02. August 2017

Eine Stimme für alle, die in der islamischen Welt unterdrückt werden

Die muslimische Frauenrechtlerin Seyran Ateş hat kürzlich in Berlin eine liberale Moschee eröffnet – seither braucht sie Polizeischutz. Ein Gespräch über Reformen im Islam, Fehler des Westens, den Fluch des Erdöls und gutmeinende Linke, die das Falsche tun.

Seyran Ateş
Engagiert sich für einen friedlichen, freundlichen Islam: die gläubige Muslimin Seyran Ateş
Lesezeit 12 Minuten

Seyran Ateş, seit der Eröffnung Ihrer Moschee erhalten Sie so viele Drohungen, dass Sie derzeit ständig von mehreren Personenschützern begleitet werden. Wie fühlt sich das an?

Es ist ja nicht das erste Mal. Ich war nach der Publikation von umstrittenen Büchern schon zweimal in dieser Situation. Nach ein paar Monaten hat sich das jeweils wieder beruhigt, so wird es auch dieses Mal sein. Bei mir lösen diese Drohungen vor allem eins aus: Jetzt erst recht! Das ist mehr als Trotz, es ist Wut auf die irrationalen, unfairen Reaktionen. Diese Wut gibt mir die Kraft weiterzumachen.

Angst haben Sie nicht?

Doch, die ist schon auch da. Um mich, aber auch um meine Angehörigen und Freunde, um meine Verwandten in der Türkei. Die anderen beiden Male war ich dem allerdings als Einzelkämpferin ausgesetzt, diesmal steht ein ganzes Team hinter mir, das hilft. Gemeinsam werden wir beweisen, dass wir etwas Gutes für den Islam und die Gesellschaft bewirken wollen.

Aus der islamischen Welt kam allerdings vor allem scharfe Kritik.

Etwas anderes war auch nicht zu erwarten. Wir wissen ja, wie die islamische Welt heute tickt. Genau deshalb haben wir diese Moschee eröffnet. Weil wir unzufrieden sind mit den Autoritäten im Nahen Osten, die die Deutungshoheit über den Islam an sich gerissen haben, unzufrieden auch über die Lebensverhältnisse der Menschen dort, insbesondere über die der Frauen. Wir können es doch im 21. Jahrhundert nicht mehr als Selbstverständlichkeit hinnehmen, dass Frauen ihr Gesicht nicht zeigen dürfen und keine Chance haben auf ein freies, selbstbestimmtes Leben. Viele Millionen Muslime sind über diese Dinge verärgert, können aber ihre Stimme nicht erheben, weil dies mit Gewalt unterdrückt wird.

Dass Männer und Frauen bei Ihnen gemeinsam beten dürfen, wurde als «Angriff auf die Religion» ausgelegt.

Ja, das löst mit Abstand die schärfsten Reaktionen aus. Daran sieht man, wo das Kernproblem liegt. Die Geschlechtertrennung, die im Christentum halbwegs überwunden wurde, wird im Islam noch unangefochten mit autoritären Strukturen durchgesetzt. Dabei waren die Geschlechter in den Anfängen des Islam viel gleichberechtigter. Es gab am Anfang sogar eine starke Frau an der Seite des Propheten – doch das wird alles geleugnet und verdrängt.

Aber diese harsche Kritik an Ihrem Projekt repräsentiert den islamischen Mainstream, nicht?

Den sichtbaren und hörbaren, ja, und das ist traurig. Damit ist jedoch noch nicht geklärt, wo die Mehrheiten liegen. Umso wichtiger ist es, dass es eine Gegenbewegung gibt. In Debatten wird ja oft behauptet, der muslimische Mainstream sei friedlich, liberaler, wolle Gleichberechtigung und Demokratie. Angesichts der Reaktionen muss man leider sagen: Das stimmt eventuell nicht, sonst wären wir schon längst viel weiter. Viele unterwerfen sich auch einfach, weil sie in Ruhe leben wollen – gerade in den muslimischen Ländern, wo es zur konservativen Haltung keine Alternativen gibt. Oder nur die Todesstrafe.

In der westlichen Welt hingegen hätten die Muslime eine Wahl. Dennoch ergab eine Umfrage des Think-Tanks European Values, dass 44 Prozent der Muslime in Europa fundamentalistischen Glaubenssätzen anhängen. Viele halten auch Fatwas aus der einstigen Heimat für verbindlich, in denen Imame fordern, Abtrünnige zu töten.

Immerhin sind es weniger als die Hälfte, aber es ist eine erschreckend hohe Zahl. Es gibt in allen Demokratien einen Anteil von Fundamentalisten, aber das sind vielleicht fünf Prozent. Erschwerend kommt hinzu, dass diese 44 Prozent das Gesicht des Islams im Westen dominieren, die anderen 56 Prozent sind meistens still und lassen sich unterdrücken.

«Wir bekommen rührende Mails, in denen es heisst: Bitte, bitte, haltet durch. Ihr seid ein Lichtblick. Von einer solchen Moschee haben wir immer geträumt.»

Warum sind auch im freien Westen so viele Muslime fundamentalistisch?

Weil sie gerade wegen der Freiheit und der Toleranz so gut mit dieser Weltanschauung gefüttert werden können. Es gibt Radikale, die das ganz gezielt tun, weil sie es als göttlichen Auftrag sehen, auch den freien Westen zu islamisieren. Dieser muss endlich begreifen, dass es gewaltbereite, aggressive Fundamentalisten gibt, die dieses Ziel systematisch verfolgen. Sie missbrauchen sämtliche Freiheiten, um eine unfreie Gesellschaft zu schaffen. Das sind vielleicht 5 dieser 44 Prozent, der Rest sind Mitläufer, die diese Ideen sympathisch finden.

Die Freiheiten des westlichen Lebensmodells sind nicht attraktiv genug, um diese Leute davon zu überzeugen?

Immerhin bei 56 Prozent der Muslime funktioniert es. Sie legen ihre Kopftücher weitestgehend ab, werden säkular oder leben ihre Religion liberal in den eigenen vier Wänden. Viele von den anderen lernen dieses freie Leben so aber gar nicht kennen. Weil ihre konservativ-traditionellen Familien ihnen die Gelegenheit dazu nicht geben. Oder weil sie es versucht haben, aber in der westlichen Gesellschaft auf Ablehnung und Diskriminierung gestossen sind. Und dann kommen die Fundis und sagen ihnen: Siehst du, man will dich hier eh nicht, unterstütze lieber uns.

Gibt es auch positive Reaktionen auf Ihre Moschee aus der muslimischen Welt?

Oh ja, ganz viele und aus der ganzen Welt. Millionen stehen hinter uns, weltweit. Wir bekommen rührende Mails, in denen es heisst: Bitte, bitte, haltet durch. Ihr seid ein Lichtblick. Von einer solchen Moschee haben wir immer geträumt. Wir sind eine Stimme für alle, die in der islamischen Welt unterdrückt werden. Und natürlich nicht die einzige: Es gibt viele andere, die den Reformislam schon seit Jahren vertreten.

Manche wütenden Mailschreiber habe ich sogar schon dazu gebracht, sich für die Beschimpfungen bei mir zu entschuldigen und meine Bücher zu lesen.

Denken Sie, mit Ihrem Projekt zu einer weiteren Liberalisierung beitragen zu können?

Ich bin da sogar ziemlich optimistisch. Und zwar aus persönlicher Erfahrung im Kontakt mit Menschen, die mich per Mail beschimpfen. Ich beantworte das immer ganz freundlich und versuche, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, ihnen klarzumachen, dass wir nur Gutes im Sinn haben – und immer wieder gelingt es auch, so zu einem recht zivilisierten Dialog zu kommen. Natürlich funktioniert das nicht mit allen, aber doch mit einigen. Manche habe ich sogar schon dazu gebracht, sich für die Beschimpfungen bei mir zu entschuldigen und meine Bücher zu lesen.

Warum erreicht keine einzige islamische Gesellschaft westliches Niveau? Ost- und Südostasien ist es gelungen, Traditionelles und Westliches zu verbinden und dabei gute Lebensbedingungen zu schaffen. Warum schafft das die muslimische Welt nicht?

Das grosse Problem ist das Erdöl – es hat der islamischen Welt das Genick gebrochen. Gäbe es in Saudi-Arabien kein Öl, hätte sich dort niemals ein solches Regime entwickeln können, das diese radikale Form des Islam so erfolgreich propagiert und kulturell verankert. Mit den Öleinnahmen zementieren sie ihre Macht und finanzieren radikale Prediger, die ihre Botschaft in aller Welt verbreiten. Und der Westen, der auf das Öl angewiesen ist, hat ein grosses Interesse an Stabilität und stützt deshalb dieses Regime. Ohne Erdöl stünde die islamische Welt ganz woanders. Hoffen wir, dass global bald erneuerbare Energien dominieren!

Europa feiert derzeit 500 Jahre Reformation. Eine solche bräuchte es auch im Islam, richtig?

Ja, oder noch besser: eine Renaissance. Schon ab dem 8. Jahrhundert hat es im Islam nämlich Reformbewegungen geben, liberale und moderate Strömungen, die Liebe und Barmherzigkeit vertraten und viel eher den Weisungen des Propheten entsprachen. Durchgesetzt hat sich jedoch eine harte, machtbewusste Version.

Welches sind die entscheidenden Punkte, die es zu reformieren gilt?

Zuerst mal sollte jeder Gläubige verstehen, was da gepredigt wird und was er rezitiert. Die meisten haben nur ein rudimentäres Wissen über ihre eigene Religion, und das liegt auch an der Sprache. So wie vor 500 Jahren hier nur wenige Latein verstanden, versteht heute nur ein Bruchteil der Muslime das Arabisch, in dem in der Regel gebetet und gepredigt wird. Zudem muss man akzeptieren, dass eine Schrift aus dem 7. Jahrhundert nicht wortgetreu auf das 21. Jahrhundert übertragen werden kann. Lebensverhältnisse und Gesellschaft sind heute ganz anders. Man muss nach dem Sinn und Zweck der jeweiligen Suren suchen und schauen, was das für die heutige Zeit bedeutet. Daraus entwickelt sich auch eine Gleichberechtigung der Geschlechter und ein demokratisches friedliches Zusammenleben mit anderen Religionen.

Wie kommt man da hin?

Das braucht Zeit, die hat es auch im Christen- und Judentum gebraucht. Im Islam haben wir noch immer zu viele Hardliner, gegen die wir unermüdlich antreten müssen. Wir müssen dem Reformislam eine kraftvolle Stimme geben und so mehr und mehr Musliminnen und Muslime erreichen.

Seit 9/11 ermorden Terroristen im Namen Allahs auch im Westen immer wieder unschuldige Menschen. Wieso ist es so einfach, den Islam dafür zu missbrauchen?

Viele sind auf der Suche nach Gemeinschaft, nach einem Geborgenheitsgefühl – gerade solche, die aus liberalen Familien kommen und wenig Selbstbewusstsein besitzen. Ihnen ist das Leben im Westen zu frei und zu unverbindlich, sie wollen Regeln und Grenzen. All das bekommen sie in der muslimischen Gemeinschaft. Einige fühlen sich dort dann allerdings als unterdrückte Minderheit und finden, sie hätten das Recht, sich auch mit Gewalt zu wehren. Dass der Koran dafür eine Grundlage bietet, ist ja nicht zu leugnen. Umso mehr schaden die ständigen Behauptungen, diese Attentate hätten nichts mit dem Islam zu tun, das stimmt einfach nicht. Dabei sollte Religion etwas Privates sein; es ist verheerend, dass der Glaube auf diese Weise politisiert wird. Gerade deshalb haben wir Moderaten eine Verantwortung uns zu engagieren, um eine andere Sicht auf den Islam zu zeigen. Mit unserer Moschee wollen wir mit dem Islam gegen den Islamismus antreten.

«Es ist ganz wichtig, die Moderaten mit ins Boot zu holen und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie im Westen erwünscht sind.»

Was kann der Westen tun, um die Lage zu entschärfen?

Es braucht eine grosse europäische Islamkonferenz, an der sich der ganze Kontinent auf einen gemeinsamen Weg einigt, für Aufklärung und Prävention – und auf eine gemeinsame Strategie für das Fassen und Bestrafen der Täter. Die müssen viel konsequenter abgeschoben werden. Europa muss klarstellen: Wir wollen diese Leute nicht bei uns. Dabei sollte man auch darüber nachdenken, Staatsangehörigkeiten wieder zurückzunehmen. Viele Radikale sind nämlich nur deshalb Staatsbürger geworden, damit man sie nicht abschieben kann.

Trifft man mit solchen härteren Massnahmen nicht auch viele moderate Muslime, die sich dadurch dann abgelehnt fühlen und sich deshalb ebenfalls radikalisieren?

Man muss es natürlich clever machen und nicht so platt wie Teile der AfD oder Pegida, die mit nationalistischem Islam- und Fremdenhass durchsetzt sind. Auf keinen Fall darf man alle Muslime in einen Topf werfen. Es ist ganz wichtig, die Moderaten mit ins Boot zu holen und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie im Westen erwünscht sind. Wir wollen ja auch nicht alle konservativen Muslime zu liberalen machen – im Gegenteil: Ich will den Konservativen die Hand reichen, damit wir gemeinsam die Extremisten bekämpfen können. Mit einer Bürgerinitiative und einem konkreten Gesetzesentwurf versuchen wir derzeit, eine Million Unterschriften zu sammeln, um die Europäische Union dazu zu bringen, sich mit dem Thema zu beschäftigen.

Was halten Sie von der Reaktion des Westens auf den Terror?

Einfach nur auf Kosten der Freiheit die Sicherheitsmassnahmen zu verstärken, ist keine Lösung. Viele europäische Länder haben bei der Integration der Muslime grosse Fehler gemacht. Die ehemaligen Kolonialherren haben die Bewohner ihrer früheren Kolonien bei der Einwanderung zu Staatsbürgern gemacht, sie dann sich selbst überlassen und viel zu lange weggeschaut. In Frankreich zum Beispiel gibt es ein riesiges Integrationsproblem mit den Menschen aus dem Maghreb, die sich von der Mehrheitsgesellschaft derart diskriminiert fühlen, dass sie in der Religion ihr Heil und ihre Identität gefunden haben. Dann braucht es noch ein paar Rattenfänger, und schon hat man eine Horde gewaltbereiter Radikaler im Land. Grossbritannien hat Ähnliches gemacht und sogar Scharia-Gerichte eingeführt und damit de facto eine parallele Gesetzgebung, die die Radikalen gestärkt und die Säkularen verdrängt hat. In jedem Land gibt es solche Probleme. Die muss man systematisch und gesamteuropäisch an der Wurzel packen – dabei kann man auch von den Erfahrungen der anderen lernen.

Man stelle sich vor, katholische Familien würden beschliessen, dass ihre Töchter ab sofort nur noch mit Hauben und langen Kleidern in die Schule gingen. Das gäbe wohl einen ziemlichen Aufstand bei den Linken.

Viele Linke und Liberale wehren sich gegen pauschale Verurteilungen des Islam. Ihnen wird dafür im Gegenzug vorgeworfen, sie verziehen unter dem Deckmantel der kulturellen Differenz zu vieles – und machten es dadurch gerade denjenigen Leuten schwerer, die für den Reformislam einständen. Wie sehen Sie das?

Darüber habe ich schon 2006 in meinem Buch «Der Multikulti-Irrtum» geschrieben. Selbstkritik ist wunderbar, aber bei Linken und Liberalen geht das teilweise viel zu weit: Sie entdecken überall Diskriminierungen und bewerten Minderheitenrechte gerne höher als die eigenen. Inzwischen gibt es sogar Feministinnen, die Burka und Niqab verteidigen, weil die Mehrheit der Frauen das angeblich freiwillig trägt. Man stelle sich vor, katholische Familien würden beschliessen, dass ihre Töchter ab sofort nur noch mit Hauben und langen Kleidern in die Schule gingen. Das gäbe wohl einen ziemlichen Aufstand bei den Linken. Und da sehe ich einen Widerspruch und einen verfehlten «Artenschutz» gegenüber dem Islam. Tatsächlich fallen sie damit den säkularen und liberalen Muslimen in den Rücken, sie erschweren unsere Arbeit.

Was halten Sie von Burka- und Kopftuchverboten?

Ich bin für ein Burka- und ein Niqab-Verbot, weil das nicht islamisch ist – das ist saudiarabisch-wahhabitisch. Kopftücher bei erwachsenen Frauen sind in Ordnung, ein Problem habe ich damit, wenn schon junge Mädchen in der Grundschule damit rumlaufen.

In Ihrer Moschee sind auch Schwule und Lesben explizit willkommen – kommen die auch?

Oh ja. Das sind religiöse Musliminnen und Muslime, die wegen ihrer sexuellen Orientierung in den regulären Moscheen keine Gemeinschaft haben, in der sie beten können. Bei uns können sie als Paar auftreten, ohne dass jemand seltsam guckt oder Schlimmeres.

Ich denke, man kann einiges von der Schweiz lernen.

Mit Saïda Keller-Messahli und Elham Manea sind auch zwei Schweizerinnen unter den Gesellschaftern der Moschee. Wie kam es zu dieser Kooperation?

Ich kenne beide schon sehr lange, das fing an über unser gemeinsames Engagement gegen die Zwangsheirat. Mir war wichtig, die Moschee möglichst breit abzustützen, eigentlich hätte ich gerne auch jemanden aus Österreich gehabt. Das hat nicht geklappt. In der Schweiz gibt es übrigens schon die «Offene Moschee» und ebenfalls Bestrebungen, einen festen Ort für eine liberale Moschee zu finden, was wir unterstützen.

Kennen Sie die Situation bezüglich Islam in der Schweiz? Ist sie anders als in Deutschland?

In Deutschland gibt es viele Türken und Sunniten, in der Schweiz ist die muslimische Gemeinschaft vielfältiger. Die Verbände sind jedoch ähnlich konservativ aufgestellt. Und auch die Schweiz ist eine Drehscheibe für islamistischen Terror; Radikalisierungen finden leider auch dort statt. Ich denke aber, dass die Integration insgesamt etwas besser funktioniert. Vielleicht auch, weil die Hürden, in die Schweiz zu kommen, höher sind. Hat man die mal überwunden, ist die Bereitschaft zur Integration grösser. Ich denke, man kann da einiges von der Schweiz lernen. Sie selbst schaut ja auch oft, wie andere die Dinge machen, und übernimmt dann das Beste davon.

Wie verträgt sich eigentlich Ihr Aktivismus mit Ihrem Beruf als Rechtsanwältin?

Problemlos: Es kommen gerade diejenigen Leute, die meine Arbeit schätzen. Ich verdiene mein Geld aber auch mit Vorträgen und Büchern.

«Ich bin als Jugendliche auch in den evangelischen Religionsunterricht gegangen und habe dort über Jesus viel gelernt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – das ist für mich der zentrale Satz, den ich auch heute noch praktiziere und später auch im Islam entdeckt habe.»

Sie sind gläubige Muslimin: War es schwer, diesen Glauben nicht zu verlieren angesichts des heute dominierenden, konservativen Islam?

Nein, und das hat viel mit meinem Elternhaus zu tun. Das war zwar gesellschaftlich sehr traditionell und konservativ, religiös jedoch liberal. Die Überzeugung meiner Eltern war, dass jeder den Glauben im Herzen trägt und am Ende selbst dafür verantwortlich ist, was für ein Verhältnis er zu Gott hat. Was ebenfalls geholfen hat: Ich bin als Jugendliche in den evangelischen Religionsunterricht gegangen und habe dort über Jesus viel gelernt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – das ist für mich der zentrale Satz, den ich auch heute noch praktiziere und später auch im Islam entdeckt habe. Mit 17 bin ich dann allerdings von zu Hause abgehauen, weil es mir zu eng war und ich mich eingesperrt fühlte. Ich habe mich der autonomen Jugendbewegung angeschlossen, war in der Hausbesetzerszene und habe mich für Frauenrechte engagiert. In der Zeit hatte ich mit Religion nicht viel am Hut.

Das änderte sich offenbar mit dem Attentat 1984?

Genau. Ich arbeitete damals in einer Beratungsstelle für Frauen aus der Türkei und beriet gerade eine Klientin, eine Mutter von drei Kindern. Da kam ein türkischer Mann rein und schoss auf uns – die Frau starb, bei mir wurde eine Arterie im Hals getroffen, ich verlor sehr viel Blut. Mein Körper ging zu Boden, ich aber schwebte in die Höhe und sah mich selbst da liegen, habe alles gesehen und gehört, was da passierte. Dann kam ein helles Licht, ein absolutes Glücksgefühl und eine Stimme, die fragte, ob ich sterben möchte oder zurück in dieses Leben. Für mich war das ein Gespräch mit Gott. Andere sagen, es waren chemische Reaktionen im Kopf, aber für mich war es klar. Und das hat meinen Glauben natürlich weiter bestärkt.

Fotos: Jens Neumann und Edgar Rodtmann

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