15. Januar 2018

Einfach zugreifen

Vor 70 Jahren führte die Migros die Selbstbedienung ein. Die neue Art des Einkaufens stiess anfänglich auf heftige Kritik.

Migros-Kunden in den 50er-Jahren
Migros-Kunden in den 50er-Jahren: Damals war die 1948 eingeführte Selbstbedienung schon vertraut und Teil des Schweizer Alltags.
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Im März 1948 geschah an der Zürcher Seidengasse Unglaubliches: In der neu eröffneten Migros-Filiale griffen Kundinnen und Kunden einfach in die Verkaufsregale, ohne um Erlaubnis zu fragen. Sie musterten die Produkte und stellten sie womöglich ins Regal zurück. Oder sie trugen die Ware in einem Körbchen zur Kasse, um zu bezahlen.

Diese Art des Einkaufens war in den USA damals schon weit verbreitet, in Kontinentaleuropa aber noch völlig neu. Bis anhin fand sich auch in der Schweiz in jedem Laden eine Verkaufstheke, die den Raum wie ein hölzernes Bollwerk trennte. Dahinter lag das Reich der Verkäufer, die über die Waren herrschten. Die Konsumenten durften nichts anfassen und begutachten, bevor sie es gekauft hatten. Zwar hiess es, der Kunde sei König – im Alltag war er aber ein Bittsteller.

Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler änderte das, als er das Konzept der Selbstbedienung in der Schweiz einführte. Die Idee stiess anfänglich auf heftige Kritik. «Amerikanische Methoden in Zürich» titelte eine Nachrichtenagentur abschätzig. Es hiess, die neue Art des Einkaufens sei unpersönlich und unschweizerisch. Spötter behaupteten, die Filiale an der Seidengasse sei ein Paradies für Ladendiebe.

Doch schon bald zeigte sich, dass die Kunden das Vertrauen der Migros zu schätzen wussten. Die Umsätze des ersten Selbstbedienungsladens waren besonders hoch.
Und mit der Zeit gehörte es zum Alltag, dass die Leute im Laden zugreifen durften.

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