07. Juni 2018

Eine Frau greift durch

Hinter dem sperrigen Titel «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» verbirgt sich ein exzellentes Drama mit grossartigen Schauspielern. Leider leistet sich Hollywood solche Filme nur noch fürs Oscar-Rennen, weil das US-Publikum sich für diese Art Kino kaum noch interessiert.

«Three Billboards Outside Ebbing, Missouri»
Die zornige Mutter Mildred Hayes (Frances McDormand) mit ihren Werbetafel-Anklagen (Bild: Twentieth Century Fox Home Entertainment Germany GmbH)

158 Millionen Dollar hat die britisch-amerikanische Koproduktion «Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» weltweit eingespielt, zwei Drittel davon ausserhalb der USA. Zum Vergleich: Der neueste Superhelden-Blockbuster «Avengers: Infinitiy War» spielte allein am Eröffnungswochenende in den Staaten 258 Millionen Dollar ein, fast fünfmal soviel wie «Three Billboards» in seiner gesamten Laufzeit in amerikanischen Kinos.

Und das obwohl der neueste «Avengers»-Film zum x-ten Mal die gleiche Story erzählt (übermächtiges Alien greift Erde/Universum an und muss von den vereinten Superhelden bekämpft werden, viel Action, viel Spektakel, das Übliche halt), derweil «Three Billboards» eine originelle Geschichte erzählt, von echten Menschen mit echten Problemen. Dass es dafür auch in den USA grundsätzlich ein Publikum gibt, beweisen die vielen qualitativ hochwertigen TV-Serien der letzten Jahre – doch dieses Publikum scheint sich kaum mehr ins Kino locken zu lassen. Oder jedenfalls nicht in genug grossen Mengen, dass sich entsprechende Filme rechnen, weshalb sie kaum noch jemand macht.

Dabei bietet auch «Three Billboards» Star-Power: Frances McDormand (eine Legende seit ihrem Auftritt als unerschütterliche hochschwangere Polizistin in «Fargo» ), Woody Harrelson («Hunger Games», «Solo: A Star Wars Story» , «True Detective»), Sam Rockwell («Moon», «The Green Mile» ) und Peter Dinklage ( «Game of Thrones» ), der übrigens auch in «Infinity War» einen Auftritt hat.

McDormand spielt Mildred Hayes, deren Tochter sieben Monate zuvor vergewaltigt und ermordet wurde. Der Täter ist weiterhin auf freiem Fuss, es gibt noch nicht mal eine Spur von ihm. Da bringen drei leere, riesige Werbetafeln an der Landstrasse die wütende Mutter auf eine Idee. Sie mietet die Tafeln beim lokalen Vermarkter für ein Jahr und lässt folgende Aufschriften anbringen: «Sterbend vergewaltigt» – «Noch immer keine Verhaftungen?» – «Wie kommts, Sheriff Willoughby?». Die Plakate lösen riesiges Aufsehen aus, dank Lokalmedien auch im weiteren Umfeld von Ebbing (ein fiktives kleines Kaff in den Weiten des Mittleren Westens).

Der Sheriff (Harrelson) kommt umgehend vorbei und versichert, dass er den Täter genauso gern hinter Gittern sehen würde wie sie, dass es aber nun mal trotz aller Bemühungen keine Spuren gibt. Für den Zuschauer ist es nicht leicht, sich auf die eine oder andere Seite zu schlagen, denn der Sheriff ist offensichtlich aufrichtig bemüht, den Fall zu lösen – und zudem unheilbar an Krebs erkrankt. Die Mutter wiederum hat einen harten, fast fanatischen Zug, der nicht nur sympathisch ist. Aber sie hat ja auch ihre einzige Tochter verloren, mit der sie sich kurz davor auch noch heftig gestritten hatte.

Gewannen beide Golden Globes und Oscars für ihre Rollen: Sam Rockwell als Officer Dixon, Frances McDormand als kompromisslose Mutter, die sich auch von der Polizei nichts bieten lässt.

Klar unsympathisch hingegen ist Willoughbys Untergebener, Officer Dixon (Rockwell), ein offener Rassist, der zudem für Mildred Hayes’ Aktion nicht das allergeringste Verständnis hat. Auch andere Bewohner des Orts positionieren sich, der Zahnarzt und der Pfarrer aufseiten des Sheriffs ( was Hayes nicht auf sich sitzen lässt ), andere hingegen zollen ihr Anerkennung, darunter der kleinwüchsige James (Dinklage), der die resolute geschiedene Frau schon länger aus der Ferne diskret anhimmelt.

Im Lauf der Geschichte passiert eine Menge (ein Suizid, ein Brandanschlag auf die Polizeistation, ein peinliches Dinner-Date, eine persönliche Läuterung), und am Ende haben sich alle zumindest ein bisschen weiterentwickelt, ohne dass sämtliche Probleme einfach so gelöst wären. Kein typisches Hollywood-Happy-End also, was wohl auch am europäischen Regisseur liegt.

Der Ire Martin McDonagh hat mit «In Bruges» (2008) schon einmal ein exzellentes Drama mit schwarzhumorigen Einsprengseln gemacht und nun auch mit «Three Billboards» reihenweise Preise abgeräumt, darunter vier Golden Globes (Bester Film, Bestes Drehbuch, Beste Hauptdarstellerin und Bester Nebendarsteller), zudem Oscars für Frances McDormand und Sam Rockwell. Und so lange Ruhm und Ehre in Form dieser Preise winken, wird Hollywood hoffentlich auch weiter jedes Jahr eine Handvoll qualitativ hochwertiger und anspruchsvoller Filme (mit-)finanzieren. Es wäre wirklich schade, wenn das US-Kino nur noch aus Super- und Actionhelden bestünde.


«Three Billboards Outside Ebbing, Missouri» gibts bei Ex Libris auf DVD und Bluray.


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