18. Januar 2018

Eine Grand Old Lady zum Verlieben

Unter weissen Segeln übers Meer wie vor 100 Jahren: Sea Cloud Cruises spricht Romantiker und Nostalgiker an und tuckert gemütlich auf den Weltmeeren – eine andere Form des entschleunigten Reisens.

Segel Sea Cloud II
3000 Quadratmeter Segel, drei Masten und maximal zehn Knoten: Die «Sea Cloud II» spricht Nostalgiker an.
Lesezeit 6 Minuten

Der erste Blick ist eine kleine Enttäuschung: Wie ein verlassenes Entlein liegt der Dreimaster «Sea Cloud II» vor Anker – im Schatten riesiger Kreuzfahrtschiffe im Hafen von Arrecife/Lanzarote. Das soll in den nächsten Tagen unser Zuhause sein auf unserer Seereise zwischen den Kanarischen Inseln? Kann man sich auf diesem kleinen Ding tatsächlich behaglich fühlen?

Erster Anblick im Hafen von Arrecife von Lanzarote: die «Sea Cloud II» mit eingezogenen Segeln.

Ähnlich wie bei den Menschen lohnt es sich auch bei Kreuzfahrtschiffen, auf die inneren Werte zu achten. Einmal an Bord, sorgt dieser kleine, aber feine Dreimaster für Liebe auf den zweiten Blick: Die Kabine ist überraschend grosszügig gestaltet, das Badezimmer mit einer Dusche und Badewanne sowie Körperpflegeprodukten von L’Occitane aus der Provence ausgestattet.

Eine Kabine wie ein grosszügiges Hotelzimmer: Der Gast fühlt sich an Bord sofort wohl.

Und im Gegensatz zu den Supertankern des maritimen Massentourismus findet man sich auf diesem Schiff mit den nur vier Decks schnell zurecht. Aber: Auf der «Sea Cloud II» gibt es keine Swimmingpools, Kletterwände, Golfsimulatoren, kein Spa, keine Einkaufspassagen, Kochstudios und was die Mega-Schiffe der neusten Generation sonst noch so zu bieten haben.

Eine Reise mit der «Sea Cloud» ist eine Segelkreuzfahrt und keine Expedition von Reisezielen.

Eine Hauptattraktion der «Meereswolke» ist 3000 Quadratmeter gross: Auf dieser Fläche dehnen sich die Segel aus. Denn die Schiffe der «Sea Cloud» knüpfen an die Tradition berühmter Clipper an, die Anfang des 20. Jahrhunderts auf den Weltmeeren unterwegs waren. Mit gesetzten Segeln reist der Dreimaster maximal 10 Knoten oder 18 Kilometer pro Stunde langsam. Normalerweise fährt das Schiff sogar nur mit 7 Knoten.

Die deutsche Zahlmeisterin Julia Deleye wollte die Welt kennen lernen und heuerte deshalb auf dem Dreimaster an.

«Wir sind keine Schnellfähre, wir bieten eine Entschleunigungsreise», sagt Julia Deleye (33). «Am liebsten würden wir ausschliesslich segeln, müssen aber unseren Fahrplan einhalten. Dieser hängt von der Route, dem Wind und dem Wetter ab. Deshalb kommt auch der Motor zum Einsatz.» Deleye arbeitet als Zahlmeisterin an Bord, kümmert sich also um die Ein- und Ausdeklarierung in den Häfen, um die Reiseabrechnung, ist Ansprechpartnerin der ein- und abgehenden Crewmitglieder und deren Zahltage. Die Frage des Journalisten, ob sie deswegen unter den Angestellten beliebt sei, quittiert die junge Deutsche – Vater Franzose, Mutter aus Nordrhein-Westfalen – mit einem Lächeln.

Sechs Inseln und Häfen in acht Tagen

Für die Purserin, wie ihr Beruf auf Englisch heisst, gibt es auf dieser Kreuzfahrt von Marokko zu und zwischen den Kanarischen Inseln viel zu tun, weil das Schiff alleine in acht Tagen sechs verschiedene Häfen anläuft. Für die Passagiere, durchschnittlich knapp unter 60 Jahre alt und mehrheitlich aus Deutschland, seltener aus der Schweiz, Skandinavien oder den USA, hat dies den Vorteil, dass sie von Insel zu Insel reisen und dabei nicht jedes Mal ein neues Zimmer beziehen. Das muss gerade die ältere Kundschaft schätzen, denn einige von ihnen stossen nur schon einen Seufzer aus, wenn sie sich von ihrem Liegesessel erheben, weil diese Bewegung nicht mehr so leicht fällt. Viele Gäste gehören zu den Segelnostalgikern, die interessiert beobachten, wie die weissen Segel von den Matrosen gesetzt und wieder eingezogen werden, wie der Wind sich im Tuch füllt und für ein angenehmes Rauschen sorgt. An Bord gibt es vom Frühstücksbuffet über Vorträge, Tea Time und bis zum Abendimbiss um 22.30 Uhr immer irgendetwas zu tun – und sei es nur, in die Weite des Atlantiks zu blicken und Sonnenschein zu tanken. Die Lieblingsecke von Deleye: das Vordeck auf Deck 4, wenn die Segel gesetzt sind.

Ein weiteres Werk des Künstlers César Manrique: der «Jardín de Cactus» auf Lanzarote.

Unterwegs sehen wir, wie vielfältig sich die Kanarischen Inseln trotz Massentourismus und Billigfliegern präsentieren. Auf den Landausflügen begegnen wir der mondähnlichen Landschaft des Timanfaya-Nationalparks auf Lanzarote. Vor zehn Uhr morgens zeigt sich dieser wortwörtlich im besten Licht. Wir besuchen in nachbarschaftlicher Nähe mehrere Weingüter (mein Favorit: El Grifo) und blicken auf Reben, die an den Anbau auf Santorini erinnern. Wir sind begeistert vom «Jardín de Cactus» sowie vom genialen Künstler César Manrique, dessen Visionen im aus vulkanischem Boden entstandenen Haus der gleichnamigen Stiftung zu sehen sind. Es kommt zu Begegnungen mit den Sandstränden von Corralejo auf Fuerteventura, dem Teide-Nationalpark auf Teneriffa, wo sich mit dem über 3700 Metern hohen Pico del Teide die höchste Erhebung auf spanischem Staatsgebiet befindet. Wir verlieben uns in die Hafenstadt Santa Cruz auf La Palma mit ihren historischen Holzbalkonen, engen Gassen und dem Kopfsteinpflaster. Die ruhig gebliebene Insel La Gomera schliesslich punktet mit ihrer zerklüfteten vulkanischen Gebirgslandschaft. Und die Inselhauptstadt San Sebastián hat seit einigen Monaten eine neue, schöne Promenade entlang des schwarzen Stadtstrandes.

Das Sonnendeck wandelt sich mittags und abends bei entsprechendem Wetter zum Speisesaal um.

La Gomera erreicht man übrigens auch mit Fähren ab Teneriffa. Diese Verbindung ist quasi die Lebensader der kleinen Insel. Deshalb hat der Fahrplan der Fähren Vorrang, und so kann es eben sein, dass das Boutiqueschiff schon am Morgen vor dem Hafen von Gomera schwimmt, die Passagiere aber erst sechs Stunden später die Insel erkunden können, weil im Hafen die Fähren zirkulieren müssen. Die Zeit auf den Inseln ist generell relativ kurz. Eine Seereise mit der «Sea Cloud II» ist eine Segelkreuzfahrt und nicht eine Entdeckungsreise der Kanarischen Inseln. Trotzdem kann es sich lohnen, die An- und Abfahrtszeiten vor Abreise ab der Schweiz anzuschauen und danach einen Mietwagen zur individuellen Entdeckung der Insel zu reservieren – oder man schliesst sich den offiziellen Ausflügen für die Passagiere an, reist dann aber im grossen Bus über die Insel.

Julia Deleye erblickte die «Sea Cloud II» erstmals im Hafen von Hamburg und hat sich prompt in das Schiff verliebt. «Ich wollte wissen, wie es ist, auf See zu arbeiten und möglichst viel von der Welt sehen.» Besonders angetan ist die junge Frau von den Häfen Bonifacio auf Korsika, der kroatischen Insel Korcula sowie den Karibikorten Soufrière auf St. Lucia und Cabrits auf Dominica. Sie schätzt den persönlichen Umgang mit den Gästen, was auf den Mega-Linern schlicht unmöglich ist.

Entschleunigend die Weite des Atlantiks geniessen: Gäste auf dem Sonnendeck der «Sea Cloud II».

Gesetzte Segel fernab der Hektik Die Kehrseite von Deleyes Beruf: Die junge Frau stemmt eine 7-Tage-Woche und sieht ihren südlich von Ulm lebenden Freund manchmal monatelang nicht. Dank Offiziersstatus ist ihr zwar eine Einzelbettkabine sicher – aber auf Deck 1, wo nur Bullaugen für ein wenig Licht sorgen. Wie in der Kreuzfahrtenbranche üblich, logieren auch auf dem Dreimaster die Angestellten weniger komfortabel als die Passagiere.

Um 19.30 Uhr klingelt in alter Seefahrttradition die Glocke: Das Restaurant ist fürs fünfgängige Abendessen hergerichtet, bei freier Tischwahl. Nebst runden Tischen gibt es solche für Zweisamkeit. Der deutsche Chefkoch Michael Fietz zeigt, auf welch hohem Niveau er und seine Crew arbeiten. Beim Kapitänsdinner gibt es unter anderem ein Stundenei, Kaviar und braune Butter und zum Hauptgang Hochrippe an Barbecue-Jus. Seine Innovationskraft hat er bereits beim Mittagsbuffet bewiesen: Der Salat von karamelisiertem Rettich erinnert an eine koreanische Speise, die Spaghetti aus dem Grana-Padano-Laib haben den nötigen Biss. Die Crew singt nach dem Essen Seemannslieder und verbreitet Gefühle von Nostalgie und Sehnsucht. Das gemächliche Bordleben unter gesetzten Segeln fernab der Hektik des Alltags wirkt ansteckend und beruhigend. Und später wiegen einen die Wellen des Atlantiks sanft in den Schlaf.  

Die Recherche dieser Reise wurde unterstützt von Sea Cloud Cruises GmbH in Hamburg.

Begegnung mit der Schwester: die «Sea Cloud» unter gesetzten Segeln in der Nähe der Insel La Gomera im offenen Atlantik.

Benutzer-Kommentare