19. September 2016

Ein Vater sucht seine IS-Söhne

Joachim Gerhard fährt in die Türkei, nach Jordanien und Syrien, um seine Söhne zu finden. Eine verzweifelte Suche mit ungewissem Ende: Die beiden haben sich der Terrormiliz IS angeschlossen.

Ende Oktober werden es zwei Jahre sein, seit Joachim Gerhards Söhne verschwunden sind. Von einem Tag auf den andern. Sie hatten gesagt: «Papa, wir besuchen Freunde in Wien.» Sie hatten sein Auto ausgeliehen, einen BMW X5. Doch sie kamen nicht zurück. Das Auto fand die Polizei später in Gaziantep, 40 Kilometer von der türkisch-syrischen Grenze entfernt.

Jonas und Lukas sollen die beiden hier heissen, so nennt Joachim Gerhard (54), der Vater, sie auch in seinem Buch «Ich hole euch zurück!», das diese Woche erscheint. Darin beschreibt er, wie seine Söhne Anfang 2014 zum Islam konvertierten, unbemerkt die Reise nach Syrien planten und wie verzweifelt er sie seit ihrem Verschwinden sucht.

Mit dem BMW X5 fuhren Gerhards Söhne von Kassel bis kurz vor die syrische Grenze.
Mit dem BMW X5 fuhren Gerhards Söhne von Kassel bis kurz vor die syrische Grenze.

Jonas ist 23, als er sich dem Islamischen Staat (IS) anschliesst, Lukas 19. In ihrem Abschiedsbrief an den Vater steht, sie seien gegangen, um in Ehre und Wohlgefallen des Herrn zu leben. Sie wollten aufstehen gegen die Ungerechtigkeit in dieser Welt. Sie gingen, weil sie sich als Muslime in Deutschland eingeengt, sogar unterdrückt fühlten.

Als Joachim Gerhard den Brief liest, kommt ihm das vor, als wäre der erste Akt seines Lebens mit einem Schlag zu Ende gegangen. Es war ein erfolgreiches, schönes Leben mit Kindern, auf die er stolz war. Nun beginnt der zweite Akt, und er beginnt mit Trauer. Gerhard hat in wenigen Wochen so viel geweint wie sein ganzes Leben zuvor nicht. Dann aber weicht die Trauer dem Kampfgeist: Er will sie finden, seine Söhne, weil ohne sie alles, was er sich aufgebaut hat, nicht mehr viel Wert hat.

Sie waren anständige Jungs. Gerhard betont das mehrmals, es ist ihm wichtig. Anständig, charmant, hilfsbereit, behütet: Mutter deutsch, Vater deutsch. Man feierte Weihnachten und Ostern. Sonst spielte Religion im Leben der Familie keine Rolle. Die Eltern trennten sich zwar, haben aber nach wie vor ein gutes Verhältnis.

Jonas und Lukas hatten alles, was sie brauchten, und dazu noch vieles mehr. Keine zerrütteten Verhältnisse, keine Gewalt in Kindheit und Jugend, keine Vernachlässigung, wie sie sonst Biografien von Dschihad-Reisenden ausweisen. «Mittelklasseluxus» nennt Joachim Gerhard das Umfeld, in dem sie aufgewachsen sind. Im Haus des Vaters gibt es ein Schwimmbecken, an dem die Jungs viele Nachmittage mit ihren Freunden verbrachten. Es gab Cola, Bier und «Arschbomben» ins Wasser.

Sunniten? Schiiten? Gerhard lernt

Jonas und Lukas haben auch als junge Erwachsene fast täglich Kontakt mit den Eltern, ein Foto, eine Nachricht, ein Anruf. «Papa, wie geht es?» Der Vater besucht sie regelmässig in der Wohngemeinschaft in Berlin, wo beide in Ausbildung waren. Seine Jungs hatten Ideen und Unternehmergeist. Und sie wussten mitanzupacken. Schon als Teenager halfen sie im Immobiliengeschäft des Vaters mit. Der Ältere machte eine Schauspielausbildung. Der Jüngere wollte Pressefotograf werden.

Doch irgendwie kamen ihre Leben ins Stocken. Jonas fand, die Schauspielerei sei nichts für ihn: zu oberflächlich, «zu viele Arschlöcher». Er wollte wieder nach Kassel und schlug dem Vater vor, in seine Immobilienfirma einzusteigen. Es erstaunte Gerhard nicht, dass auch der Jüngere bald in seiner Firma arbeiten wollte. Jonas war für Lukas schon immer das Mass aller Dinge. Gerhard war dagegen, dass Lukas die Ausbildung abbricht. Aber Brüche gibt es im Leben, das weiss der Vater. Es war bei ihm nicht anders.

Joachim Gerhard wuchs in Darmstadt auf, einfache Verhältnisse. Fussball war sein Ding. Er lernte Bauschlosser, während er daneben täglich auf dem Rasen stand. Mit dem FC Offenbach spielte er in der 2. Bundesliga, rechte Verteidigung. Gerhard war ein Profispieler, der auf die Zähne biss, ein Arbeiter, schon damals. Eine Knieverletzung zwang ihn aufzuhören. Die Entschädigung, die ihm der Club zahlte, investierte er in einen Spargelhof in der Nähe von Darmstadt. Zu den Spargeln kam ein Rüstbetrieb für Salat und Gemüse. Er machte die Frühschicht, seine Frau löste ihn am Nachmittag ab. Gerhard war es wichtig, wenigstens am Abend die Kinder ins Bett zu bringen.

Das Geschäft florierte. Doch der Stress , das sahen er und seine Frau ein, war nicht gut für sie alle. 2003 verkauften sie den Betrieb und zogen nach Kassel. Es war das Jahr, als die von den USA angeführten Truppen in Bagdad, Irak, einmarschierten. Saddam Husseins Baath-Partei wurde verboten, die Sunniten entmachtet, dafür eine schiitische Regierung installiert.
Was hat der Irak mit Joachim Gerhard zu tun, der nun als Hausmann daheim blieb und viel Zeit mit den Jungen verbrachte? Geopolitik war nie sein Ding. Schiiten, Sunniten – dass es überhaupt verschiedene islamische Glaubensrichtungen gibt, war Gerhard unbekannt. Doch im zweiten Akt seines Lebens ist dieses Wissen von grosser Wichtigkeit.

Ein Video als letztes Lebenszeichen

Im Irak erstarkten islamistische Terroristen, die sich ab 2007 Islamischer Staat nennen. Ende 2013 eroberte die Terrorarmee auch grosse Gebiete in Syrien und errichtete in Rakka ihr Hauptquartier. Sechs Wochen nach der Abreise der Söhne traf das erste Lebenszeichen aus Syrien ein, ein Anruf von Jonas, Ende 2014.

Danach schickten ihm seine Söhne regelmässig Bilder von dem, was Gerhard das Jugendcamp nennt. Junge aus aller Welt, die zusammen grillierten und lachten. Jonas und Lukas schwärmten vom Islamischen Staat. Sie sagten: «Papa, hier wird den Menschen geholfen.» Bald, so war es geplant, sollen auch die Jungs mit der Arbeit in einem Kindergarten beginnen. Die Islamisten tarnen sich hinter einer Fassade von Barmherzigkeit.

Ein paar Wochen später, am 6. März 2015, brachen Jonas und Lukas mit einem Video auf WhatsApp mit ihrem alten Leben und mit ihrem Vater. Jonas sagte: «Du denkst, du bist ein Held, aber du bist das Gegenteil. Das Video ist für mich und für ihn (Jonas zeigt auf Lukas) eine Lossagung von dir (...). Jeder Bruder hier im Islamischen Staat, jeder Muslim ist mir lieber als du selbst, obwohl du mein eigner Vater bist. Warum? Weil du gegen den Islamischen Staat arbeitest.»

Gerhard ist traurig, aber auch verwirrt. Dieses Video ist das letzte Lebenszeichen von seinen Söhnen. Und das ist nun anderthalb Jahre her. Leben seine Kinder noch? Einmal kam eine Mail von einer dubiosen Quelle, sie seien tot: Eine Taktik des IS, um Eltern daran zu hindern, nach ihren Kindern zu suchen.
Joachim Gerhard sitzt am Gartentisch seines Hauses bei Kassel, die Sonne spiegelt sich in der Glasfassade hinter dem Pool. Zwei Hunde, eine Kaffeemaschine, die immer läuft. Im ersten Stock die Smokerslounge, die er mit seinen Söhnen eingerichtet hat, oben im Dachgeschoss noch die Zimmer. Er hat nichts umgeräumt.

Im Sommer 2014 führte er mit den Söhnen am Gartentisch Diskussionen über den Glauben. Gerhard weiss, dass Jonas nach seiner Rückkehr in Kassel einen alten Freund wieder traf. Er war schon vor einiger Zeit zum Islam konvertiert und verkehrte in einer somalischen Moschee, in der ein Türke auf Deutsch predigte.
Jonas ging hin, Lukas ging hin. Der Vater ging ein paar Mal mit.

Beten über Mittag

Er konnte keine radikalen Inhalte erkennen und sagte sich: Nur weil meine Söhne sich zum Islam bekennen, sind sie noch lange keine Islamisten. Er fragte sie. Sie sagten: «Papa, natürlich nicht!» Es befremdete ihn zwar, dass sie nun über Mittag beteten. Nach ihrem Verschwinden zerbrach sich Gerhard in schlaflosen Nächten den Kopf darüber, weshalb gerade seine Kinder für diese islamistischen Rattenfänger empfänglich waren, die Jonas und Lukas vor der Moschee, so hat Gerhard erfahren, abpassten und ihnen in Parks und Kellern den «rechten» Islam näherbrachten. Nicht mit Gewaltvideos, wie man sie vom IS kennt. Dafür, da ist er sich sicher, hatten seine Jungs nichts übrig.

Die Islamisten packten sie dort, wo seine Söhne empfänglich waren: Sie machten ihnen ein schlechtes Gewissen. Sie sagten, sie müssten den Frauen und Kindern in Syrien helfen, man könne nicht untätig zusehen.
Sie sagten, dass richtige Muslime nicht an materiellen Dingen hängen. Die Gruppe versprach Geborgenheit und Abenteuer. Und auch eine Alternative zu dem, was Jonas und Lukas kannten. Der Druck wuchs stetig. Anführer der Islamistengruppe passten Lukas ab, als er seine damalige Freundin im Park traf, und forderten ihn auf, die Beziehung zu beenden, weil die nicht im Sinne Allahs sei.

Fachleute nennen junge Erwachsene wie Jonas und Lukas «religiöse Analphabeten», die nur wenig über die Weltreligionen wissen und deshalb auch nicht gemässigt von extrem, gut von böse unterscheiden können.

Das ist der einzige Vorwurf, den sich Gerhard macht: Er hat seinen Kindern in Sachen Politik und Religion nichts mitgegeben, weil er sich selbst dafür nicht interessierte.

Inzwischen ist das anders. Statt auf dem Fussballfeld spielt Gerhard nun auf der Weltbühne. Er war unzählige Male an der türkisch-syrischen Grenze, kennt Schmuggler und Schlepper, die Waffen und Kämpfer von der Türkei nach Syrien schleusen und umgekehrt. Ein Freund der Söhne, der auch im Oktober 2014 nach Syrien gereist war, konnte so in die Türkei zurückgeholt werden. Schlepper hatten Lukas und Jonas zwar erspäht, kamen aber nie an sie heran.

Joachim Gerhard hat Kontakt zum jordanischen Geheimdienst. Er hat den jordanischen König Abdullah II. und seine Frau Rania getroffen. Er, der nicht mal richtig Englisch spricht, sitzt am Tisch mit Königen. Seine Reisen werden waghalsiger. Im Sommer war er zweimal im Norden Syriens.

Das Zimmer von Jonas, der Vater hat alles gelassen, wie es ist.
Das Zimmer von Jonas, der Vater hat alles gelassen, wie es ist.

Er will in jedes Gefängnis, zu dem er Zutritt erhält. Gerhard zahlt gut, da öffnen sich Türen. Vielleicht haben die Kurden bei der Rückeroberung der Gebiete die Jungs in Gefangenschaft genommen. Bisher war er nicht erfolgreich. Gerhard wurden aber – aus seiner Sicht – handfeste Hinweise zugespielt, dass seine Söhne noch leben.

Erst wenn er die Gewissheit hat, dass sie tot sind, wird er die Suche einstellen. Seine Söhne, sagt er, seien in diese Dschihadistensache hineingerutscht, aus jugendlicher Abenteuerlust, Unwissen und Naivität. Er konnte es nicht verhindern. Aber er kann dafür sorgen, dass sie und ihre Geschichte in diesem unfassbar brutalen Krieg nicht einfach unter Trümmern vergessen werden. 

Bilder: Bernd Hartung

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