02. November 2017

Einfach und luxuriös in Japan

Vom Michelin-Sterne-Mekka zu den Naturwundern: Die Reise von Tokio zu den Inseln Kyushu und Yakushima führt durch ein Land voller Gegensätze – und dorthin, wo Japan am japanischsten ist.

Das Wandergebiet Shiratani auf der Insel Yakushima
Das Wandergebiet Shiratani auf Yakushima gehört zu den Populärsten auf der Insel.

Die schlechte Nachricht zuerst: Tokio zählt zu den zehn gefährlichsten Städten der Welt – für das Portemonnaie. Heisst es. Und tatsächlich: Melonen von der nordjapanischen Insel Hokkaido etwa kosten im Supermarkt über 100 Franken, und 2013 wurde ein akut vom Aussterben bedrohter Blauflossenthunfisch auf dem Tokioter Tsukiji-Fischmarkt, dem grössten Fischmarkt der Welt, für den Rekorderlös von etwa 1,4 Millionen Franken versteigert.

Das hört sich abschreckend an, doch die gute Nachricht ist: Die Realität präsentiert sich anders. Für (Schweizer) Touristen ist die japanische Hauptstadt mit ihren über neun Millionen Einwohnern erstaunlich preiswert. Taxifahrten und Sushi-Restaurants (ab einem Franken für zwei Stück) sind grundsätzlich billiger und meist auch besser als in der Schweiz, in den Nudelshops (Udon und Soba) kosten Mahlzeiten durchschnittlich zwei bis vier Franken. Die familiengeführten Hotels der Japanese-Inn-Group bieten Doppelzimmer für rund 110 Franken an. Fast an jeder Ecke stehen Automaten mit Getränken ab 120 Yen, also umgerechnet rund einem Franken.

Meret Brunner vor ihrem Arbeitsort: dem Luxushotel Peninsula, das sich bei den kaiserlichen Gärten von Tokio befindet.

Tokio gehört zu den sichersten und saubersten Metropolen der Welt. «Ich schliesse mein Velo nicht ab. Und wenn ich das Portemonnaie verliere, erhalte ich es mit all meinem Geld zurück», sagt Meret Brunner (37). Sie arbeitet als Director of Rooms für das «Peninsula», das zu den besten Hotels der Stadt zählt. Die in Langnau i. E. aufgewachsene Bernerin absolvierte zunächst die Hotelfachschule in Luzern, dann ein Praktikum in Irland und Peking. Danach arbeitete sie für «Peninsula»-Häuser in New York und, von 2013 bis Anfang 2016, in Bangkok. Seit März 2016 lebt sie allein in Japan. Die Chefin von 140 Angestellten legt die rund zehnminütige Fahrt von ihrer Wohnung im ruhigen Stadtteil Akasaka dem kaiserlichen Garten entlang bis zum Luxushotel in der Nähe des noblen Stadtteils Ginza mit dem Velo zurück.

Das Viertel Ginza in Tokio ist bekannt für Nobelboutiquen und entsprechend prunkvolle Bauten.

Obwohl Meret Brunner einmal pro Woche bei einer Privatlehrerin Japanisch lernt und deshalb einfache Sätze beherrscht, sind die meisten ihrer Freunde Ausländer, die ebenfalls in Tokio leben und arbeiten. «In der Regel arbeite ich bis 19 Uhr und treffe danach Kollegen zum Abend essen oder höre ‹Echo der Zeit› oder ‹BBC News›. Am Wochenende kundschafte ich die Stadt aus. Ab und zu verliere ich mich in den Ladenpassagen mit ihren Restaurants», erzählt die Managerin.

227 Michelin-Restaurants in Tokio

Sie habe viele Hotelgäste, die nur wegen des Essens nach Tokio reisten, sagt Brunner. Sage und schreibe 227 Restaurants haben von Michelin 2017 die begehrten gleichnamigen Sterne erhalten; der Gastroführer adelt die Hauptstadt des viertgrössten Inselstaats im Pazifik zum Gourmet-Mekka. «Wir sind die Stadt mit den meisten Michelin-Sternen. Diese Restaurants sind mehrere Monate im Voraus ausgebucht», weiss die Touristikerin. Beim ältesten Drei-Sterne-Koch der Welt, dem 92-jährigen Jiro Ono, kosten zwölf Stück Sushi rund 300 Franken. Ein Abendessen bei «Ono» dauere eine halbe Stunde, wer zu viel Parfüm aufgetragen habe, bekomme einen Rüffel, weiss Brunner. Deswegen halte sie sich lieber an die preiswerten japanischen Gyoza-Teigtaschen, an Ramen-Nudelgerichte oder Wagyu-Rind, das selbst im luxuriösen «Peter» im Peninsula weniger koste als in den Michelin-Lokalen.

Zu Brunners Lieblingsplätzen zählt das Stadtviertel Harajuku mit seinen Boutiquen und breiten Boulevards, die an die Pariser Champs-Élysées erinnern. Dorthin gelangt sie am schnellsten mit der U- oder S-Bahn. «Entlang der Omotesando Avenue reihen sich Luxusläden von Dior, Gucci und Prada. Sobald man aber in die Seitenstrassen einbiegt, findet man attraktive Secondhand- Shops. In der Cat Street sind viele Vintageläden mit jungen japanischen Designern und gute ‹Beizli› eingezogen», sagt sie.

Besonders sonntags füllen sich die Trottoirs von Harajuku mit unzähligen Passanten. Doch die Hauptstadt hat auch eine ruhige Seite zu bieten: Wenige Fussminuten vom Bahnhof Harajuku entfernt, breitet sich die weitläufige Grünanlage des Meiji-Jingu-Schreins aus. Zeigte sich Tokio eben noch im globalisierten Einheitslook, trifft man nun auf traditionell gekleidete Einheimische, die zum Shinto-Schrein pilgern. Noch immer ist Shinto, die älteste Religion im Land der aufgehenden Sonne, im Alltag der Wirtschaftsmacht tief verwurzelt.

Es sind diese Kontraste, die Japan auch für Meret Brunner so faszinierend und fremd zugleich machen. Wir reisen weiter mit dem «Shinkansen» Richtung Süden: Sechs Sekunden beträgt die durchschnittliche Verspätung des pünktlichsten und sichersten Hochgeschwindigkeitszugs der Welt am Ankunftsbahnhof.

Wo Japan besonders japanisch ist: die Anlage um den Jingu-Schrein ausserhalb der Stadt Kirishima auf der Insel Kyushu.

Während Erstbesucher meist die Kansai-Region mit der einstigen Hauptstadt Kyoto und, weiter südlich, das durch den ersten Atombombenabwurf zerstörte Hiroshima und die landschaftlich schöne Insel Miyajima ansteuern, fahren wir weiter nach Kyushu, zur südlichsten der vier japanischen Hauptinseln. Flächenmässig rund zehn Prozent kleiner als die Schweiz, beherbergt Kyushu 13 Millionen Einwohner und zwei der eindrücklichsten Vulkangebiete der Welt. Hier zeigt sich Japan am japanischsten: Reisfelder wechseln sich ab mit bewaldeten Tälern, die von Flüssen und Bächen durchzogen sind.

Wellness auf Japanisch

Im Herzen von Kyushu befindet sich das Dorf Kurokawa. Es ist bekannt für seine heissen Quellen, auf Japanisch: Onsen. Mit dem Onsenpass, den man wie ein Amulett um den Hals trägt und der zu drei Bäderbesuchen berechtigt, wandert man in einen Kimono gekleidet von Quelle zu Quelle und geniesst im heissen Wasser Wellness auf japanische Art. Die meisten Touristen stammen aus Japan, China oder Korea – Euro­päer sind die Ausnahme.

Genauso selten sind Europäer in Kirishima. Die 180 Kilometer südlich von Kurokawa gelegene Stadt ist der Ausgangspunkt des Ausflugs zum Ebino-Plateau. Hier eröffnet sich dem Besucher eine faszinierende Landschaft aus Vulkanen, Kratern und Vulkanseen, die dem Land der 265 aktiven Feuerberge und jährlich 7000 Erdbeben alle Ehre macht.

Das Ebino-Plateau gehört zu den schönsten Wandergebieten Japans und befindet sich ebenfalls auf Kyushu.

Bloss 40 Kilometer beträgt die Distanz von Kirishima zur Hafenstadt Kagoshima. Von hier aus erreichen Tragflügelboote innert 2,5 Stunden eine der schönsten Inseln, die dieser Planet zu bieten hat: Yakushima – das erste ­Unesco- Weltnaturerbe von Japan – befindet sich im offenen Meer südlich von Kyushu und lässt sich mit dem Auto binnen drei Stunden umrunden. Hier vereinen sich alle Klimazonen des Inselstaats.

Wenn im Winter auf den fast 2000 Meter hohen Bergen Schnee fällt, gedeihen an der Küste mit subtropischem Klima Zuckerrohr, Ingwer, Mango, Ananas, Papaya, Bananen, Passionsfrüchte, Guavas und Grünteebüsche. Fast die Hälfte der Insel besteht aus dem Yakushima- Nationalpark, wo in dichten Wäldern dreiste Rotgesichtsmakaken Hirsche bespringen, um sie als Taxi zu benutzen.

Die Rotgesichtsmakaken gehören zu den berühmtesten Bewohnern der Insel Yakushima.

Man verliebt sich sofort in diese Regenwaldinsel mit einem für die nördliche Hemisphäre einzigartigen Ökosystem aus über 1900 Pflanzen- und 150 Vogelarten. Spektakuläre Wanderstrecken führen zu verwunschenen Ecken und malerischen Wasserfällen.

Auch hier sind die Naturgewalten nah: Auf der Nachbarinsel erhebt sich ein aktiver Vulkan, meistens im August tobt der Taifun, und böse Zungen behaupten, dass es an 35 Tagen pro Monat regnet. Eine jährliche Niederschlagsmenge von über 8000 Millimetern – fast neun Mal mehr als in Bern –begünstigt diese reiche Flora und Fauna. Dazu gehören über 500 Schildkrötenweibchen, die jährlich ihre Eier an den weissen Sandstränden ablegen.

2010 eröffnete in diesem Paradies das Sankara Hotel & Spa mit 29 Zimmern. Ein Teil des Umsatzes fliesst in den Naturschutz auf der Insel. Hoch über der Küste stehen den Gästen ein Swimmingpool, ein Spa und die beiden Restaurants Ayana und Okas mit allerdings sehr hohen Weinpreisen zur Auswahl. Im Gourmetlokal Okas mit seiner offenen Küche zaubert Kenji Hayashi (37) regionale Kompositionen auf die Teller. Der Koch, der auf einer Insel südlich von Yakushima geboren wurde, und sein fünfköpfiges Team verwenden möglichst lokale Produkte wie Pflanzen, Basilikum, Gemüse und Fisch. Das grosse Pech des scheuen, kaum Englisch sprechenden Meisterkochs ist, dass die Michelin-Tester die weite Anreise auf die Insel nicht auf sich nehmen wollen.

Kyushu kulinarisch entdecken

Die Reise führt weiter nach Fukuoka, in die grösste Stadt auf ­Kyushu – und bewirkt eine Art Kulturschock durch den Wechsel vom Inselidyll in die Grossstadt.

Im «Hilton Sea Hawk» arbeitet der Thuner Gerhard Gerber (47) als Executive Chef. Der mit einer Japanerin verheiratete zweifache Vater lebt schon seit rund zehn Jahren in Japan, seit März 2016 in Fukuoka. Seine neue Heimat im Norden der Insel bezeichnet er als ideal, um Kyushu zu entdecken. Er rät, dafür ein Auto zu mieten: «So kann man auch Orte besuchen, die nicht ans Zug- oder Busnetz angeschlossen sind.»

Gerhard Gerber arbeitet im Hilton Fukuoka Sea Hawk.

Wie Meret Brunner fährt auch Gerhard Gerber mit dem Velo zur Arbeit – «selbst bei Schnee­regen». Er ist Chef von 120 Angestellten und verantwortlich für sechs Hotelrestaurants. «Ich gehe oft auch auswärts essen und wähle Lokale aus, die auf die Kyushu-Küche spezialisiert sind. Sie ist berühmt für die Verwendung von reichlich Gemüse, Früchten und Salaten. Sashimi von hier ist super. Die Produkte sind generell frisch und immer schön angerichtet. Auch für seinen Sake und den Süsskartoffelschnaps Shochu ist Kyushu bekannt.»

Gerhard Gerber schätzt an Fukuoka die im Vergleich zu Tokio kürzeren Distanzen: Schon innerhalb von 20 Minuten befindet man sich in der Natur und an Orten zum Schwimmen – was gerade für Familien mit Kindern ideal sei, weil das Meer nicht steil abfällt. Die Quartiere Hakata und Tenjin schlägt er zum «Lädele» vor; Hakata sei auch beliebt bei Fans von Ramen-Gerichten.

Lediglich drei Schnellbootstunden von Fukuoka entfernt befindet sich die südkoreanische Hafenstadt Busan. Aber das wäre eine andere Reisegeschichte.

Die Recherche dieser Reise wurde unterstützt von Travelhouse in Glattbrugg ZH.

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