01. Dezember 2017

Eine Ruhestätte fürs Ungeborene

Am 10. Dezember wird weltweit der verstorbenen Kinder gedacht. Für Rachel Thoma ein bedeutsamer Tag: Sie hat zwei Kinder während der Schwangerschaft verloren. Nun unterstützt sie Eltern, denen ein ähnliches Schicksal widerfahren ist.

Rachel Thoma
Die Sternenkinder Solène und Manon sind im Garten des Ferienhauses der Familie begraben. «So haben wir sie ganz nah bei uns», sagt Rachel Thoma.
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Solène und Manon sollten sie heissen. Doch die Kinder von Rachel und Andreas Thoma starben, bevor sie das Licht der Welt erblicken konnten. Zwei stille Geburten. Sternenkinder – so nennt man Babys, die im Mutterleib versterben.

Für die Eltern ist das eine traumatische Erfahrung. Die Schwangerschaft mit Solène sei unauffällig gewesen, erzählt Rachel Thoma. Nichts habe auf Komplikationen hingewiesen. Dennoch suchte die fünffache Mutter in der 18. Schwangerschaftswoche ihren Arzt auf, «weil ich das eigenartige Gefühl hatte, dass etwas nicht stimmte». Die erschütternde Diagnose

Der Arzt habe sie zuerst beruhigt, dann aber trotzdem eine Ultraschalluntersuchung vorgenommen. «Plötzlich versteinerte sich seine Miene. Ich wagte nicht, auf den Monitor zu schauen.» Es tue ihm leid, sagte der Mediziner leise, aber Solènes Herz schlage nicht mehr. Rachel Thoma brach zusammen. Mit dem toten Baby einfach nach Hause fahren? Unvorstellbar. Noch am Abend wurde sie in eine Privatklinik eingewiesen. Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als ein Ärzteball stattfand. «Von meinem Zimmer aus sah ich die Tanzenden im Ballsaal. Es war furchtbar: dort das pulsierende Leben – und gleichzeitig das tote Kind in mir.» Die Wehen wurden eingeleitet, Solène kam nachts um zwei Uhr zur Welt. «Ich war ganz allein im Zimmer, weil ich mir das gewünscht hatte», sagt Rachel Thoma. «Das kleine Wesen sah noch nicht wie ein Mensch aus. Dieses Bild werde ich nie vergessen.» Weshalb Solène starb, konnte nie geklärt werden.

Das Ehepaar Thoma litt. Doch beide wünschten sich weitere Kinder. «Ich liebe Kinder, ich liebe sie über alles», sagt Rachel Thoma. 2016 wurde sie zum siebten Mal schwanger. «Ich hatte natürlich dauernd Angst, nochmals ein Kind zu verlieren.» Erneut waren sämtliche Tests unauffällig. «Je länger die Schwangerschaft dauerte, desto zuversichtlicher wurde ich, dass alles gut gehen würde.» Um sich zu beruhigen, kaufte Thoma ein Ultraschallgerät, damit sie täglich die Herztöne des Kindes kontrollieren konnte. Dann der Schock: In der 23. Woche zeigte der Ultraschall keine Herztöne mehr an. Kurze Zeit später bestätigte ein Arzt den Tod des Ungeborenen.

Rachel Thoma war am Boden zerstört. «Ich wollte diese Niederkunft keinesfalls in derselben Privatklinik erleben, in der ich Solène geboren hatte.» Freie Betten in anderen Kliniken gab es an diesem Abend jedoch nicht. Rachel Thoma ging nach Hause.

Als sie am nächsten Morgen aufwachte, fühlte sie sich schrecklich. Es sei fast nicht auszuhalten gewesen. «Wenn ich meinen Körper zur Seite drehte, schwappte das Baby in meinem Bauch mit. Ich musste es von Hand wieder zurückschieben.» Sie versuchte, sich mit Alltagstätigkeiten abzulenken. Doch die Schmerzen wurden unerträglich. Trotz eines unguten Gefühls fuhr sie wieder in die Privatklinik, wo sie im selben Zimmer ein zweites Mal ein totes Kind – Manon – zur Welt brachte.

Rachel Thoma trauert
Rachel Thoma trauert um ungeborenes Leben am Zürichsee.

Rachel Thoma wollte Manon wie zuvor schon Solène kremieren lassen. Mit Solènes Leichnam sei das kein Problem gewesen. «Die kleine Urne wurde uns eine Woche nach Solènes stiller Ankunft von einer Mitarbeiterin unserer Wohngemeinde übergeben. Wir fühlten uns sehr getragen und aufgehoben», erinnert sich Rachel Thoma. Bei Manon war es anders. «Die Hebamme sagte uns, die Kremation eines so kleinen Babys sei nicht möglich, aber man könne es zu einem anderen Verstorbenen legen und dann die Asche teilen. Ich fühlte mich nach dieser Antwort hilflos. Hier fehlte jemand, der mit einer solchen Situation umgehen konnte.»

Andreas Thoma griff ein – es folgten Gespräche, und schliesslich durften sie ihre Manon allein kremieren lassen. Heute sind Manon und Solène nebeneinander im Garten des Hauses begraben. «So haben wir sie bei uns, und auch unsere grossen Kinder können sie jederzeit besuchen.»

Für Rachel Thoma war dieses Erlebnis traumatisch. Sie wollte etwas ändern und wandte sich mit ihrer Geschichte an die Qualitätssicherung der Privatklinik. «Mein Ziel war, dass das, was mir passiert ist, keiner anderen Mutter mehr passiert», sagt sie. Rachel Thoma gründete vor gut einem halben Jahr «Stillbirth», eine Anlauf- und Beratungsstelle für Eltern von Sternenkindern. «Als Mutter zweier Sternenkinder werde ich Sie stets ohne Worte verstehen», heisst es auf ihrer Website. «Ich sehe mich als Dolmetscherin zwischen den schwangeren Frauen, Angehörigen und dem medizinischen Umfeld.» Thoma arbeitet allein und begleitet Betroffene in der Zeit von der Diagnose bis zur Geburt. Inzwischen ist sie auch Mitglied der Fachstelle für Kindsverlust. Ihr Mann Andreas, der als Lehrer arbeitet, unterstützt sie.

Hier haben Solène und Manon ihre Ruhe gefunden
Hier haben Solène und Manon ihre Ruhe gefunden.

Thoma kämpft unter anderem dafür, dass auch Totgeborene getauft werden können. Bei Pfarrer Andrea Bianca, Vizepräsident der reformierten Kirche des Kantons Zürich, ist sie mit diesem Anliegen auf offene Ohren gestossen. Pionierarbeit hat auch das Bestattungs- und Friedhofamt der Stadt Zürich geleistet: Heute können betroffene Eltern entscheiden, ob sie ihr Kind erdbestatten oder kremieren möchten. Früher wurden Föten nach Fehlgeburten im Spital ungefragt mit Humanabfällen entsorgt.

Rachel Thoma räumt ein, dass ihr die Gespräche mit den Betroffenen manchmal sehr nahegehen. Aber inzwischen ist sie sicher, dass sie die nötige Distanz und die mentale Kraft dafür hat. Bereits mit 20 Jahren verlor sie ihre Mutter. «Ich musste erst verstehen, dass der Tod zum Leben gehört.»

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