14. November 2018

«Swiss Arctic Project» – mit einer Idee gegen den Klimawandel

Kälte mag er eigentlich nicht. Trotzdem reist Charles Michel mit seiner Frau Doris in die Arktis, um gegen den Klimawandel zu kämpfen. Ihr gemeinsames «Swiss Arctic Project» wirft mediale Wellen, aber getan sei es damit noch lange nicht.

MV San Gottardo in der Arktis
Die MV San Gottardo ist wärmere Gewässer gewohnt: Charles Michel kaufte sie einem Italiener ab, jetzt warte sie in Norwegen auf den nächsten Einsatz. (Foto: Swiss Arctic Project)
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Wetterprognosen stimmen auch in der Arktis nicht. «Wahnsinn, wie unpräzise die sind. Fast wie Bingo-Spielen», sagt Charles Michel. Jeden Morgen schaue er zum Schiffsfenster hinaus,ärgere sich und plane dann den Tag. «Es hat fast etwas Rituelles». Zusammen mit seiner Frau Doris Codiga hat der 61-Jährige die vergangenen zwei Jahre auf einem Schiff in den nördlichsten Gewässern der Erde verbracht. Eineinhalb Jahre davon zur intensiven Vorbereitung, um diesen Sommer dann für drei Wochen mit fünf jungen Menschen durch die Arktis zu fahren – der Höhepunkt des «Swiss Arctic Projects».

Auslöser für dieses Vorhaben war eine Antarktisexpedition, die Charles Michel vor einigen Jahren begleiten durfte. Als Dokumentarfilmer war er über 30 Jahre lang für das Schweizer Fernsehen tätig und dokumentierte Extremsituationen auf der ganzen Welt: Kriege, Konflikte und Naturkatastrophen.

In der Antarktis seien ihm dann zwei Dinge auf ganz unmissverständliche Weise klar geworden: «Erstens ist der Klimawandel viel schlimmer als wir uns das je vorstellen konnten. Zweitens sind zwar wir daran schuld, aber ausbaden müssen es unsere Kinder.»

Mit seinen Filmen erreiche er sie nicht, das sei ihm schnell klar gewesen. Also grübelte er mit seiner Frau, mit welcher Idee man die jungen Generationen auf den Klimawandel aufmerksam macht und sie im besten Fall dazu bringt, ihr Verhalten zu ändern.

Charles Michel und seine Frau Doris vom «Swiss Arctic Project»
«Wir sind am Klimawandel schuld. Ausbaden müssen es aber unsere Kinder. Darum müssen wir sie erreichen», sagt Charles Michel.

Über einen Wettbewerb suchten die beiden junge Leute, die den «coolsten Sommerjob der Welt» ausüben wollten: An einer dreiwöchigen Arktisexpedition teilnehmen und auf sämtlichen Social-Media­Kanälen darüber berichten. «Junge müssen zu Jungen sprechen, nur so funktioniert es.»

Verrückt, aber überzeugt

Die beiden suchten dafür auch Sponsoren. «Doch die meinten alle, wir spinnen. Wer nimmt schon das Erbe der Kinder, und kauft ein Schiff, um damit in die Arktis zu reisen?» Michel lacht ein tiefes Lachen, wenn er sich daran erinnert. «Alle denken, ich sei so ein Öko-Freak. Aber das stimmt gar nicht.»

Natürlich seien sie verrückt, aber eben auch sehr überzeugt davon, dass jeder etwas tun muss, um den Klimawandel zu stoppen. Sie hätten beide viel Glück gehabt im Leben. Das «Swiss Arctic Project» sei ihre Art, etwas zurückzugeben. «Aber nicht eine Idee reicht aus, es müssen tausende sein. Die Holzzahnbürste allein reicht eben nicht, um die Welt zu retten.»

Darum hat er Mühe mit der Politik: «Ich bin erschüttert, dass uns das Thema Klimawandel so kaltlässt», sagt er mit leicht enerviertem Unterton. Das ganze Wirtschaftssystem müsse sich grundlegend ändern: «Umweltschädliches Verhalten muss so viel kosten, dass es sich nicht mehr lohnt. Und Umweltschonendes muss zur Goldgrube werden.» Die Politiker seien gefordert, denn sie legten schliesslich die Spielregeln fest.

Die beiden kauften vor gut zwei Jahren die MV San Gottardo und reisten gen Norden. Eineinhalb Jahre bevor die fünf Wettbewerbssieger an Board kamen, denn es sei ja nicht die Limmat in Zürich. «Wir konnten nicht ein Schiff übernehmen und sofort mit ein paar jungen Leuten loslegen. Die Arktis hat die gefährlichsten Gewässer der Welt», sagt Doris Codiga.

Das Ehepaar lernte das Schiff kennen, und eignete sich seemännische Fähigkeiten an. Und auch die Expeditionsteilnehmer mussten sich vorbereiten: Auf die kalten Gewässer, oder auf ein Zusammentreffen mit Eisbären. Glücklicherweise gab es das nicht und die Schiessübungen blieben Übungen. 

Müll an einem Strand in der Arktis
Die Expeditionsteilnehmer waren erschüttert vom Müll, den sie an entlegenen Stränden fanden. (Foto: Swiss Arctic Project)

Schlaflose Nächte habe es darum keine gegeben. «Nur wenn sie um zwei Uhr noch Party machen wollten, konnten wir nicht schlafen», erinnert sich die 60-Jährige. Es sei das Allerschönste gewesen, zu sehen, wie das Team funktioniert. Nie habe es Auseinandersetzungen gegeben. «Und dabei waren wir zwölf Personen auf dieses Schiff beschränkt. Auch wenn es regnet: Man kann nicht einfach weg».

Und die eigenen vier Kinder? «Die mussten natürlich schon einverstanden sein mit unserem Plan.» Eben, ihr Erbe war ja involviert. Hie und da hiess es schon «ou nei Papi, nöd wider Klimawandel!». Sie hätten halt manchmal den Overkill, sagt Michel. Aber natürlich waren sie einverstanden; die Jüngste, Sabine (28), war sogar mit an Bord und schmiss in der Arktis den Küchendienst.

Ernüchternde Beobachtungen

Die Schönheit der Arktis erschüttere. «Ist man das erste Mal da, hat man ja keinen Vergleich. Da ist alles überwältigend», sagt Michel. Die Ausmasse des Klimawandels würden einem dann aber schnell bewusst: Dass ein Gletscher, den er im vergangenen Jahr auf einer Karte einzeichnete, diesen Sommer um über einen Kilometer geschmolzen sei, habe ihnen allen zu schaffen gemacht.

Und auch, dass an den entlegensten Stränden haufenweise Müll herumlag. «Aber unser Expeditionsteam fühlte keine Ernüchterung, sondern nur noch grösseren Tatendrang.» Fleissig posteten die jungen Leute – alle zwischen 19 und 22 Jahre alt – auf Social Media über ihre Erfahrungen.

MV San Gottardo vom «Swiss Arctic Project» in der Arktis
Die Expedition stellte fest, dass ein Gletscher innerhalb eines Jahres um einen Kilometer geschmolzen war. (Foto: Swiss Arctic Project)

Glücklicherweise hätten sie die Glasfaserkabel der lokalen Forscher nutzen dürfen. Ansonsten würde ein Gigabyte Daten in der Arktis bis zu 16 000 Franken kosten. Die Klickzahlen übertrafen die Erwartungen bei weitem. Die Ziele des Projekts hätten sie somit zu 100 Prozent erreicht. «Und alles ohne einen Franken Marketingbudget. Vielleicht hat uns da ironischerweise sogar der Hitzesommer geholfen», sagt Charles Michel.

Er trägt einen dicken Wollpullover, der für das freundliche Zürcher Herbstwetter fast zu warm ist, und eine sehr dunkle Sonnenbrille. Das Zurückkommen sei für beide gewöhnungsbedürftig. Das Herumsitzen am Flughafen, die Wohnung in Bonaduz, und auch der Rhythmus des Lebens: «Die Zeit läuft einfach anders in der Arktis.»

Hingegen freut er sich auf die Wärme: «Ich bin eigentlich ein Sonnenkind. So lange in der Kälte zu sein, ist für mich ein grosser Verzicht.» Anders ist es für seine Frau: Ihr macht Kälte nichts aus. Sie trägt eine leichte weisse Jacke mit dem Logo des Projekts. «Für mich war die Rückkehr unglaublich schwer. Mittlerweile bin ich fast eher in der Arktis zu Hause.»

Das Team der MV San Gottardo vom «Swiss Arctic Project» in der Arktis
Das Team habe einwandfrei funktioniert. «Ständig gab es neue Ideen und es wurde bis in die Nacht diskutiert», sagt Doris Codiga. (Foto: Swiss Arctic Project)

Einig sind sie sich in ihrer Absicht, mit dem Swiss Arctic Project weiterzufahren. Darum sind sie jetzt auf Sponsorensuche, denn auch im kommenden Jahr sollen wieder junge Leute live vom Schiff aus berichten. Wie genau das Projekt weiterläuft, das wissen die beiden noch nicht. Das Planen für die Arktis sei nun mal schwer – nicht nur wegen der schlechten Wetterprognosen.

Aber dass sie beide auch nächstes Jahr wieder an Bord der MV San Gottardo, die in Norwegen wartet, gegen Norden reisen, das ist die zuverlässigste Prognose der Welt.

Weitere Informationen: swissarcticproject.org

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