden. Für mich sind Einhörner sehr majestätisch. Es sind ja Fabelwesen, und sie nehmen mich mit in eine heile Welt. Es geht mir nicht darum, aus der realen Welt zu flüchten. Aber den grauen Alltag oder Schlimmes, das auf der Welt passiert, können sie schon verblassen lassen, weil sie so herzig, farbig und glitzernd sind. Das fasziniert mich und zaubert mir jedes Mal ein Lächeln ins Gesicht. Mit Pferden habe ich sonst eigentlich gar nichts am Hut. Aber Einhörner sind anmutig, stark und kämpferisch, weil sie von den Pferden abstammen. Ich glaube nicht, dass Einhörner tatsächlich mal existiert haben, und ich würde mich auch nicht als spirituell bezeichnen. Aber ich denke, sie haben den Menschen geholfen, Geschichten plastischer zu erzählen.»

Einhorn-Fan Nives Arrigoni
Journalistin Nives Arrigoni

Ich spinne ein bisschen, aber das ist völlig ok

Alexandra Kruse (39), Stylistin

«So richtig mit den Einhörnern angefangen hat es kurz vor der Geburt unseres Sohnes Kosmo 2012. Ich habe schon vor meiner Schwangerschaft spontan ein Plüsch-Einhorn gekauft. Seither begleiten mich die Einhörner, haben quasi das Kind mit auf die Welt gebracht. Und sie haben mir geholfen, auf meine Intuition zu hören.
Einhörner stehen für ein buntes Leben, bringen mir Freude und sind etwas extrem Positives. Mich fasziniert vor allem das Horn. Es verleiht eine ganz spezielle Kraft. Ich sehe es nicht als Phallussymbol, denn Einhörner sind für mich unisex.

Aber das Fabelwesen gibt mir Kraft, es ist ein Krafttier. Und ich habe eine ganze Herde davon immer dabei – nicht physisch, aber in Gedanken. Mir haben die Einhörner geholfen, mich nicht mehr fehl am Platz zu fühlen. Durch sie weiss ich, dass es okay ist, anders zu sein. Being crazy is fine.

Darum sind die Einhörner jetzt auch kommerziell so ein Erfolg, darum gibt es dann halt auch Einhorn-Prosecco. Damit habe ich kein Problem. Obwohl ich spirituell tätig bin, liebe ich schöne, materielle Dinge. Dabei glaube ich, dass es heute ein viel grösseres und auch moderneres Verständnis für Spiritualität gibt als je zuvor. Und es geht nicht darum, ob man wirklich an Einhörner glaubt, sondern viel eher um deren Symbolkraft.

So direkt sagen es mir die Leute nicht, dass ich spinne. Aber auch wenn sie das hinter meinem Rücken, pardon: meinen Flügeln, tun, ist mir das egal. Klar ist es schwierig, das einzige Einhorn auf dem Ponyhof zu sein, sich als Erwachsene hinzustellen, zu sagen: Ja, ich glaube an Einhörner. Aber ich stehe dahinter. Ja, vielleicht spinne ich ein bisschen. So what.»

Stylistin Alexandra Kruse
Stylistin Alexandra Kruse

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