02. Mai 2018

Eine Modedesignerin für die Entwicklungshilfe

Erica Matiles hat dank ihrem Engagement in Westafrika für die Entwicklungsorganisation Helvetas eine Modekollektion entwickelt.

Erica Matile in ihrem Atelier
«Bei allem, was ich im Leben gemacht habe, war ich eine Quereinsteigerin», sagt Erica Matile.

Es war so etwas wie ein Befreiungsschlag. Als Erica Matile auf die 50 zuging, hatte sie genug vom Modemachen. Sie beschäftigte damals drei Angestellte, liess ihre Kleider in Europa produzieren und verkaufte sie in Mailand, Paris, New York und Japan. Nationale und internationale Modepreise krönten ihren Erfolg.
Und doch entschied sie, ihr Label «Erica Matile» nach 18 Jahren per Februar 2005 einzustellen. «Ich war zum Schluss mehr Managerin als Designerin – mir fehlte die kreative Arbeit», sagt die 61-Jährige rückblickend.

Endlich hatte sie wieder Zeit, das zu tun, was sie am liebsten tut: eigene Projekte von A bis Z umzusetzen. Sie arbeitete als freischaffende Stylistin, Filmsetdesignerin und Wohnberaterin. Unter anderem entwickelte sie Kostüme und Setdesigns für verschiedene Sendungen des Schweizer Fernsehens. Zur Mode sollte sie erst zehn Jahre später zurückfinden.

Zeit zum Schreiben und Lehren

In der modeabstinenten Zeit setzte Erica Matile einen lang gehegten Wunsch um: 2009 erschien ihr erstes Buch «Vom Fleck weg». Ihre rund 1000 Tipps für das tägliche Leben decken ein breites Spektrum an Fragen ab. Der Hund hat Blähungen? Das Kind will einfach nicht einschlafen? Der Fischgeruch hat sich in der Wohnung festgesetzt? Und der Lippenstiftfleck auf der Bluse? Schon als Designerin war sie fasziniert von einfachen, oft vergessenen Lösungen.

Ausserdem mag sie schöne Dinge und glaubt an ein zweites und drittes Leben von Kleidern und Möbeln. Und so flickt sie, was sie flicken kann. Dabei hilft ihr auch der Blick für originelle Kombinationen, der ihre Karriere in der Modebranche mit Mitte 20 ins Rollen brachte: Nach der Handelsschule arbeitete Matile Teilzeit als redaktionelle Mitarbeiterin, daneben entwarf sie Kleidungsstücke. Sie kaufte in Brockenhäusern Abendkleider und Handtaschen, aus denen sie neue Sweatshirts nähte.

«Bei allem, was ich im Leben gemacht habe, war ich eine Quereinsteigerin», sagt sie. Auch mit Autoritäten habe sie immer ihre liebe Mühe gehabt. Dennoch hat sie das Angebot, ihr Know-how weiterzugeben, mit Freude angenommen. Inzwischen ist Erica Matile bereits drei Mal für das Hilfswerk Swisscontact-Seniorcorps in den westafrikanischen Staat Benin gereist, um dort Schneiderinnen und Schneider während drei bis fünf Wochen weiterzubilden.

Spannend, bereichernd, aber auch anstrengend sei das. Statt wie geplant zwölf Schülerinnen und Schüler seien es meistens um die 30, die von ihrem Wissen profitieren wollten. Dabei werde sie immer zur «Big Mama». «Ich bin froh, dass ich kein junges ‹Bibi› mehr bin», sagt sie. Ihre Reife verleihe ihr eine natürliche Autorität.

Fair und Bio, aber stilvoll

In der Hoffnung, ihren Schützlingen unter die Arme zu greifen, fragte sie bei der Entwicklungsorganisation Helvetas an, ob Interesse an den Produkten aus Benin bestehe. Aus dem Kontakt entstand sogleich eine neue Idee: eine Kollektion für den Helvetas-Fairshop (siehe unten). Nach zehnjähriger Modeabstinenz juckte es Erica Matile wieder in den Fingern – und sie sagte zu.

Erstmals entwarf sie eine Kollektion aus Strick. Keine trendigen Kommerzstücke, sondern Kleider, in denen man sich wohlfühlen sollte. Entstanden sind sechs wandelbare Einzelstücke aus Strick, die es ab sofort zu kaufen gibt. «Mit dieser Kollektion kann ich zeigen, dass Fair und Bio sehr stilvoll daherkommen können», sagt Erica Matile.

Die Arbeit wird der Designerin auch in Zukunft nicht ausgehen. Sie fertigt aus westafrikanischen Stoffen neue Decken und Kissen, indem sie ausgewählte Motive aus den Stoffen ausschneidet und auf Schweizer Leinen anbringt. Noch schmücken die Textilien erst ihr eigenes Heim. Ausserdem schwebt ihr ein Kunstbuch vor, das sie dem Handwerk in Westafrika widmen möchte. Und möglicherweise wird sie künftig auch wieder mehr zu flicken haben: Seit Kurzem machen zwei wilde Kätzchen aus Bulgarien ihr Zuhause unsicher.

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