04. Oktober 2018

Eine zweite Chance für die Liebe

Wer auch ohne Partner leben kann, ist der bessere Lebensgefährte, sagt Paartherapeut Wolfgang Krüger. Er spricht über das Wiederverlieben und wann es für die einstige Zweisamkeit keine zweite Chance gibt.

Paartherapeut Wolfgang Krüger
Experte für die (wiederkehrende) Liebe: Paartherapeut Wolfgang Krüger (Bild: zVg)

Es gibt bekannte Muster für Trennungen. Gibt es auch einen klassischen Ablauf des Wiederverliebens?

Ja, und zwar einen ganz bestimmten Ablauf. Man trennt sich aus einem Gefühl der Gekränktheit, der Enttäuschung, der Wut heraus: Ich habe mir das Leben anders vorgestellt. Auf der Suche nach einem neuen Partner merke ich meistens, dass andere Männer, andere Frauen auch nicht unkompliziert sind. Also stelle ich im Lauf der Zeit fest, dass es in der Beziehung, die ich hatte, auch positive Elemente gab. Ich realisiere, was verloren gegangen ist.

Wie lange dauert es bis zu dieser Erkenntnis?

Dieser Prozess kann lange dauern, häufig über ein halbes Jahr. Irgendwann bin ich geneigt, wieder auf den anderen zuzugehen. Ich bin dann sozusagen vom Leben weichgeklopft.

Lässt einen das Alleinsein auch reifen?

Durchaus, die Zeit allein ist insofern wunderbar, als jeder wieder mehr auf sein eigenes Leben zurückgeworfen wird, sich wieder auf das eigene Wohlergehen, das eigene Glück konzentriert.

Und danach findet man als neue Menschen wieder zusammen?

Es klingt verrückt, aber wenn ich auf den Partner nicht mehr allzu sehr angewiesen bin, wenn ich mich notfalls auch trennen könnte, dann gelingen Partnerschaften besser. Ich bin dann gelassener, ich bin interessanter, ich bin lebendiger, weil ich meine Eigenständigkeit behalten habe. Und auch in Konfliktsituationen bleibe ich ruhiger, weil ich den Lebensschwerpunkt in mir drin habe.

Kann man gewisse Entwicklungsschritte allein besser machen als zusammen mit dem Partner?

Es gibt sogar Entwicklungsschritte, die ich allein machen muss. Und ich muss mir auch in einer Partnerschaft immer bewusst sein, dass ich selber dafür verantwortlich bin, wie ich mich fühle. Die Beziehung geht kaputt, wenn ich dem Partner die Schuld dafür gebe, wie es mir geht. Das Gefühl einer grossen Selbständigkeit ist die Grundlage für eine gute und gelingende Partnerschaft, weil das die Beziehung stützt. 

Man muss in sich selber ruhen, um in Ruhe mit einem Partner zusammen sein zu können?

Richtig, ja.

Was sind weitere Voraussetzungen, damit eine allfällige Wiederannäherung gelingen kann?

Sie gelingt dann, wenn es vor allem äussere Gründe waren, die dazu führten, dass es nicht geklappt hat. Wie etwa Kinder, der Bau eines Hauses oder eine vorübergehende Krankheit. Doch bei alledem gilt: Man darf sich bei einer Trennung nicht zu sehr gekränkt haben. Manche Dinge zielen so unter die Gürtellinie, dass es fast unmöglich ist, dieser Person wieder mit Vertrauen und Respekt zu begegnen.

 Wenn Respekt und Vertrauen noch vorhanden sind, wie gelingt dann der Neuanfang?

Das eine ist, dass man sich bewusst ist: Es ist ein Neuanfang. Auch wenn man meint, sich zu kennen, einem die Wohnung und die Lebensgewohnheiten vertraut sind. So macht man es sich schnell zu einfach. Ich plädiere immer dafür, dass man sich nochmals neu kennenlernen muss. Wichtig ist etwa, dass man sich offen unterhalten kann – also auch über das, was gewesen ist. Und dass dann jeder sagen kann, was er mit der Partnerin, dem Partner anders machen möchte.

Das reicht?

Nein, die zweite Voraussetzung ist, dass man sich für diesen Neuanfang Zeit nimmt. Weil wir normalerweise hin- und hergerissen sind. Sprich, wir möchten etwas, aber wir wissen noch nicht, ob das überhaupt klappen könnte. Man hat bestimmte Themen im Kopf und will vom anderen wissen, ob er das auch so sieht. Dann gibt es anstelle von Vorwürfen plötzlich intime und offene Gespräche darüber, wie sich jeder in der damaligen Situation gefühlt hat. Beide Partner müssen zunächst einmal reflektieren, was damals passiert war. Das braucht Zeit. 

Wie trifft man sich am besten wieder?

Es ist natürlich toll, wenn man die Möglichkeit hat, sich relativ oft zu treffen. Es gibt auch Paare, die probeweise miteinander verreisen. Egal welchen Weg man wählt: Sich wieder näherzukommen, ist ein Prozess, für den man längere Zeit einplanen muss.

Kann eine Paartherapie helfen?

Sie kann sehr unterstützend sein. Wir machen in den Partnerschaftskonflikten oft den Fehler, dass wir glauben, der Urheber des Konflikts sei der andere. Also erwartet man auch, dass sich der andere ändert. Wenn man sich wieder aufeinander einlässt, tut man gut daran, sich selber besser zu beobachten.

Psychotherapeut Dr. Wolfgang Krüger (70) gilt als einer der renommiertesten Paartherapeuten im deutschsprachigen Raum. Der Psychotherapeut mit Praxis in Berlin hat über 15 Bücher zum Thema Partnerschaft geschrieben, etwa «Freiraum für die Liebe», 2014, bei exlibris.ch erhältlich.

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