24. April 2019

Ein Volk auf Rädern

Seit 20 Jahren finden die autofreien Slowup-Erlebnistage statt. Über sechs Millionen Menschen haben schon teilgenommen – auf Velos, Inlineskates und Fantasievehikeln.

Mehrheit der Slowup-Teilnehmenden fährt heute Velo
Die Mehrheit der Slowup-Teilnehmenden fährt heute Velo. (Bild zVg)

Aus grauen Wolken fielen einzelne Tropfen. Das Wetter war trüb und kühl, der Sommer schien sich schon zu verabschieden. Am 3. September 2000 herrschten keine idealen Bedingungen für ein Freiluftevent. Die Veranstalter des allerersten Slowups fürchteten einen Flop – doch dann kam alles ganz anders: Gleich 30 000 Teilnehmende rollten an.

Sie fuhren auf Inlineskates und Velos; viele von ihnen trugen keinen Sportdress, sondern ganz normale Strassenkleider. Doch das machte nichts, denn beim Grossereignis ging es nicht um verbissen erbrachte Leistung, sondern um Entschleunigung: Die Strassen rund um den Murtensee sollten für einmal Leuten gehören, die es nicht eilig hatten.

«An dieser Grundidee hat sich seither nichts geändert», meint Christian Friker (35), Geschäftsleiter der Slowup-Serie. «Routen in schönen Landschaften werden für den Autoverkehr gesperrt. Velofahrer und Skater erobern die Strassen und erleben gemeinsam ein rollendes Volksfest. Die Teilnahme ist kostenlos, und niemand muss sich anmelden.» Verändert haben sich aber die Dimensionen: Rund eine halbe Million Menschen nehmen inzwischen pro Jahr an den Slowup-Events teil. Allein im Sommer 2019 sind in 17 Regionen Erlebnistage geplant – von Schaffhausen bis Locarno, vom Vallée des Joux bis zum Albulatal.

Die Migros und SportXX helfen als Hauptsponsoren tatkräftig mit, dass alles reibungslos funktioniert: Der Sportfachmarkt ist zum Beispiel mit einer mobilen Werkstatt vor Ort. Die ­Mechaniker flicken Veloschläuche, ersetzen gerissene Ketten und abgenutzte Bremsklötze.

Pannenhilfe für alte Drahtesel
Für ihre Arbeit verlangen sie nichts; nur die Ersatzteile werden verrechnet. «Die Pannenhilfe ist manchmal dringend nötig», sagt Caesar Keller von der Sponsoringabteilung der Migros. «Weil man sich kurzfristig zur Teilnahme an einem Slowup entscheiden kann, greift sich mancher Teilnehmer vorher den erstbesten Drahtesel. Und dieses Velo ist dann vielleicht ziemlich altersschwach.»

Zur vergnügten Stimmung bei den Events passen die Fantasievehikel, die manchmal im Getümmel unterwegs sind. «Einzelne Teilnehmer fahren Velos mit angeschweisstem Grill oder eingebauter Musikanlage», erzählt Friker. «Es gibt auch Leute, die auf einem historischen Hochrad anrollen. Früher wurde oft ein überdimensionales Skateboard mit Segeln gesichtet.»

Der Slowup hat Trends vorweg­genommen: Die Freizeitkultur ist heute spontan; dazu passt ein Spassevent, für den man sich nicht anmelden muss. Und eine Massenbewegung ohne Motoren könnte vor dem Hintergrund der Klimadebatte nicht aktueller sein.

Neben Velos gibts auch spezielle Vehikel
auf dem Hochrad

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