09. Juli 2018

Eine Frau radelt nach China

Eine Tour mit dem E-Bike nach China. Bis Ende des Jahres will Andrea Freiermuth in Peking sein. Kurz bevor es losgeht, sorgt sie sich um ihr Gepäck, nicht vorhandene Steckdosen auf dem Weg und ein bisschen auch um sich selbst.

Illustration: Andrea Freiermuth radelt nach Peking
Entfernte Ziele: Reporterin Andrea Freiermuth ist mit dem E-Bike auf dem Weg nach Peking. Die Strecke führt über die historische Seidenstrasse.

Seit Tagen schon schlafe ich schlecht und habe Bauchschmerzen. Denn morgen fahre ich ab. Mit dem E-Bike über den Bernina und den Balkan, durch die Türkei und den Iran – bis nach China. Langsam, aber stetig hat sich die Idee dieser E-Bike-Reise nach Peking in meinem Kopf gefestigt. Ich habe mich für die Seidenstrasse entschieden, weil das eine historische Route ist. Seit 2013 ist sie aufgrund der One-Belt-One-Road-Initiative (OBOR) der Chinesen wieder im Gespräch: Die alten Handelswege sollen neu belebt werden.

Ich träume von interessanten Begegnungen dort, bildgewaltigen Landschaften und absoluter Freiheit. Und von einer guten Sache: Denn Velos mit elektrischer Unterstützung sind eine tolle Erfindung, die mehr Aufmerksamkeit verdient. Als radelnde Reporterin möchte ich etwas dazu beitragen. Schritt für Schritt habe ich die Vorbereitungen in Angriff genommen. Dass ich das Ganze tatsächlich einmal realisieren würde, daran habe ich selber nicht so recht geglaubt. Jetzt ist es so weit, und ich habe Angst. Das Bargeld und die Kreditkarte trage ich auf der Haut, den Rosenkranz meiner Mutter um den Hals. Und der Schweizer Pass liegt immer griffbereit im Körbchen am Lenker. Doch mitten in der Islamischen Republik Iran helfen Gott und Vaterland wohl wenig. Und Papier und Plastik lassen sich einer abgekämpften Radfahrerin leicht abnehmen.

Abgesehen davon wird mich mein Flyer Upstreet 5 mit Tretunterstützung bis zu 25 Kilometer pro Stunde und 36-Volt-Motor ohnehin als Kapitalistin entlarven. Und dann ist da auch noch ein Computer, eine Kamera und allerlei teures Campingmaterial im Gepäck. Ich fahre eine Ausrüstung im Wert von rund 10 000 Franken spazieren. Notabene in Regionen dieser Welt, in denen dieser Betrag weit mehr als einem Jahreseinkommen entspricht.

Abgesehen von meiner Verletzlichkeit als Frau: Ich werde durch Länder reisen, in denen Männer es nicht gewohnt sind, eine sportlich aktive Frau in der Öffentlichkeit zu sehen. Länder, deren Sprache ich nicht spreche und wo ich deshalb nicht erklären kann, dass ich einfach nur gern Velo fahre und mein Sitzen im Sattel nicht als Einladung zum Sex zu verstehen sei.

Shebikerider Andrea Freiermuth und ihr Gepäck
Volle Satteltaschen: Andrea Freiermuth ist für (fast) alle Fälle gerüstet.

Zürich–Peking ist nicht meine erste Fahrradreise. Ich war als Solofahrerin unter anderem schon auf Kuba, Korsika und an der Westküste der USA unterwegs. Belästigt wurde ich noch nie. Auf den rund 12 000 Kilometern nach Peking werde ich auf mehr als der Hälfte der Strecke aber nicht allein sein, sondern von wechselnden Reisepartnern begleitet. Solo werde ich voraussichtlich nur durch, Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan radeln. Die nördlichen «Stan»-Länder gehörten einst zur UdSSR, ihre Bewohner sollten aus der Zeit des Kommunismus zumindest theoretisch wissen, was Gleichberechtigung heisst. Auch durch China reise ich allein, deshalb lerne ich zurzeit Chinesisch.

Wenn die Lust am Entdecken nicht wäre, würde mich wahrscheinlich meine Furcht zu Hause festbinden. Ich habe vor jeder Reise Existenzängste und denke bei jedem Abschied, dass ich meine Freunde und Familie vielleicht nie mehr sehen würde. Aber meine Neugier auf die Welt ist grösser, und ich habe inzwischen gelernt, meine Angst zu managen. Paradoxerweise gelingt mir das am besten mit dem Gedanken an die grösste Gefahr, der ich mich aussetzen werde: Autos und Lastwagen. Das Risiko besteht, von einem unaufmerksamen Verkehrsteilnehmer überfahren zu werden. Aber ich fahre auch zu Hause Velo. Das heisst, mir könnte auch ohne diese Reise etwas passieren. Das Leben als Radfahrerin ist gefährlich. Um meiner Leidenschaft frönen zu können, habe ich mich schon seit Längerem mit diesem Gedanken vertraut gemacht.

Und überhaupt: Heutzutage ist man im Notfall von fast jeder Ecke dieser Welt innerhalb von 24 Stunden wieder zu Hause. Ich fahre morgen einfach mal los. Aufgeben und abbrechen kann ich dann immer noch. Mit diesem Gedankenspiel habe ich es bisher immer geschafft, mir Mut zu machen. Auch, weil ich inzwischen weiss: Wenn ich erst einmal auf dem Velo sitze, dann verfliegt die Angst – und die Freude am Entdecken der Welt übernimmt.

Andrea Freiermuth bloggt regelmässig auf Shebikerider.ch; hier erscheint monatlich ein Best-of ihrer Blog-Beiträge.


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