28. Juli 2014

Kuckuckskinder: Eine Mutter, zwei Väter

Sie wachsen mit einem Vater auf, der nicht ihr leiblicher Vater ist: Jedes 20. Kind in der Schweiz ist ein Kuckuckskind, sagen die Statistiken. Vier Betroffene erzählen – anonym, schliesslich ist das Thema ein Tabu, auch heute noch.

Susanne (44): «Die Biografie muss geklärt sein.»

Der Dezember mit den Festtagen ist für Susanne immer eine anstrengende Zeit. Hat sie doch mit all ihren drei Elternteilen Kontakt. Die Wahrheit kennt sie seit rund zehn Jahren. Susanne hat sie selbst herausgefunden.

Susannes Eltern trennten sich, als sie sechs Jahre alt war. Ihr Papa führte damals eine Beziehung mit einer anderen Frau. Auch Susannes Mutter hatte eine andere Beziehung, das war aber damals noch nicht offiziell. Ihre Mutter war mit Susannes Götti liiert und, wie sich später herausstellte, Susannes leiblichem Vater. «Bis heute beharren alle drei darauf, dass sie nichts gewusst hätten», sagt Susanne kopfschüttelnd.

Alle lebten in der gleichen Stadt und pflegten eine enge Beziehung zueinander. «Beide Männer haben sich immer sehr gut um mich gekümmert», erinnert sich die 44-Jährige. Irgendwann fragte sie ihre Eltern mal aus heiterem Himmel, ob sie adoptiert sei. «Man spürt einfach, dass man nicht zur Familie gehört, und sucht den Fehler bei sich selbst.» Junge Menschen seien ja sowieso schon auf der Suche nach sich selbst. In solch einer Situation sei die Suche noch viel intensiver. «Die eigene Biografie muss geklärt sein», ist sie überzeugt. Dazu kam, dass sie mit Sprüchen konfrontiert wurde. So sagte ein Onkel einmal zu ihr: «Du bist halt vom Pöstler.» Mit 18 Jahren fragte sie vorsichtig ihren Vater. Doch er antwortete ihr lediglich: «Frag deine Mutter.»

Die Detektivarbeit begann

Mitte 20 absolvierte Susanne eine Ausbildung im sozialen Bereich. Ein Seminar zum Thema Familiengeheimnisse verstärkte ihren Verdacht. Die im Unterricht behandelten Strukturen passten genau zu ihrer Familie. «Die Fragen nach der eigenen Familiengeschichte wurden immer stärker», so Susanne. Ihre Mutter gestand ihr die einstige Beziehung zu ihrem Götti. Aber nicht mehr. Susanne schlitterte in eine Krise und begann mit einer Therapie. Zeitgleich verstärkte sie ihre Detektivarbeit. «Ich musste mir immer wieder selbst sagen, dass mich meine Gefühle nicht täuschen.»

Die 44-Jährige erinnert sich am besten an zwei Fotos: Auf dem einen ist ihre schwangere Mutter zu sehen, und auf dem nächsten hält ihr Götti sie in seinen Armen. Das Gefühl, dass sich ihr Götti und sie ähnlich sehen und auch ähnlich sind, verstärkte sich in all den Jahren deutlich. Die Bissigkeit, der Humor, die Interessen, die Mundpartie und das feine Haar. «Ich roch meinen Götti sehr gern.» Dennoch ist sie rückblickend froh, ihren sozialen Vater als erste Ansprechperson gehabt zu haben, da ihr leiblicher Vater sehr streng gewesen sei.

Sie hätte prozessiert

Susanne brauchte die absolute Gewissheit und zwang die Eltern zu einem Gentest. «Nur so konnte ich eine weitere persönliche Krise verhindern.» Ihre Mutter hatte zwar Angst vor dem Verlust, willigte aber ein. Bei ihrem leiblichen Vater brauchte Susanne Rechtshilfe, und auch ihr Vater beanspruchte diese. «Ich hätte prozessiert, wenn er dem Test nicht zugestimmt hätte», sagt sie.

«Als es raus war, ging die Neuigkeit rum wie ein Lauffeuer», erzählt Susanne und fügt hinzu: «Ich hatte schon immer das Gefühl, dass unser ganzer Bekanntenkreis Bescheid wusste, und erlebte die damalige Zeit rückblickend wie ein Stigma.» Sie fühlte sich verraten. Ihr wurde das Vertrauen genommen. «Was soll ich mit meiner Kindheit anfangen?», fragt sie. Andere Frauen hätten bei Herausforderungen mit den eigenen Kindern Lösungen von früher. Sie hingegen müsse alles neu erfinden. Susanne ist der Ansicht, dass sie damals von ihren Eltern zum Erhalt von Prestige und Ansehen geopfert wurde. Gegenüber ihren Eltern hatte sie eine Zeit lang den Respekt verloren und brach den Kontakt komplett ab. Dies sei notwendig gewesen, um die Situation zu durchbrechen. «Sie haben kein Recht auf Schonung», sagt sie überzeugt. Heute fühlt sich Susanne in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt. «Ich kann nun endlich mich selbst sein.» Der Schleier habe sich gelüftet.

Appell an die Elternliebe

Für Susannes Stabilität war es wichtig, mit ihren drei Elternteilen eine Auseinandersetzung führen zu können, obwohl das Thema im Alltag oftmals umschifft werde. Susanne appelliert an die Liebe der Eltern: «Jemandem den eigenen Ursprung zu verheimlichen, ist eine Art Missbrauch.» Es geht schliesslich nicht um die Eltern, sondern um das Kind. Susanne kennt viele kranke Menschen, die unter ihrer Geschichte leiden. Noch heute werde das Thema «Kuckuckskinder» tabuisiert. Zum Schutz ihrer eigenen Kinder erzählt auch sie ihre Geschichte nur anonym. Susanne möchte die Situation dringend verbessern. Sie könnte sich beispielsweise Anlaufstellen in Spitälern und Infobroschüren in Geburtsabteilungen vorstellen.

Melanie (44): «Es ist ein Scheissgefühl, und man dreht fast durch.»

Melanie ist froh, dass sie noch die Gelegenheit hat, ihren Vater kennenzulernen. Er ist heute 78 Jahre alt.
Melanie ist froh, dass sie noch die Gelegenheit hat, ihren Vater kennenzulernen. Er ist heute 78 Jahre alt.

Für Melanie (44)* ist alles noch ganz frisch. Sie hat erst seit kurzer Zeit Gewissheit, dass ihr Gefühl sie nicht getäuscht hat. Ihrer Mutter hat sie noch nicht gesagt, dass sie nun endlich weiss, wer ihr leiblicher Vater ist. Alles braucht seine Zeit.

Seit frühester Kindheit spürte Melanie, dass etwas nicht stimmte. Immer wieder übermannte sie das Gefühl, nicht in diese Familie zu gehören. «Das ist wirklich ein Scheissgefühl, und man dreht fast durch», sagt sie.

Als Melanie etwa sieben Jahre alt war, besuchte sie mit ihrer Familie einen Freund ihres Vaters. «Ich habe noch heute ein Bild von diesem Besuch im Kopf», erzählt sie, «irgendwann werde ich es malen.» Melanie erinnert sich noch gut, wie wohl sie sich damals bei diesem Mann gefühlt hatte. Nach dem Besuch wünschte sie sich immer, zu ihm und seiner Familie in die Ferien zu fahren. Erfüllt wurde ihr Wunsch aber nie. Auch Besuche fanden keine mehr statt.

Melanies Geschwister ähneln sich stark. Sie jedoch sieht komplett anders aus. Melanie ist auf dem Land aufgewachsen. Vermutlich habe das ganze Dorf hinter vorgehaltener Hand getuschelt. Es sei so offensichtlich, nicht nur aufgrund des komplett anderen Körperbaus: «Ich bin das verrückte Huhn der Familie und tue gern auch mal Dinge, die meine Geschwister nie tun würden.»

Mit 16 löste sich Melanie von ihrer Familie und verbrachte ein Jahr in der Westschweiz, danach absolvierte sie eine Lehre und war nur noch selten zu Hause. «Meine Mutter und ich hatten eine gute Beziehung, aber unbewusst stand immer etwas zwischen uns.» Mit circa 18 Jahren konfrontierte Melanie ihre Mutter das erste Mal mit ihren Zweifeln. «Ich musste damals allen Mut zusammennehmen, um sie darauf anzusprechen.» Doch ihre Mutter liess sie ohne Antwort stehen. «Ich fühlte mich schuldig, und der Mut hatte mich wieder verlassen.» Seither hat sie die Mutter nie mehr darauf angesprochen.

Melanie ist selbst Mutter von zwei Knaben. Bei der Geburt ihres ersten Sohns fiel sie in ein psychisches Tief. «Man sucht den Ursprung, stellt sich Fragen, woher gewisse Charakterzüge kommen.» Sobald man eigene Kinder habe, werde der Wunsch nach Antworten immer stärker. Mittels Fotoalben und Erzählungen wuchs ihr Verdacht, dass der Freund des Vaters, den sie gemeinsam mit der Familie besucht hatte, ihr leiblicher Vater ist. Sie spürte, dass es so sein musste. Der Zufall wollte es, dass sie ihm drei, vier Mal begegnete. Dazwischen lagen manchmal bis zu zehn Jahre. Einmal stand er in einem Laden vor ihr an der Kasse. Aber ihr fehlte der Mut, ihn anzusprechen. Sie liess ihn gehen und damit wieder aus ihrem Leben entschwinden. Die Fragen blieben.

Die entscheidende Begegnung mit dem Vater im Nieselregen

Dann meinte es der Zufall noch einmal gut mit Melanie. Sie besuchte im Herbst 2013 mit einer Freundin ein Konzert. Als sie den Saal betrat, sah sie ihn sofort. Er sass direkt neben dem Eingang und schaute sie an. Melanie grüsste ihn und ging weiter zu ihrem Sitzplatz. Nach dem Konzert nahm sie allen Mut zusammen und drehte sich um. Doch der Stuhl war leer. Schnell lief sie aus dem Saal. «Zum Glück hatte ich ein, zwei Gläser Rotwein getrunken, sonst hätte ich den Mut eventuell wieder nicht gehabt», sagt sie und grinst. Auf dem Parkplatz, im Dunklen und im Nieselregen, sprach sie ihn an: «Sorry, darf ich dich etwas fragen, kennst du mich?» «Eben nicht», antwortete er. Sie nannte ihm ihren Namen und sagte: «Ich glaube, dass du die Antwort auf meine Frage bist.» Er schaute sie an und nickte. Über eine halbe Stunde sprachen die beiden miteinander. Sie solle ihn anrufen, sagte er. «Ich war vollkommen durch den Wind, mein ganzes Leben kam hoch.»

Nach der Begegnung auf dem Parkplatz schrieb Melanie ihrem Vater einen Brief. 14 Tage später folgte ein langes Telefongespräch, und noch einmal einige Tage später das lang ersehnte Treffen. «Das Treffen musste nun endlich stattfinden, viel zu lange hatte ich gewartet, die Zeit läuft schliesslich.» Ihr leiblicher Vater ist heute 78 Jahre alt und sie überglücklich, dass sie noch die Gelegenheit hat, ihn kennenzulernen. Endlich bekommt sie die Bestätigung, dass sie immer recht hatte: «Ich habe mich als Mensch nicht geirrt.» Ihr leiblicher Vater macht sich Vorwürfe. Sagte ihr, dass er damals geahnt hatte, dass sie seine Tochter sei. Er könne ja schliesslich auch rechnen. Sicher war er sich aber nicht, und eine Eskalation wollte er nicht provozieren. Heute steht er zu seiner Tochter. Er habe nichts zu verstecken.

Melanie klagt niemanden an: «Wir alle wissen nicht immer, was zu tun ist.» Aufgrund der damaligen Situation und Zeit versteht sie das Handeln ihrer Mutter sogar ein wenig. Die Offenheit wäre eine Ohrfeige für ihre Familie gewesen. Das Gespräch mit ihr schiebt Melanie noch etwas vor sich her. Alles braucht seine Zeit.

Martin (62): «Wenn du weisst, woher du kommst, ist es leichter, nach vorne zu gehen.»

Martin kam 1952 als uneheliches Kind zur Welt. Er fühlte sich stets als «Fremdkörper» in seiner Familie.
Martin kam 1952 als uneheliches Kind zur Welt. Er fühlte sich stets als «Fremdkörper» in seiner Familie.

Martin (62)* wird nie die Gelegenheit haben, seinen leiblichen Vater kennenzulernen. Er verstarb bereits 1978. Darüber ist Martin sehr traurig. Er versucht deshalb umso mehr, den Kontakt zu seinen irischen Halbbrüdern aufzubauen. Diese sind aber nicht erfreut über die Existenz von Martin.

Martin wurde 1952 in Zürich geboren. Seine Mutter ist Engländerin, kam als Kind vor dem Krieg in die Schweiz zu ihrer Tante. Sie war damals unverheiratet und arbeitete als Schuhverkäuferin. Martin wuchs mehrheitlich bei seiner Grosstante auf. Irgendwann sei dann ein Mann aufgetaucht, den die Mutter 1956 heiratete und den Martin fortan Daddy nannte. Ein Jahr später kam sein erster Bruder zur Welt, 1960 der zweite. Martin tanzte mit seinen Locken deutlich aus der Reihe.

Mit circa zehn Jahren rief seine Mutter ihn in die Küche und eröffnete ihm, dass sein richtiger Vater vor seiner Geburt abgehauen sei. Er brauche sich aber keine Gedanken darüber zu machen. Die Beziehung zu seinem Stiefvater wurde nie besonders eng, war aber auch nicht schlecht.

Die Mutter schwieg das Thema tot

Mit 18 ging er von zu Hause weg. «Vorher war ich immer sehr klein, doch als ich mein Zuhause verliess, begann ich plötzlich zu wachsen», erinnert sich Martin und fügt hinzu: «Ich habe mich immer als Fremdkörper gefühlt, und mit 18 konnte ich mich endlich von diesem Gefühl befreien.»

In dieser Zeit sprach er seine Mutter das erste Mal auf seinen leiblichen Vater an. «Das musst du nicht wissen, das ist nicht wichtig», wies ihn seine Mutter an. Damit war das Thema für die Mutter abgeschlossen. Doch Martin liess nicht locker und ging zur Vormundschaftsbehörde. Dort forderte er Einsicht in seine Akte, die existierte, weil er ein «unehrliches Kind» war. So nannte man die ausserehelichen Kinder früher. Martin fand einen Namen und konfrontierte seine Mutter damit. Wieder war ihre Reaktion ernüchternd: «Sie stritt alles ab und sagte, dass sie damals einfach irgendeinen Namen angegeben habe.» Die Jahre vergingen.

In den 90er-Jahren lernte Martin eine Frau kennen, die er heiraten und mit der er Kinder haben wollte. Doch bevor er sein Vorhaben umsetzen konnte, musste er seine Wurzeln finden. Auch dieses Mal liess ihn seine Mutter ohne Antworten stehen. «Meine Mutter ist sehr autoritär», sagt Martin. Deshalb musste er einen anderen Plan entwickeln. Martin sass mit seinen Schweizer Halbbrüdern zusammen, und zu Dritt übten sie heftigen Druck auf die Mutter aus. Sie drohten gar damit, den Kontakt zu ihr abzubrechen, wenn sie sich nicht endlich kooperativ zeigt.

Nach zwei Tagen rief sie Martin zu sich und legte einen gelben Umschlag auf den Tisch: «Habe etwas gefunden», sagte sie wortkarg. Im Umschlag befanden sich Briefe von Martins Vater. Martin stachen damals sofort die irischen Briefmarken ins Auge: Die irischen Marken waren tough. Das ist also ein Teil von ihm, dachte er. Die Poststempel lieferten weitere Anhaltspunkte. Sieben Computerklicks und einige Telefonanrufe später hatte er eine erste Spur seines Vaters gefunden.

Für Martin begann sich langsam aber sicher der Kreis zu schliessen, mochte er doch schon immer irische Musik und wusste nicht, woher diese Liebe kam. Und in den 70er-Jahren hatte er eine Irlandreise unternommen und wäre damals beinahe auf der Insel sesshaft geworden.

Die irischen Halbbrüder wollen keinen Kontakt mit Martin

Nach weiteren Recherchen stiess Martin auf seine irischen Halbbrüder. Er nahm allen Mut zusammen und schrieb ein Mail. «Das war ein sehr bibberiger Moment.» Die Antwort der Halbbrüder war ernüchternd: Wir möchten dich nicht treffen. Martin vermutet, dass sie befürchteten, dass ein Treffen das Bild, das sie von ihrem Vater hatten, noch zusätzlich belasten würde.

Sie boten ihm aber an, seine Fragen zu beantworten, und Martin erfuhr endlich die Geschichte seines Vaters: Nach seinem Sommer in der Schweiz kehrte er zurück nach Irland, wo er eine Frau heiratete und mit ihr zwei Söhne hatte. Später verliess er jedoch die Familie und wanderte nach Neuseeland aus, wo er 1978 verstarb. Martins Vater musste von der Existenz seines dritten Sohns gewusst haben, dauerten doch die Briefwechsel mit Martins Mutter bis nach dessen Geburt an. Die Möglichkeit für eine gemeinsame Zukunft schien es aber damals nicht gegeben zu haben.

Ein Gentest bestätigte Martin endgültig, dass er keltischen Ursprung in der Vaterlinie hat. «Wenn du weisst, woher du kommst, ist es leichter, nach vorne zu gehen», ist er überzeugt. Nächstes Jahr wird Martin nach Irland reisen und die Plätze besuchen, wo sein Vater einst gelebt hat.

Anna (23): «Ich habe neue Wurzeln dazubekommen. Das finde ich schön.»

Anna ist glücklich, findet aber, es wäre besser gewesen, die Mutter hätte ihr von Anfang an die Wahrheit gesagt.
Anna ist glücklich, findet aber, es wäre besser gewesen, die Mutter hätte ihr von Anfang an die Wahrheit gesagt.

Anna (23)* hadert nicht mit ihrem Schicksal. Vielmehr geniesst sie es, einen zweiten Vater zu haben. Ihrer Mutter ist sie nicht böse, ist aber zugleich sicher, dass sie ihrem Kind die Wahrheit nicht so lange verheimlichen könnte.

September 2012. Die 21-jährige Anna kam nach der Arbeit etwas früher nach Hause und spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. Ihre Mutter erschrak, als sie ihre Tochter erblickte, und fragte: «Was machst du schon hier?» Sie war sehr nervös. «Was ist los?», fragte Anna. «Es geht um dich», antwortete ihre Mutter stockend. Die beiden setzten sich auf Annas Bett, und nach einigen Minuten begann ihre Mutter zu erzählen.

Annas Vater ist nicht ihr richtiger Vater, Annas Schwester nur ihre Halbschwester. Annas Mutter begann zu weinen, Anna tröstete sie. «Ich konnte ihr nicht böse sein», erinnert sich die junge Frau an jenen Nachmittag. Sie habe zuerst gar nicht richtig begriffen, was das alles bedeute. Erst nach über zwei Wochen begann sie zu verstehen. Ihre Eltern waren damals bereits seit elf Jahren geschieden. «Für mich änderte sich also nicht viel», erzählt Anna.

Nur die beste Freundin kannte das Geheimnis der Mutter

Vor 24 Jahren hatte ihre Mutter eine Affäre gehabt, aus der Anna hervorging. Sie teilte das Geheimnis nur mit ihrer besten Freundin. Familienfeiern waren fortan der Horror, zu gross war die Angst, das Geheimnis könnte auffliegen. Annas verräterische Locken versuchte die Mutter unermüdlich zu glätten. Damals hatte sich die Mutter vorgenommen, die Wahrheit zu sagen, wenn Anna, ihre Halbschwester oder ihr Ex-Mann sie direkt fragen würden. Aber es fragte niemand während all der Jahre. Nur der leibliche Vater fragte seine Geliebte ganz zu Beginn der Schwangerschaft, ob das Kind von ihm sei. Doch Annas Mutter stritt dies ab. Er bedauert heute sehr, dass er Annas Kindheit verpasst hat. Beim Interview mit Anna wollte er dabei sein. Ihm war es wichtig, einen seiner Gedanken loszuwerden: «Ein einziger Mensch trifft für sich eine Entscheidung, und so viele andere müssen die Auswirkungen dieser Entscheidung tragen.»

Die Jahre vergingen, und die Mutter lüftete das Geheimnis erst, als der offizielle Vater Zweifel an seiner Vaterschaft bekam und seine Exfrau direkt darauf ansprach. Die beiden Mädchen entwickelten sich derart unterschiedlich, als sie älter wurden, dass er seine Zweifel nicht länger unterdrücken konnte.

Anna ist sich nicht sicher, ob sie die Wahrheit schon früher hätte wissen wollen. «Als Kind wäre ich vermutlich mit der Scheidung meiner Eltern und der gleichzeitigen Lüftung des Geheimnisses überfordert gewesen.» Vielleicht wäre auch der Kontakt zu ihrem «ersten» Vater verloren gegangen, gibt sie zu bedenken. «Das Beste wäre aber schon gewesen, die Wahrheit von Anfang an zu sagen.» Negative Auswirkungen auf die Beziehung zu ihrem ersten Vater hatte das Geständnis der Mutter keine. «Er scheint sich mit der neuen Situation arrangieren zu können», sagt Anna. Ihre beiden Väter haben sich sogar einmal zu einem Gespräch getroffen.

Die Augen, die Hände, die Haare – sofort verglichen sie alles

Die Mutter hatte den leiblichen Vater bereits im Vorfeld des klärenden Gesprächs mit ihrer Tochter über deren Existenz aufgeklärt und ihn gefragt, ob Anna ihn anrufen dürfe, wenn sie dies wünsche. Erst nachdem sie seine Einwilligung hatte, klärte sie auch Anna auf und gab ihr seine Telefonnummer.

Anna rief ihren leiblichen Vater kurz darauf an. Sie vereinbarten ein Treffen in Zürich. Annas Vater erinnert sich gut: «Ich war noch nie so nervös wie damals, mein Herz raste!» Anna lächelt und erzählt: «Im Zug wurde mir übel, und als ich über den Platz im Bahnhof Zürich ging, klappte ich fast zusammen, so weiche Knie hatte ich.» Dann standen sie sich gegenüber, musterten sich und begannen sofort zu vergleichen: die Augen, die Hände, die Haare. Beim gemeinsamen Essen brachten die beiden keinen Bissen runter und redeten nonstop. «Ich wollte alles wissen, wollte wissen, wer dieser Mensch ist», sagt Anna.

Die junge Frau hadert nicht mit ihrem Schicksal und freut sich stattdessen über die positiven Seiten ihrer Lebensgeschichte: «Ich habe neue Wurzeln dazubekommen. Das finde ich schön.» Auch die Familie ihres leiblichen Vaters freue sich über ihre Besuche. «Wir haben ein sehr gutes Verhältnis, und unsere Begegnung ist für alle eine Bereicherung.»

* Namen der Redaktion bekannt

Bilder: Nathalie Bissig

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